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Prado

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Freitag, 5. August 2005, 07:45

die tageszeitung: "Da hinken wir hinterher" (Teil I)

"Da hinken wir hinterher"

Ewald Lienen über fehlende Erfolge, die Möglichkeiten moderner Trainingssteuerung und seine Freude, wieder Talente in der Bundesliga spielen zu sehen. Ein taz-Gespräch zum Saisonauftakt
INTERVIEW FRANK KETTERER


Herr Lienen, noch 34 Bundesligaspieltage bis zur WM. Was erwartet uns in dieser Saison?
Ewald Lienen: Ich weiß nicht, ob wir schon von der WM reden sollten. Jetzt beginnt erst einmal die Bundesliga.

Sie sehen da keinen Zusammenhang?

Natürlich steht die letzte Saison im Land des Gastgebers ganz besonders im Blickpunkt. Zum einen, weil viele Nationalspieler in der Bundesliga tätig sind, zum anderen, weil der Fußball durch die WM generell ein größeres Interesse erfährt.

Entsprechend wurden schon im Vorfeld Rekorde vermeldet: Rund 400.000 Dauerkarten wurden verkauft, das Trikotsponsoring hat erstmals die 100-Millionen-Grenze überschritten, "Premiere" hat zuletzt wöchentlich rund 4.000 Neukunden hinzugewonnen. Hat die Bundesliga einen solchen Hype verdient?
Das werden wir sehen. Es liegt jetzt an uns, also an den Spielern, Trainern und Verantwortlichen, dieses Interesse zu rechtfertigen.

Selbst bei den Transfers haben die Vereine erstmals seit vier Jahren wieder tiefer in die Tasche gegriffen und über 75 Millionen Euro für Neuverpflichtungen ausgegeben. Bedeutet das das Ende der Kirch-Krise - oder ist es nur ein vorübergehender WM-Boom?
Es ist eine normale Entwicklung. Mit dem Beginn der Kirch-Krise standen den Vereinen quasi von einem Tag auf den anderen weniger Einnahmen zu Verfügung, während die Kosten ungefähr gleich geblieben sind, schon weil die Verträge mit den Spielern aus der Vor-Krisenzeit ja weiterhin Bestand hatten. Von daher war die Notwendigkeit, sparen zu müssen, zunächst noch größer. Nun, da man die Verträge einem anderen, niederen Niveau angepasst hat, steht den Vereinen auch wieder etwas mehr Geld für Spielereinkäufe zu Verfügung. Die Lage hat sich normalisiert.

Dann befürchten Sie nicht, dass nun die große Kaufwut ausbricht?
Nein. Wir haben ein sehr gutes Lizenzierungssystem, das die Vereine dazu zwingt, einigermaßen vernünftig zu haushalten.

Auffallend ist, dass von den 135 Neuverpflichtungen nur 57 Ausländer sind. Ist das ein Trend oder nur Zufall?

Ich hoffe sehr, dass das ein Trend ist - und dass es vor allem auch einer bleibt.

Wie sehr ist dieser in Gefahr, wenn wieder mehr Geld ins Spiel kommt?
Es ist doch schon in der Vergangenheit nicht so gewesen, dass man deutsche Talente nicht verpflichten wollte. Das Problem war nur: Es gab sie gar nicht. In den letzten Jahren aber sind immer mehr Vereine dazu übergegangen, Talente zu fördern und auszubilden. Und jetzt haben wir wieder eine Vielzahl, von denen neuerdings auch immer mehr in der Bundesliga oder der zweiten Liga zum Einsatz kommen.

Auch klangvolle Namen wie Jon Dahl Tomasson, Jesper Grönkjaer, Rafael van der Vaart oder Giovanni Trapattoni zieht es plötzlich wieder in die Bundesliga. Warum?
Da spielt die WM bestimmt eine Rolle. Ich hoffe aber auch, dass die Qualität unsere Vereine und unseres Fußballs etwas damit zu tun hat. Sicherlich haben wir zuletzt auf europäischer Ebene keine Bäume ausgerissen. Aber wir haben in Deutschland doch sieben, acht Topklubs mit richtig klangvollen Namen, während es in manch anderen Ländern nur zwei oder drei sind.

Dennoch hat DFB-Präsident Theo Zwanziger bezüglich der Liga festgestellt: "Da gibt es international Nachholbedarf."
Natürlich hat es international zuletzt an Erfolgen gefehlt, und natürlich müssen wir daran arbeiten. Aber wie gesagt: Bei uns ist es, im Vergleich zu manch anderem Land, nicht so, dass sich die besten Spieler auf ein oder zwei Vereine konzentrieren. In Portugal zum Beispiel gibt es den FC Porto und Benfica Lissabon, in Holland Ajax Amsterdam und PSV Eindhoven - danach ist schon Feierabend. Bei uns hingegen gibt es die Bayern, Schalke, Werder, Stuttgart, Hamburg, Hertha und, und, und … Wenn man alle Topspieler dieser Klubs ebenfalls in zwei, drei Vereinen bündeln würde, würden wir im Europapokal auch andere Erfolge erringen. Aber bei uns ist einfach die Konkurrenz größer. Oder, wie es Berti mal gesagt hat: Die Spitze ist breiter.

Und das heißt?
Das heißt, die Einzelqualität der Mannschaften hebt sich nicht so sehr voneinander ab. Das wiederum macht den Existenzkampf in der Bundesliga wesentlich härter als beispielsweise in Portugal oder Holland. Ein Verein, der in der Bundesliga und im internationalen Wettbewerb beschäftigt ist, hat eine ganz andere Belastung zu verkraften als so mancher Klub aus anderen Ligen. Die haben pro Saison vielleicht drei oder vier Top-Spiele und können sich ansonsten top auf den Europapokal vorbereiten.

Was ist mit den Vereinen in Spanien, England und Italien?

Die haben das gleiche Problem wie wir. Aber dort ist, wie zum Beispiel in England, die Vermarktung eine ganz andere, gerade was die Fernsehgelder angeht. Oder es wird, vor allem in Italien und Spanien, oftmals unseriös gewirtschaftet und konnten sich deshalb viele teure Superstars leisten. Nach unseren Maßstäben würden dort gut 50 Prozent der Vereine erst gar keine Lizenz erhalten. Real Madrid zum Beispiel war doch schon mausetot, die dürften eigentlich gar nicht mehr mitspielen.

In der Fünf-Jahres-Wertung der Uefa liegt Deutschland erstmals hinter Spanien, Italien, England, Frankreich und Portugal auf Rang sechs. Ist das gerechtfertigt?

Im Gegensatz zur Fifa-Weltrangliste gilt diese Rangliste als relativ korrekt, weil sie sich an den sportlichen Erfolgen orientiert.

1992 war Deutschland noch Erster. Was wurde verschlafen?

Da haben verschiedene Faktoren eine Rolle gespielt. Zum Beispiel ist in diese Zeit die Phase der Fernseh-Einzelvermarktung der Vereine gefallen. Das ging ungefähr los, als ich 1995 nach Spanien ging. Schon da verfügte ein eher durchschnittlicher Klub wie CD Teneriffa über das Doppelte oder gar Dreifache an Fernseheinnahmen wie die Spitzenklubs in Deutschland. Ein anderer Faktor war, dass uns just zu dieser Zeit ein bisschen die Toptalente ausgegangen sind.

Warum war dem so?

Vielleicht haben wir zu sehr ins Ausland geschielt. Ein anderer Punkt könnte aber auch sein, dass die Weltmeister von 1990, also die Völlers, Littbarskis, Brehmes und Matthäus', die letzte Generation von Straßenfußballern waren. Für die war Fußball der Lebensmittelpunkt. Heutzutage hingegen muss man für die Jugend erst mal Möglichkeiten organisieren, damit die überhaupt gemeinsam Fußball spielen können. Ich glaube, dass uns in diesen Jahren die anderen Länder weggelaufen sind, in dem sie schon weit, weit vor uns professionelle Ausbildungsstrukturen installiert haben, die selbst unseren heutigen Standards um Lichtjahre voraus sind. Wir hingegen waren ja gerade mal wieder Weltmeister geworden - und schon deshalb zufrieden. Meiner Meinung nach ist das überhaupt die Krux im deutschen Fußball: dass der Erfolg an erster Stelle steht und die Qualität nur an zweiter. Und solange der Erfolg noch da war, gab es keinen Grund, irgendetwas zu ändern, auch nicht die Ausbildung.

Ein Kritikpunkt an der Liga lautet, es werde nicht schnell genug gespielt.
Ach, wir bemühen uns doch auch, den Ball und das Spiel schnell zu machen. Fakt ist aber, dass ein schneller Fußball nur mit technisch überragenden Spielern möglich ist. Diese Leute sind uns zuletzt abgegangen. Da könnten wir in der Tat mehr von gebrauchen.

Teil II folgt ....

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