Du bist nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Hannover 96 Forum. Falls dies dein erster Besuch auf dieser Seite ist, lies bitte die Hilfe durch. Dort wird dir die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus solltest du dich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutze das Registrierungsformular, um dich zu registrieren oder informiere dich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls du dich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert hast, kannst du dich hier anmelden.

Mumpf

96er

Registrierungsdatum: 21. August 2002

Wohnort: Hangover

  • Private Nachricht senden

1

Freitag, 5. November 2004, 15:35

FAZ: Heraus aus der Schublade und nichts wie weg vom Vorurteil

Hannover 96
Heraus aus der Schublade und nichts wie weg vom Vorurteil
Von Frank Heike, Hannover


05. November 2004 "Mir geht es immer gut", antwortet Martin Kind und zeigt Zähne. So wohl wie in diesen Tagen hat sich Kind als Vorstandsvorsitzender von Hannover 96 aber noch nie gefühlt. "Zum ersten Mal gibt es eine wirklich entspannte Situation bei uns", sagt er, "wir können den Klassenverbleib frühzeitig sichern und haben dann Planungssicherheit."


Keine Abstiegssorgen, kein Aufstiegsstress, kein nahender Trainerwechsel, keine Winterschlußeinkäufe, kein Ärger mit dem Manager - alles ist anders als sonst in diesen Herbsttagen. Kind, der 60 Jahre alte Inhaber einer erfolgreichen Hörgerätefirma, hat Hannover 96 in der Regionalliga übernommen, als der Klub praktisch pleite war.

Lienen beschert Vereinsrekord

Seitdem gab es trotz zweier Aufstiege nur selten Momente unbeschwerter Freude. Daß Kind nun strahlend durch die neue AWD-Arena geht, liegt an einem Mann: Trainer Ewald Lienen. Fünfmal nacheinander hat 96 gewonnen: Vereinsrekord. So kommt es, daß Hannover als Tabellenvierter völlig entspannt zu den Bayern nach München gereist ist, wo an diesem Samstag der Tabellenfünfte versuchen wird, die alte Hackordnung wiederherzustellen.

Zuletzt umarmten sich Kind und Lienen sogar vor Fernsehkameras - zwei wesensähnliche, asketische, rigide, manchmal verkniffene Männer. Hat sich da ein Paar gefunden, das die "Roten" im dritten Bundesliga-Jahr endlich in sichere Fahrwasser führt? Es scheint fast so, wenn man Kinds verklausulierte Lobeshymnen auf Lienen hört. Ein "sachlich konstruktives Vertrauen" herrsche zwischen den beiden, sagt Kind. "Er ist für Argumente zugänglich. Lienen tritt souverän auf und denkt in Organisationsebenen."

Ähnlicher als man denkt

Das erinnert Kind an seine Art, das Geschäft zu führen: stets gut organisiert, und das schon ganz früh am Morgen. Kind spricht weniger öffentlich als zu Ralf Rangnicks, Lienens Vorgänger, Zeiten. Das liegt auch daran, daß in Ilja Kaenzig endlich ein Manager von Format geholt wurde. Kaenzig, zu Saisonbeginn aus Leverkusen gekommen, übernimmt neben dem Trainer die Rolle der öffentlichen Person.

Lienen, an dem das Image des mißtrauischen Disziplinfanatikers klebt, versucht seit geraumer Zeit, sich zu öffnen. Ein Witzchen hier, ein frecher Spruch da. Der Trainer ist dazu übergegangen, nicht mehr hinter jeder Frage eine Falle zu vermuten. Es gab ein Fußballspiel gegen örtliche Journalisten als vertrauensbildende Maßnahme. Der 50 Jahre alte Lienen findet es logisch, erst einmal argwöhnisch zu sein: "Über Wochen wurde mein Kopf gefordert. Es gibt ja kaum mehr Geduld mit Trainern. Da wird man eben vorsichtig." Für seinen Vorgesetzten ist Lienens Grundhaltung verständlich. Kind sagt: "Er schafft ja nicht die Schubladen, in denen er steckt. Das machen die Meinungsbildner."

Lienens Vertrauen wurde belohnt

Vor dem Spiel in Rostock Ende September war Hannover Letzter. Die Fans brüllten "Lienen raus!". Rostock war die letzte Chance. Hannover gewann und hat seitdem nicht verloren. Das liegt auch an Thomas Christiansen und Nebojsa Krupnikovic. Der dänische Stürmer stand nach einem Streit mit Lienen auf der Streichliste. Doch der Trainer sprang über seinen Schatten und ebnete Christiansen den Weg zurück ins Team. Krupnikovic, in 17 Partien seit Lienens Dienstbeginn im März nur zweimal eingewechselt, sollte in Rostock die Kohlen aus dem Feuer holen. Er tat es. Seitdem glänzt er als Spielmacher.

Durch die Rückrufaktion hat Lienen im Team gewonnen und Loyalität geschaffen. "Krupnikovic ist ohne Einschränkung unser Spielgestalter. Aber er mußte körperlich erst wettbewerbsfähig werden", sagt Lienen. Da kommt man zum Kern seiner Lehre: Profifußball und Cola, Fanta, Fast food, das paßt nicht zusammen. Disziplin bleibt oberstes Gebot. Deshalb hat es Clint Mathis nach seinen abfälligen Gesten gegenüber Lienen im Spiel gegen Schalke schwer, zurück ins Team zu finden - er wird wohl im Winter gehen.

Schwungvoller Offensivfußball

Lienen vertraut auf eine starke Defensive, deren Stützen Torwart Enke und Verteidiger Mertesacker sind. Die ersten Siege kamen fast unbemerkt zustande: schmucklos, unansehnlich. Doch in der zweiten Halbzeit beim 3:0 gegen den VfL Wolfsburg und besonders beim 3:0 gegen den VfL Bochum vor einer Woche zeigte Hannover schwungvollen Offensivfußball. "Auch durch Konter kann man ein Spiel beherrschen", sagt Lienen. Vielleicht ist Hannover die letzte Chance für Ewald Lienen, noch einmal anders wahrgenommen zu werden. Kind sagt: "Der Trainer sieht hier die Gelegenheit, durch gute Arbeit sein unberechtigt negatives Image zu korrigieren. Es freut mich riesig, daß er sich so weiterentwickelt bei uns."


Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung

Thema bewerten