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Warten auf das Coming-out Teil 1
Homosexualität ist das letzte große Tabu im Fußball. Dabei spielen auch in der Bundesliga etliche homosexuelle Profis. Sie führen ein verzweifeltes Doppelleben zwischen den Ansprüchen einer schwulenfeindlichen Männerbastion und den eigenen Bedürfnissen. Von Oliver Lück und Rainer Schäfer
Seinen richtigen Namen zu nennen, wäre zu gefährlich für ihn. Nennen wir ihn deshalb Enver. Aber seine Geschichte ist wahr, er ist einer der großen Stars in der Fußball-Bundesliga, den Millionen wegen seiner Fähigkeiten am Ball lieben. Den aber Millionen hassen würden, wenn sie wüssten, dass er keine Frauen, sondern Männer liebt.
Enver leidet, seit er sein Geld als Fußballprofi in der Bundesliga verdient. Er ist fremd in einer deutschen Großstadt und fühlt sich allein. Er ist homosexuell und traut sich nicht, mit jemandem darüber zu reden. Denn im Fußball, so viel hat er auch mit seinem schlechten Deutsch verstanden, ist schwul ein übles Schimpfwort, eine der schlimmsten Beleidigungen unter Männern. Um dem Verdacht vorzubeugen, hat er seinen Mitspielern erzählt, dass er sich nach mehreren Jahren von seiner Freundin getrennt habe. Jetzt sei erst einmal der Verein seine Geliebte.
Enver lacht gequält. Er hat versucht, nur Fußball zu spielen, wie der Trainer das von ihm verlangt. Aber er spielt besser, wenn er als Mensch zufrieden ist. Eine Zeit lang hat es funktioniert. Er kam zufrieden aus seinem Heimatland zurück und redete sich ein, dass der nächste Urlaub schon bald kommen würde. Aber je länger er hier leben muss, wie ein Kastrierter, der von Männern träumt und mit seinen Mitspielern von Frauen schwärmt, wird er gereizter und unruhiger. Seit wenigen Wochen verkehrt Enver abends in der Schwulenszene - einer unter vielen.
Bis jetzt. Einige kennen ihn schon. Diejenigen, die ihn erkannt haben, schweigen. Was könnte aber passieren, wenn einer redet? Enver hat Angst, dass sein geheimes Leben öffentlich wird. Manchmal hasst er sich dafür, dass er so ist, wie er ist: "Ich bin nur ein verdammter Schwuler. Ein Superstar aus Scheiße." Er schafft es nur noch selten, sich auf seinen Sport zu konzentrieren und ist manchmal so verzweifelt, dass er nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll.
"Es gibt immer mehr Menschen, die schwul sind, sicher auch Spieler der Bundesliga" (Arne Friedrich, Nationalspieler von Hertha BSC Berlin)
Enver ist kein Einzelfall unter den Profis der Fußball-Bundesliga. "In einigen deutschen Städten leben homosexuelle Fußballprofis unter ähnlichen Bedingungen. Ihre Angst vor Entdeckung und der Druck müssen enorm sein", weiß die Kulturwissenschaftler Dr. Tatjana Eggeling vom Institut für Kulturanthropologie und europäische Ethnologie in Göttingen. Eggeling habilitiert seit über zwei Jahren über "Homosexualität im Sport" und recherchiert dafür in verschiedenen Ländern. Um der Norm und dem Idealbild des heterosexuellen Sportlers zu genügen, werden von Spitzensportlern und deren Clans mühsam und aufwändig konstruierte Doppelidentitäten mit Frauen und Kindern geschaffen.
Die eigentliche Sexualität wird anonym in der Schwulenszene ausgelebt. "Man muss das sehr private und versteckte homosexuelle Leben und das öffentliche Leben so vereinbaren, dass die Profis den Druck aushalten", weiß Eggeling. Für die Fußballer mit gravierenden Folgen: "Es ist ein sehr hoher Preis, den man bezahlt. Unter den Sportlern existiert als Konsequenz ganz viel Selbstverleugnung und Selbsthass. Um damit halbwegs funktionieren zu können, sind enorme Verdrängungsleistungen notwendig."
Bewusst werden Persönlichkeiten der Spieler gespalten: Neben den echten, die nicht in Erscheinung treten dürfen, agieren die konstruierten, wie sie von Club, Mitspielern und Fans erwartet werden. "Das geht so weit, dass man sich betont heterosexuell verhält und kleidet, um von vornherein jeden Verdacht zu zerstreuen", so die Wissenschaftlerin. So werden schwule Fußballprofis zum Schauspielern gezwungen und zu Vertretern von Werten, die sie aus innerer Überzeugung ablehnen.
"Schwule Spieler muss es geben, aber ich weiß nicht wo" (Jürgen Rollmann, Ex-Profi von Werder Bremen)
Da Fußball und Homosexualität nach wie vor als unvereinbare Gegensätze gelten, gibt es offiziell im deutschen Profifußball keine Schwulen. Kein deutscher Profi hat sich bislang als Homosexueller zu erkennen gegeben, obwohl, statistisch gesehen, mindestens drei schwule Teams in den Bundesligen spielen müssten. Unter der Hand werden einige Namen gehandelt, aber offen möchte keiner damit umgehen. Stattdessen wird weiter Verstecken gespielt und viel Energie darauf verwandt, Fußball als angeblich schwulenfreie Männerzone zu erhalten. "Je bekannter die Profis sind, desto schwieriger wird es, die Fassaden eines solchen Doppellebens aufrechtzuerhalten", glaubt Tatjana Eggeling. Ein erfülltes Leben ist nicht möglich. "Sport ist einer der konservativsten Bereiche unserer Gesellschaft. Der Arbeitersport wurde jahrzehntelang nur von Männern und deren Sichtweise dominiert", erklärt Eggeling. Andere Lebensweisen finden da keinen Platz. "Das Fremde löst besonders viel Angst aus, auch weil Sport ganz nah an der Körperlichkeit dran ist. Dem wird besonders aggressiv und intolerant begegnet."
Zehn bis 15 Prozent der Deutschen sind angeblich lesbisch oder schwul. Alle gesellschaftlichen Kreise drängt es verstärkt zum Coming-out, nicht nur Berlin oder Hamburg werden von schwulen Bürgermeistern regiert, auch in der Bundespolitik stehen immer mehr Politiker zur gleichgeschlechtlichen Liebe, zuletzt der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle. Schwuler Alltag wird inzwischen im privaten und öffentlichen Fernsehen gezeigt, bevor die Kinder zu Bett gehen müssen, und auch bei der Bundeswehr gibt es eine "Arbeitsgruppe Homosexueller Soldaten".
Einzig der beliebteste Zweikampfsport verweigert hartnäckig die Beschäftigung mit dem Thema und lässt keine Liberalisierungstendenzen zu. Ein Klima der Angst wird restauriert. Die Spieler schweigen, weil sie fürchten, in einem auf Kraft und Härte verpflichteten Männerkosmos gedemütigt zu werden, in dem Homosexualität als Schwäche gilt. "Schwul" gilt in den Stadien als Platzhalter für alles, was den Fans nicht passt.
"Ein heißes Eisen, zu dem ich mich nicht äußern möchte. Ich kenne auch keine Fälle" (Christoph Metzelder, Nationalspieler von Borussia Dortmund)
Eine starke Persönlichkeit wäre vonnöten, um die Konsequenzen eines Outings auszuhalten. "Der erste Profi, der das auf sich nimmt, kommt nicht mehr zum Schlafen, zum Essen und zum Trainieren", mutmaßt Tatjana Eggeling. Ex-Nationalspieler Jens Todt pflichtet bei: "Der wird sicher ein Jahr lang niedergemacht, zu Hause und auswärts." Sicher ein Grund, warum die Klubs fast panisch reagieren, wenn Homosexualität thematisiert werden soll. Und so kommt es, dass selbst ein aufgeschlossener und aufmerksamer Profi wie Todt in 13 Jahren nicht mitbekommen hat, "dass einer schwul ist. Klar, kann man sich Gedanken machen, wenn einer nie eine Frau oder Freundin zu Feiern mitbringt. Aber zu den meisten Spielern hat man keinen engen privaten Kontakt".
Ein Zwangsouting, wie es in homosexuellen Künstlerkreisen immer wieder vorkommt, könnte im Fußball existenzbedrohend sein. "Das wünsche ich niemandem", sagt der Berliner Polizist Gerd Eiserbeck von den "Hertha Junxx", dem ersten offiziellen schwul-lesbischen Fanclub der Bundesliga. Eiserbecks Leben drohte nach seinem Zwangsouting vor einigen Jahren aus den Fugen zu geraten, die gewohnten Strukturen im Privat- und Berufsleben brachen von heute auf morgen weg. Der erste Profi, der sich dazu entschließen würde, sei ein "Versuchskaninchen", prognostiziert er. Ein treffender Vergleich, wenn man die Geschichte Justin Fashanus kennt, des bislang einzigen Fußballprofis, der sich zu seiner Homosexualität bekannte.
Dem öffentlichen Druck hielt der Engländer nicht mehr stand. Acht Jahre nach seinem Coming-out erhängte er sich 1998. Doch die Betroffenheit hielt nicht lange an. Zwar versuchte der damalige britische Sportminister mehrere schwule Fußballprofis davon zu überzeugen, öffentlich zu ihrer Homosexualität zu stehen und den Vorurteilen offensiv zu begegnen, jedoch erfolglos. Wer das Tabuthema anspricht, erfährt wenig Erhellendes. "Der 'SPIEGEL'", weiß Jens Todt, "wollte über Homosexuelle in der Bundesliga recherchieren. Die sind gescheitert."
"Wenn sich ein Spieler outen würde, wäre der Rummel groß. Gerade bei Auswärtsspielen müsste ein bekennender Homosexueller einen riesigen Druck aushalten. Irgendwann passiert es, aber noch ist die Angst zu groß" (Henning Bürger, Profi von Rot-Weiß Erfurt)
So kommt wenig Bewegung in die Geschichte, die Argumente sind bekannt: Viele Spieler denken ähnlich wie der frühere Kölner Abwehrspieler Paul Steiner - "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fußball spielen können" -, sind aber schlau genug, solche Ressentiments nicht öffentlich zu äußern. Auf der anderen Seite wirkt ein schwuler Präsident wie Corny Littmann beim FC St. Pauli weniger aufklärerisch als narzistisch, wenn er sexprotzerisch zum Besten gibt, wie viele Spieler er schon vernascht habe.
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Warten auf das Coming-out Teil 2
Gerd Eiserbeck ist einer der Aktiven bei den "Hertha Junxx", die seit August 2001 im eigenen und in fremden Stadien um Akzeptanz kämpfen. Nachdem die Mitgliederzahl zunächst sprunghaft angestiegen war, gerät die elanvolle Aufbauarbeit nun mehr und mehr ins Stocken. "Ich hätte schon eine andere Entwicklung erwartet", räumt der 36-Jährige ein, "ich bin etwas ernüchtert." 62 Mitglieder zählt der Fanclub auf dem Papier, gerade mal zwölf sind aktiv dabei. Insbesondere Auswärtsfahrten sind immer seltener geworden: "Da zeigen wir gar keine Flagge mehr, weil wir nicht wissen, wie reagiert wird."
Gerd kennt zwar als Polizeibeamter keine Angst vor körperlicher Gewalt, "aber es muss nicht sein, dass wir uns in Gefahr bringen". Dass keine Jüngeren nachrücken, macht ihnen ebenso zu schaffen wie die Tatsache, dass Bürgermeister Klaus Wowereit schon zweimal die Ehrenmitgliedschaft bei den "Hertha Junxx" abgelehnt hat. Jetzt hat sie die Grünen-Politikern Claudia Roth angenommen - ein Signal, das Auftrieb gibt.
Genauso wie die Kontakte zu anderen schwul-lesbischen Fanclubs in Mainz, Stuttgart, Dortmund, St. Pauli und Dresden. Auch ihre Flagge, die Regenbogenfahne, das Symbol der Homosexuellen, mit dem Hertha-Emblem, soll vergrößert werden. War sie bislang 1,80 auf 1,10 Meter, wird sie künftig 2,50 auf 1,80 Meter messen. Auch als Beweis für sich selber, dass man noch etwas bewegen kann. Aber vor allem als "Signal an schwule Spieler, dass es uns gibt", sagt Andreas Schluricke, Mitglied des Fanclubs und im Berufsleben Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten der SPD: "Wir wünschen uns, dass uns mal ein schwuler Spieler anspricht, um Erfahrungen auszutauschen - das muss kein Herthaner sein. Einer muss aber endlich mal den Anfang machen."
"Es muss homosexuelle Spieler im Profifußball geben. So konservativ, wie sich der Sport darstellt, erführe die betreffende Person aber sicherlich eine große Ablehnung" (Yves Eigenrauch, Ex-Profi von Schalke 04)
Im deutschen Frauenfußball wird weniger restriktiv mit Homosexualität umgegangen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen eher die Regel als die Ausnahme sind. Dementsprechend ist die Anzahl der lesbischen Spielerinnen in den Bundesliga-Clubs und im Nationalteam hoch, Trainerinnen inbegriffen. Ein Stillhalteabkommen besagt, dass die Spielerinnen privat tun können, was sie wollen, solange es nicht zum öffentlichen Thema und Ärgernis wird.
Die ganze Härte dieser scheinheiligen Regel bekam Martina Voss, eine der Ausnahmespielerinnen im deutschen Fußball der vergangenen zehn Jahre, zu spüren. Nach 125 Länderspielen wurde Voss kurz vor den olympischen Spielen 2000 in Sydney aus dem Nationalteam geworfen, weil sie wegen Problemen mit ihrer damaligen Freundin die Teilnahme an einem Länderspiel absagen musste.
Der DFB legte ihr nahe, sich nicht mehr zum Rauswurf zu äußern. Eine Warnung, die die heute 36-Jährige besser befolgt, wenn sie ihre Karriere als Trainerin beim Fußball-Verband Niederrhein nicht gefährden will. Voss' Suspendierung bringt die ehemalige Bundesligaspielerin Tanja Walther noch heute in Rage: "Das ist eine Form von Doppelmoral, über die ich mich tierisch aufgeregt habe. Der DFB ist äußerst konservativ. Da macht man Kampagnen gegen Drogen und diskriminiert andere Lebensformen. Obwohl Sport angeblich so verbindet."
Selbst die Vereinigung der Vertragsspieler (VDV), die sich als Fußballer-Gewerkschaft versteht, zeigt auf Anfrage ein rückständiges Verständnis von Homosexualität: "Es hat sich noch kein Spieler mit derartigen sexuellen Problemen Hilfe suchend an die VDV gewandt." Solange gleichgeschlechtliche Liebe als Problem, als etwas irgendwie Krankhaftes betrachtet wird, wird im Fußball kein Mentalitätswandel aus Verständnis für andere Lebensformen stattfinden.
Moral und Doppelmoral könnten aber bald in den Hintergrund treten, wenn homosexuelles Flair als Vermarktungssegment im Fußball nutzbar gemacht wird. Da der Fußball bislang noch alles zu Geld gemacht hat, könnte das androgyne Spiel mit den Geschlechterrollen, wie es sich Superstars wie David Beckham erlauben können, zu einer unerwarteten Hilfe für die schwulen Profis werden. "Die Beckhamania hat viel für die Schwulenszene getan", sagt Gerd Eiserbeck. Beckham wechselt als Rollenmodell ständig zwischen hetero- und homosexuellen Attitüden, allerdings ist schwul bei ihm kein sexuelles, sondern ein Modebekenntnis.
Obwohl offen hetero lebend, ließ sich der Engländer sogar für das Schwulenmagazin "Attitude" als Pin-up ablichten. "Als Vermarktungsfaktor ist das für den Fußball hoch interessant", glaubt Tatjana Eggeling. In der fußballinteressierten Schwulenszene gibt es jedenfalls - völlig unabhängig von der sexuellen Orientierung der Spieler - genügend vermarktbare Ikonen wie Fabien Barthez, Lars Ricken oder Sebastian Deisler.
Das gefährliche Spiel, wie ihm Profis wie Enver Tag für Tag ausgesetzt sind, könnte schneller beendet werden als über eine derart schleichende Aufweichung der Vorurteile gegen Homosexualität. "Es warten alle darauf, dass sich ein Spieler oder Ex-Spieler freiwillig outet und sagt: ,Es ist nicht schlimm, schwul zu sein. Man kann genau so gut Fußball spielen.' Das würde gerade den jungen Spielern ungemein helfen", glaubt Eggeling, "doch die Veränderungen müssen von innen kommen." Es würde den Männerkosmos Fußball fundamental erschüttern, wenn ein eisenharter Verteidiger, der Inbegriff des Anti-Tuntenhaften und Heterosexuellen, schwul wäre.
In den siebziger Jahren verbarg Heinz Bonn, hoffnungsvolles Talent des Hamburger SV, seine Homosexualität aus Furcht vor Karriereschäden. Bonn ertränkte seine Ängste im Alkohol und wurde 1991 tot aufgefunden - ermordet von einem Strichjungen. Was passieren wird, wenn ein Spieler wie Enver den Druck seines absurden Doppellebens nicht mehr aushält und wie Justin Fashanu oder Heinz Bonn endet, ist für Tatjana Eggeling offensichtlich: "Dann sind alle bestürzt und fragen: 'Was herrscht bei uns bloß für ein Klima?' Und die Bundesliga spielt zweimal mit Trauerflor."
Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »ramazzottionice« (29.10.2004, 11:59)
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) und viele Fans würden dann eben pöbeln...
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Doch leider sind viele Stadien noch überwiegend intellektuelle Grauzonen (selbst bei uns, denkt mal daran, wieviele Leute "Westtrebüne" schreien)
Was dir so auffällt! Dir muss echt langweilig sein im Stadion! Wie wär's wenn wir demnächst alle eine Stunde vor Spielbeginn unsere Aussprache trainieren?Benutzerinformationen überspringen
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"Schwulen Fußballprofis droht Drangsalierung"
In Deutschland gibt es Hunderte Fußballprofis. Aber offen schwul lebt keiner. Die Kölner Sportsoziologin Ilse Hartmann-Tews spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über Angst vor der Enttarnung, Bastionen der Männlichkeit und lesbische Sportlerinnen, für die das Outing kein Problem war.
SPIEGEL ONLINE: Frau Hartmann-Tews, Musiker, Schauspieler und Politiker outen sich als homosexuell, die Gesellschaft ist offenbar liberaler geworden. Trügt der Eindruck, dass nur der Profisport eisern an den althergebrachten Geschlechterrollen festhält?
Hartmann-Tews: Nein, das ist objektiv so. Man sieht es auch daran, dass es diesbezüglich so gut wie keine Untersuchungen oder Literatur gibt, zumindest im deutschsprachigen Raum. Es gibt bisher wenige Studien über Homosexuelle im Sport, die sich dann eher mit dem Thema Lesben und Sport aber nicht mit dem Thema Schwule im Sport beschäftigen. Das ist ein absolut blinder Fleck.
SPIEGEL ONLINE: Also ist der Sport die letzte Bastion, in der Homosexualität ein Tabu ist?
Hartmann-Tews: Der Spitzensport auf jeden Fall. Die Ausdifferenzierung des Sportsystems im 18. und 19. Jahrhundert war eng verbunden mit Idealen von militärischer Disziplin, Stärke und Kraft und wurde lange Zeit auch als hervorragendes Mittel zur Unterdrückung des männlichen Sexualtriebs propagiert. Besonders in den Teamsportarten wird im Spitzensport Männlichkeit in vielfacher Weise inszeniert. Es geht um Stärke, Macht, Durchsetzungsvermögen und Körpereinsatz. Das sind alles Merkmale, die nach altem Rollenverständnis ganz klar Männlichkeit signalisieren.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es überhaupt noch andere gesellschaftliche Bereiche, in denen es Homosexuelle derart schwer haben?
Hartmann-Tews: Das kann ich nicht genau sagen. Betrachtet man die Tabuisierung von Homosexualität aus der Perspektive der Angst vor Feminisierung dann fallen einem schnell die klassischen Männerdomänen Polizei und Militär ein. In diesen sozialen Teilsystemen spielt der Körper oft eine entscheidende Rolle, über ihn wird Leistung erbracht. Diese Bereiche haben sich lange gegen Frauen abgeschottet, es gibt dort erhebliche Ängste vor einer Feminisierung des Berufs Polizist und Soldat. Das Militär hat sich sehr langsam für Frauen geöffnet, bei der Polizei war es ähnlich. Die Angst vor einer Verweiblichung dieser alten Strukturen geht einher mit Furcht vor Prestige- und Machtverlust.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Homosexuelle aufgrund dieser Stigmatisierung im Leistungssport unterrepräsentiert sind, also weniger Schwule und Lesben Leistungssport betreiben als es ihrem statistischen Anteil in der Bevölkerung entspricht?
Hartmann-Tews: Ich denke, dass früh eine Selektion stattfindet. Viele junge Sportler, die sich innerlich zu ihrer Homosexualität bekennen, befürchten, dass sie nach einem Bekenntnis drangsaliert werden. Möglicherweise machen dann viele nicht bis zur Spitzenklasse weiter. Man weiß von den wenigen, die sich geoutet haben, was für ein langer Prozess dies war. Sie haben es zumeist auch erst nach Beendigung ihrer Karriere gemacht, auch weil sie befürchten mussten, dass Sponsoren abspringen. Das ist im Spitzensport, der solch eine kommerzielle Dimension bekommen hat, natürlich auch noch ein Punkt.
SPIEGEL ONLINE: Andererseits könnte es für die Wirtschaft doch sogar interessant sein, einen Homosexuellen als Werbestar aufzubauen. Die Werbebranche nimmt mit ihren Kampagnen inzwischen doch Schwule als kaufkräftige Zielgruppe ins Visier.
Hartmann-Tews: Diese Vision ist schön, aber man darf nicht unterschätzen, wie tief die Ängste vor homosexueller Ausrichtung in der Bevölkerung verankert sind. Man muss immer noch mit enormer Ausgrenzung rechnen.
SPIEGEL ONLINE: In den beiden deutschen Profiligen spielen rund 800 Fußballprofis. Von keinem einzigen ist bekannt, dass er homosexuell ist. Rein statistisch betrachtet unmöglich, oder?
Hartmann-Tews: Ich vermute, dass es einige Spieler gibt, die schwul sind, es aber auf keinen Fall nach außen tragen, aus Angst vor Stigmatisierung. Die wagen es nicht, sich zu outen.
SPIEGEL ONLINE: Diese Sportler müssen mit großer Disziplin ein Doppelleben führen. Was bedeutet es, über Jahre eine Fassade aufrecht zu erhalten, mit permanenter Angst, entdeckt zu werden?
Hartmann-Tews: Das ist eine unglaubliche Belastung. Allerdings kann das Outing noch schlimmer sein. Es gab einen englischen Fußballer, Justin Fashanu von Nottingham Forrest, der sich 1990 öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt hat, aber später unter dem Druck der Öffentlichkeit zusammengebrochen ist. 1998 hat er sich das Leben genommen. Die psychische Belastung, so etwas durchzustehen, kann man sich, glaube ich, gar nicht groß genug vorstellen.
Schwuler Fußballer Fashanu: Unter dem Druck zusammengebrochen
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Schwuler Fußballer Fashanu: Unter dem Druck zusammengebrochen
SPIEGEL ONLINE: Welche Strategien haben heimliche Schwule im Profisport? Ist es denkbar, dass sie sich in einer Art Überreaktion als "Super-Heteros" gerieren, um nur ja keinen Verdacht aufkommen zu lassen?
Hartmann-Tews: Das könnte gut sein, aber da gibt es sicherlich ganz unterschiedliche Bewältigungsstrategien. Da dies bis heute in Deutschland nicht untersucht ist, eben weil es ganz einfach keine Fälle gibt, wäre jetzt alles Spekulation.
SPIEGEL ONLINE: Würde das Bekenntnis eines prominenten Sportlers der Schwulenbewegung nutzen?
Hartmann-Tews: Ich denke schon, aber es wäre eine schwere Bürde für denjenigen, der das auf sich nähme. Die psychische Dimension eines solchen Outings wäre enorm, man kann keinen dazu drängen. Obwohl sich die Erkenntnis durchsetzt, dass Schwule keine Monster sind, dass sie nicht die Werte der Familie zerstören, dass man keine Angst vor ihnen haben muss, hätte es der erste prominente Sportler sehr schwer.
SPIEGEL ONLINE: Das heißt, ein Bundesligaspieler hätte jede Woche im Stadion einen Spießrutenlauf zu überstehen?
Hartmann-Tews: Definitiv. Interessant ist allerdings, dass es zunehmend schwul-lesbische Fanclubs gibt, die diese Starre von der anderen Seite her auflösen und das Thema in die Öffentlichkeit bringen. Vielleicht können die Schritt für Schritt ein Klima vorbereiten, in dem es möglich wird, dass schwule Sportler sich bekennen. Darüber hinaus gibt es in Europa inzwischen über 200 homosexuelle Sportgruppen und -vereine, davon fast die Hälfte in Deutschland.
SPIEGEL ONLINE: Man hat den Eindruck, dass lesbische Sportlerinnen sehr viel offener mit ihrer Sexualität umgehen als die Männer. Woran liegt das?
Hartmann-Tews: Wenn ein Mann nicht dem klassischen Rollenbild entspricht, wird dies von der Gesellschaft sehr viel härter sanktioniert, als dies umgekehrt bei Frauen der Fall ist. Der Tabubruch ist viel gravierender. Man weiß dies auch aus der Sozialisationsforschung. Wenn Mädchen in eine vermeintlich männliche Rolle verfallen, sich also etwa mit Technikspielzeug beschäftigen oder Fußball spielen, wird dies akzeptiert und eher sogar positiv bewertet. Wenn Jungen hingegen anfangen, mit Puppen zu spielen oder Ballett als Sportart wählen, also nach althergebrachtem Rollenverständnis feminin agieren, bricht immer noch bei vielen Eltern Panik aus. Dahinter stecken tief verwurzelte Ängste und Vorurteile.
Das Interview führte Jens Todt