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Verein: Hannoverscher Sportverein von 1896

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Mittwoch, 9. August 2006, 21:25

HAZ: Der Spielmacher

Der Spielmacher

Martin Kind ist der Verein, und der Verein ist Kind: Mit seinem neuen alten Chef will Hannover 96 noch einmal glücklich werden

Von Achim Balkhoff
Hannover. Ausgebrannt war er, zerrieben von einer ihm wesensfremden Welt. Fußball-Bundesliga, diese Showbühne, auf der sich hinter den Kulissen so gern die Angeber, Abzocker und Alleswisser aalen, das hat ihm gereicht nach acht aufreibenden Jahren. Langfristig wollte sich Martin Kind diesem „eitlen Tanz“ nicht mehr stellen.
Vor elf Monaten zog er sich aus dem Tagesgeschäft zurück. Die privaten Gesellschafteranteile in Höhe von vier Millionen Euro sollten ihm fortan genügen. Seinen Verein Hannover 96 glaubte der 62-Jährige damals „strukturell und personell“ gefestigt genug, um auch ohne ihn weitermachen zu können. Er hatte den Traditionsklub und zweifachen deutschen Meister (zuletzt 1954) vor dem Konkurs gerettet, ihn von der dritten in die erste Liga geführt und der Stadt ein solide finanziertes WM-Stadion beschert. Den früheren Skandalklub hatte Kind in ein seriös geführtes, mittelständisches Unternehmen verwandelt. Das sollte reichen.
Es reichte nicht. Kind ist zurück. Wenn morgen die Fußball-Bundesliga wieder beginnt, mischt der millionenschwere Asket wieder mit. Kräftiger und mächtiger denn je. In nur vier Wochen hat der Mann, der sein Geld mit Hörgeräten gemacht hat, die Führungsspitze von Hannover 96 energisch umgekrempelt. Kind kaufte gemeinsam mit dem hannoverschen Immobilienunternehmer Gregor Baum für weitere vier Millionen Euro die Gesellschafteranteile des AWD-Vorstandsvorsitzenden Carsten Maschmeyer auf. Er löste den glücklosen Juristen Götz von Fromberg als Klubchef ab und übernahm von dem blass wirkenden Wirtschaftsanwalt Karl-Heinz Vehling vorübergehend die Geschäftsführung in der 96-Kernfirma „Sales und Service“. Außerdem strebt er den Vorsitz des Aufsichtsrates an, der das Bundesliga-Geschäft des Klubs überwacht. Was für eine Rolle rückwärts! Gesellschafter, Präsident, Aufsichtsratsvorsitzender, kommissarischer Geschäftsführer: Hannover 96 ist Kind.
Zu optimistisch sei er gewesen, räumt der Unternehmer nun selbstkritisch ein. Die „schwierige Führungsstruktur“, die sich nach seinem Rückzug ergab, habe er so nicht erwartet. Kind kartet nicht nach, verhehlt aber auch nicht, dass ihn das Erscheinungsbild des Vereins zuletzt arg besorgte. Mal habe von Fromberg als Präsident geredet, dann wieder Vehling als Geschäftsführer. Mal Ilja Kaenzig als Manager oder – nie zu überhören – Peter Neururer als Trainer. Wochenlang sei es dabei um elementare Dinge wie den Kurs des Vereins und die Transferpolitik gegangen.
Da aber jeder aus diesem Quartett oftmals eine andere Sicht der Dinge für sich beanspruchte, sei in der Öffentlichkeit ein diffuses 96-Bild entstanden, kritisiert Kind. Die strategische Ausrichtung von 96 konnte seiner Auffassung nach nicht mehr ausreichend vermittelt werden. „Spieler, Fans und Geschäftspartner müssen unsere Entscheidungsprozesse überblicken können. Ich habe den Eindruck gehabt, dass sie dies nicht mehr konnten.“ Ein aktueller Rückgang der Erlöse aus dem Vermarktungsgeschäft und eine Stagnation im Dauerkartenverkauf scheinen ihm Recht zu geben.
Also wurde gehandelt. „Es gab nur zwei Optionen“, unterstreicht Kind im Nachhinein, „entweder Maschmeyer übernimmt meine Anteile und hat das Sagen oder umgekehrt.“ Der AWD-Gründer und Großsponsor verzichtete mit dem offiziellen Hinweis auf seinen Job als Vorstandsvorsitzender eines börsennotierten Unternehmens. Ein 96-Engagement hätte zu Konflikten mit Aktionären führen können.
Derlei Rücksichten braucht Kind nicht zu nehmen. Vor 30 Jahren hat er das elterliche Fachgeschäft in der Windmühlenstraße in Hannover übernommen und ein florierendes Akustikunternehmen daraus gemacht. Heute ist er Arbeitgeber für 2100 Mitarbeiter. 200 sind in seiner Produktionsfirma für Hörgerätetechnik im thüringischen Kölleda (Nähe Weimar) beschäftigt. Der große Rest in dem Verwaltungs- und Forschungszentrum im heimischen Großburgwedel und in den inzwischen mehr als 400 Filialen von „Kind-Hörgeräte“ in 16 Ländern.
Es gibt nicht viele Fragen, auf die der „Spielmacher“ verhalten reagiert. Weshalb er sich bei aller Anstrengung und Verantwortung für sein Unternehmen noch Hannover 96 antue, ist eine davon. Er spricht dann gern von Herausforderungen, denen man sich im Leben stellen müsse. Er habe nun einmal 1997 – „ich muss verrückt gewesen sein“ – die Verantwortung für 96 übernommen und fühle sich weiterhin verpflichtet. Also ausschließlich Pflichtbewusstsein und Sorge um das Geschaffene? Oder doch die Spiellust? Vermutlich reizt ihn die Aufgabe, in einem Metier zu bestehen, das mit den kaufmännischen Gepflogenheiten eher wenig gemein hat. Wer intellektuell nicht in der Lage sei, eine strikte Abgrenzung zwischen normalem Geschäft und Bundesliga-Business zu ziehen, werde bluten müssen, warnt Kind.
Die Hälfte seiner Arbeitszeit habe er zu Beginn seiner ersten Amtszeit für 96 aufgebraucht, später seien es 80 Prozent gewesen. Dieser Mehraufwand für den Verein ließ sich nur durch Mehrarbeit insgesamt bewerkstelligen. „Der Arbeitstag hatte 14 Stunden.“ Er argwöhnt nun, dass sich der Vorgang wiederholt.
Ärgern wird ihn das nicht, denn Kind ist ein Workaholic. Urlaub? „Fast nie.“ Zum 60. Geburtstag gönnte er sich mal zwei Tage mit Ehefrau Renate. Bücher? „Kaum.“ Fernsehen? „N-tv, nach 22 Uhr.“ Bleibt die Musik. „Rockmusik. U2 oder Bruce Springsteen – und zwar gaaanz laut und im Auto.“ Je nach Laune wählt er dabei zwischen Porsche Cabrio oder Limousine mit Stern.
So richtig nett eingerichtet hatte sich der Kaufmann sein Leben nach 96. In seiner Heimatstadt Burgwedel kaufte er den „Kokenhof“– ein großes Fachwerkhaus, das er nach der Sanierung seit vergangenem Herbst wieder als Hotel und Tagungszentrum betreibt. Darüber hinaus gönnte er sich ein neues Steckenpferd, den Galopprennsport. Er wurde Mitglied im Aufsichtsrat des Hannoverschen Rennvereins, der von 96-Mitgesellschafter Baum seit einem Jahr sehr erfolgreich geführt wird. Gestütsbesitzer Baum war es auch, der Kind zum Kauf zweier Rennpferde anregte. Die Vollblüter Gladiole und Tyrana bescherten Kind vor vier Wochen die ersten Sieggelder: 4700 Euro.
Kind hat bisher Millionen in den Verein gesteckt, und doch wird er nicht müde zu betonen, dass Geld nicht der Antrieb für seine Rückkehr ist. „Wer Geld in einen Bundesliga-Klub steckt, muss wissen, dass es sich um Risikokapital handelt.“ An Gewinne sei bei Hannover 96 noch längst nicht zu denken, zunächst einmal müsse das Produkt, also Mannschaft plus Umfeld, gestärkt werden. Möglichst rasch soll deshalb diese „Graumäusigkeit der Plätze zehn bis 13“ verlassen und das internationale Geschäft angepeilt werden.
Auf diesem Niveau spielt fortan Innenverteidiger Per Mertesacker, hannoversches Eigengewächs und 29-maliger Nationalspieler. Mit ihm verliert 96 eine seiner wenigen Identifikationsfiguren an den Champions-League-Teilnehmer Werder Bremen. Im Gegenzug kassiert der Kind-Klub die bisher größte Ablösesumme der Vereinsgeschichte – unterm Strich mehr als sieben Millionen Euro. Noch im Frühsommer schienen die Bemühungen von Bremen – und wohl auch von Mertesacker – um einen Wechsel zu versanden. Kaum war Kind wieder da, machte er Dampf. Er forderte mehr Geld und den Bremer Nationalspieler Frank Fahrenhorst als nahezu gleichwertigen Ersatz. Vorgestern war das äußerst komplizierte Geschäft perfekt – gerade noch rechtzeitig zum Bundesliga-Start. Der Gegner am Sonntag heißt, ausgerechnet, Werder Bremen.
Es ist also angerichtet in Hannover: Der Klub wird wieder straff geführt, ein starker Geschäftsführer für „Sales und Service“ wird noch im September benannt. Vier Bewerber stellen sich einer Kommission, in der – welch Überraschung – Kind und Baum das Sagen haben. Favorit ist René C. Jäggi, früherer adidas-Manager und zuletzt Vorstandsvorsitzender beim 1. FC Kaiserslautern.
Die Mannschaft wiederum scheint – trotz des Mertesacker-Verlusts – in der Qualität stärker als zuletzt. Ob diese Entwicklung nach einer schwachen Rückrunde in der Vorsaison auf dem Rasen umgesetzt wird, wartet Kind gelassen ab. „Wir sind für beide Fälle gerüstet.“ Sollte das Team sich in der Tabelle bedrohlich nach unten orientieren, werde man „entsprechend“ reagieren. Dies gelte auch für den Fall, sollten im Winter noch Aussichten auf internationale Plätze bestehen. „Wir haben des Heft in der Hand, überlassen nichts dem Zufall.“ Nicht noch einmal.
[IMG]http://www.cosgan.de/images/smilie/sportlich/v095.gif[/IMG] FORCA HANNOVER!!

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