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Mittwoch, 20. September 2006, 15:53

RUND, ZEIT: "Fußball ist ein Theaterspiel" (Interview mit Kiefer über 96) I

© RUND, ZEIT online, 20.09.2006
"Fußball ist ein Theaterspiel"

Der Tennisprofi Nicolas Kiefer ist von Hannover 96 so begeistert, dass er mit dem Trikot seiner Lieblingsmannschaftauf die Centrecourts dieser Welt geht. Doch all das hindert ihn nicht an harscher Kritik:Wenn er so wenig trainieren würde wie ein Fußballprofi, würde er kein Match über fünf Sätze durchstehen, sagt der Hannoveraner, der die Scorpions meist am Flughafen trifft Das Interview führten Miriam Heidecker und Christoph Ruf für das Fußballmagazin RUND

Herr Kiefer, waren Sie wirklich schon immer Fan von Hannover 96?
Nicolas Kiefer: Ich glaube, dass es keinen Jugendlichen gibt, der noch nie Bayern-Fan gewesen ist. Ich war es auch, bis ich zehn oder elf Jahre alt war. Da sagte mein Vater: „Komm, wir fahren jetzt mal nach Hannover zu einem Spiel.“ Das war noch zu Zweitligazeiten. Keine Ahnung, gegen wen. Wir sind auf den Holzbänken gesessen, ganz oben im Stadion, unter ganz vielen Leuten, eine super Atmosphäre. Von da an wollte ich immer wieder zu den Heimspielen von 96.

Waren Sie traurig, als das Stadion, an das Sie sich so genau erinnern, umgebaut wurde?
Da geht natürlich etwas verloren, wenn man so einen traditionsreichen Bau abreißt. Andererseits ist man nun viel näher dran. Dieses reine Fußballstadion hat sicher auch viele dazu bewegt, sich mal wieder 96 anzuschauen. Letzte Saison waren es 16.000 Dauerkarten, diese Saison sollen es ja über 20.000 werden. Ich merke das selbst in meinem Freundeskreis, wo jeder über Fußball spricht.


Gerhard Schröder, die Scorpions, Oliver Pocher – gibt es noch andere Promis, die ins Stadion kommen?
Nicht, dass ich wüsste. Altkanzler Schröder trifft man in Hannover ja überall. Und die Scorpions sind genauso viel unterwegs wie ich, deshalb sehen wir uns eher am Flughafen.

Sie haben zuletzt mit einem 96-Trikot gespielt, auf dem die 69 aufgedruckt war. Warum das?
Letztes Jahr hatte ich meine ersten beiden Spiele mit den Roten. Ein Benefiz- und ein Freundschaftsspiel. Da brauchte ich natürlich auch eine Rückennummer. Die 96 war aber geschützt. Also haben wir die Zahl einfach umgedreht. Das Trikot kann man sogar im Fanshop kaufen, da hängt dann das Torwarttrikot mit der Nummer eins von Robert Enke und daneben die Nummer 69 von Kiefer. Super! In diesem Jahr fragte mich mein Ausrüster dann, ob wir für die deutschen Turniere dieses Trikot produzieren wollen. Damit habe ich dann auch wirklich gespielt.


Und wie war das bei den Spielen mit den Profis aus Hannover?
Es ist ja nicht so, dass ich der einzige Tennisspieler wäre, der Fußball spielt. Es gibt sogar richtige Länderspiele unter uns Profis. Da treten wir Deutschen gegen Franzosen oder Spanier an. Irgendwann kam eben diese Anfrage von den Roten, ob ich bei einem Benefizspiel mitmachen wolle. In der zweiten Halbzeit kam ich rein und habe auch prompt in der 60. Minute geknipst. Mit dem Kopf!

Bitte erzählen Sie.
Ich sah, wie Silvio Schröter den Ball reinflankt. Er kam direkt auf mich. Ich stieg hoch und drin war er. Ich habe wahnsinnig gejubelt, alle kamen auf mich zugerannt. Da bin ich abends mit meinen Freunden erst mal feiern gegangen. Und dann rief der damalige Trainer Ewald Lienen noch mal an: „Gute Leistung, Samstag nächstes Spiel.“ Wir spielten gegen eine Bezirksklassenauswahl. Und da gab es eine identische Situation. Nur dass ich ganz knapp vorbeiköpfte. Dann ging es auf den Rängen schon los: „Im Tennis haut er die Bälle ins Netz und im Fußball daneben!“

Hatten Sie gar keine Angst, dass Sie sich verletzen könnten?
Doch, es ging ja auch ganz schön auf die Knochen. Das ist aber so beim Fußball, da sind die Eins-gegen-eins-Situationen gefragt, und nur wer sich durchsetzt, kann was erreichen. Ich liebe den Mannschaftsport. Im Tennis bist du halt immer nur mit einem kleinen Kreis von Leuten zusammen. Umso wichtiger ist die Ausstrahlung auf dem Platz. Wie beim Fußball ist alles in gewisser Weise ein Theaterspiel. Die letzten vier, fünf Prozent spielen sich nur im Kopf ab, es kommt darauf an, wie man sich auf dem Platz verhält. Wenn einer nicht gut spielt, den Kopf aber oben behält, denkt man als Gegenspieler, dass da noch was kommt. Nehmen wir Roger Federer. Der zeigt nie Schwäche und ist immer präsent.

Hatten Sie schon einmal so eine Extremsituation, die Sie durch Körpersprache gemeistert haben?
Bei den Australian Open, im Viertelfinale gegen Sebastien Grosjean. Da war ich fast schon draußen, aber ich habe weitergekämpft. Im fünften Satz war ich platt. Ich konnte nicht mehr, ich konnte wirklich nicht mehr stehen, habe aber gesehen, dass es meinem Gegner genauso ging. Ich bin dann eben doch stehen geblieben. Sobald er sich umgedreht hat, habe ich Luft geholt, wenn er mich angeschaut hat, bin ich rumgesprungen. Er ist dann eingebrochen.
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Mittwoch, 20. September 2006, 15:54

RUND, ZEIT online: "Fußball ist ein Theaterspiel" II

Ein echter Zweikampf.
Auf jeden Fall. Man hat einen Schläger, einen Tennisball und muss versuchen, den Gegner zu schlagen. Beim Fußball wird halt jemand eingewechselt, der hilft, wenn zum Beispiel über rechts nichts geht. Und sonst hast du immer noch zehn Leute, die dir helfen.

In der Bundesliga kann angeblich jeder jeden schlagen – ist das auch im Spitzentennis so?
Abgesehen von Federer und Rafael Nadal, die Nummern eins und zwei der Welt, mit denen muss ich mich nicht messen. Für mich ist der Maßstab, gegen die Nummern drei bis sechs zu gewinnen. Aber eigentlich hat die Bundesliga auch ihren Federer. Er heißt eben FC Bayern.

Gerade fragt sich die Nation, ob die Fußballprofis ausreichend und richtig trainieren.
Wenn ich Schlagzeilen lese, dass Fußballspiele in die Abendstunden verlegt werden sollen, weil es nachmittags zu warm ist, dann denke ich nur: Bitte, bitte, bitte guckt euch doch mal andere Sportarten an. Wir haben doch in diesem Sommer das beste Wetter überhaupt gehabt. Was gibt es denn Schöneres, als bei der Wärme zu kicken? Da muss man das Training darauf einstellen, die Ernährung, alle Facetten seines Profisportlerlebens.

Angeblich ist die Trainingsintensität kaum noch zu steigern.
Wenn ich einmal am Tag trainiere, kann ich nicht erwarten, dass ich ein Nachmittagsspiel im Hochsommer aushalte. Wir Tennisspieler können doch auch nicht sagen, es hat 40 Grad, bitte setzt das Match auf 21 Uhr an. Die Fußballer haben doch wirklich ein schönes Leben. Die sind fast immer zu Hause, die ganze Woche, sehen ihre Familien, ihre Kinder, spielen mindestens vor 20.000 bis 30.000 Zuschauern. Außerdem wissen Fußballer immer, dass sie 90 Minuten Gas geben müssen, vielleicht mal 94. Ich weiß das nicht, weil ein Spiel mal eineinhalb, mal fünf Stunden dauert. Da geht es viel mehr über die Fitness.

Fußballer haben dafür nie ein Wochenende frei.
Und Tennisspieler? Fußballer haben aber den Sonntagmittag und den gesamten Montag frei. Wenn ich tauschen könnte, würde ich auf jeden Fall gerne mal ein Jahr Bundesliga spielen.

Das wäre erholsam für Sie.
Sagen wir diplomatischer, es wäre eine schöne Erfahrung. Ich spreche da auch oft mit Per Mertesacker drüber. Ich frage ihn dann, ob er und seine Kollegen das Gerede und die Klage über zweimal am Tag Training oder englische Wochen wirklich ernst meinen.

Sie haben einmal gesagt, Ihr Traum sei es, einmal eine Bundesligaminute zu spielen.
Ich will jetzt nicht sagen, dass ich es mir zutraue, aber Träume sind ja dafür da, dass sie wahr werden. Von der Fitness her würde ich es mir auf jeden Fall zutrauen.

Sie sehen auf Ihren Turnierreisen die ganze Welt und könnten überall leben – warum wohnen Sie noch immer in Hannover?
Bei vielen kommt Hannover nicht gut weg. Wegen mir muss auch nicht jeder hierher ziehen. Die Stadt hat sich in den letzten Jahren aber gut entwickelt. Wir haben den Maschsee, die Eilenriede ist der größte Park Europas. Außerdem schätze ich, dass die Leute sehr dezent sind, nicht so distanzlos wie anderswo, selbst wenn sie mich erkennen. Ich lebe gerne hier.

Weil es Ihre Heimatstadt ist.
Gerade wenn ich mit Niederlagen oder Verletzungen umgehen muss, brauche ich das Gefühl, ein echtes Zuhause zu haben. Ich bin fast jeden Tag unterwegs. Am Anfang genießt man das noch, irgendwann ist aber ein Hotel wie das andere. Ich freue mich mittlerweile wie ein Kind, wenn ich die Haumannskost meiner Mutter bekomme oder mal mit Freunden ganz gepflegt grillen kann.

Welche Städte sind Ihnen auf Ihren Weltreisen besonders ans Herz gewachsen?
New York und Melbourne. In Melbourne ist alles ein bisschen ruhiger, die Leute sind entspannt, in New York gefällt mir der Trubel und das Verrückte. Man sagt ja, New York sei die unamerikanischste Stadt der USA. Die wissen wenigstens, wo Europa liegt. Wenn man sonst Amerikaner nach Deutschland oder Frankreich befragt, haben die keine Ahnung. Es ist ja auch fast unmöglich, irgendwas über Europa in den Nachrichten zu erfahren. Wie oft ist es mir passiert, dass ich gesagt habe, ich komme aus Deutschland, und mancher meinte, dass das gleich neben Russland liege.

So viel Ignoranz nervt Sie?
Wenn ich rüberfahre, kann ich mir die ersten zwei, drei Wochen gar nicht vorstellen, da zu leben. Irgendwann schalte ich dann komplett ab und sage mir: Ihr seid halt so. Andererseits schätze ich das Easygoing dort.

Sind Ihnen solche Eigenschaften wichtig?
So etwas macht Menschen zwar angenehmer, aber Ehrlichkeit ist mir zum Beispiel viel wichtiger. Gerade im Tenniszirkus gibt es viele Leute, die dich angrinsen und dir von hinten das Messer in den Rücken rammen. Ich weiß, dass ich mit meinen Äußerungen manchmal anecke. Am Anfang habe ich noch versucht, es allen recht zu machen, habe dann aber gemerkt, dass ich das eigentlich nicht will. Von meinem Kumpel Fredi Bobic habe ich gelernt, wie wichtig es ist, dass sich die Leute nicht verbiegen.

Privat unterstützen Sie zwei Projekte, die sich um Kinder kümmern, die vom Schicksal nicht verwöhnt wurden.
Ich unterstütze zwei Charity-Projekte, und die sind mir beide sehr wichtig. Das eine heißt „Bed by night“. Es bietet Straßenkindern in Hannover eine Schlaf- und Unterkunftsmöglichkeit. Inzwischen haben wir dank vieler Spenden neue Containerunterkünfte besorgen können. Wenn es meine Zeit erlaubt, gehe ich dort vorbei. Das Schöne ist, dass die meisten dort nicht wissen, wer ich bin. Einmal saß ich auf einem Sofa, ein Jugendlicher setzte sich neben mich und fing ein Gespräch mit mir an. Dann schaute er mich an und fragte mich, warum ich denn eigentlich hier sei. Ich suchte dann den Augenkontakt zur Betreuerin, die es ihm dann erklärte. Er hat dann ganz locker reagiert und wir haben uns noch weiter unterhalten.

Ein weiteres soziales Projekt ist die Aktion „Kindertraum“.
Dabei wird schwer kranken oder mittellosen Kindern ein Wunsch erfüllt. Das ist manchmal nicht einfach. Einmal war schon eine Reise in die USA geplant und alles gebucht. Dann starb das Kind leider, bevor wir ihm den Wunsch erfüllen konnten.

Wie nehmen Sie derartige Erfahrungen in Ihren Alltag mit?
Wenn ich zum Beispiel ein Match verliere, denke ich: „Mann, dir geht es so gut. Was ärgerst du dich über so was?“ Ich habe mal mit einem Kind, das an Muskelschwund litt, Tennis gespielt. Es hatte zuvor noch nie einen Schläger in der Hand gehabt. Aber er hat dann über zehn Bälle am Stück übers Netz gespielt. Das ist richtig schön, wie sich ein Kind über kleine Sachen freut. Als ich das nächste Mal wieder zu Hause war, habe ich ihn gefragt, ob wir wieder ein paar Bälle schlagen sollen. Er meinte, es gehe nicht mehr, weil er zu schwach dafür sei. Dann schlug ich ihm vor, ein bisschen Fußball zu spielen. Aber selbst das ging nicht mehr. Der Kleine ist jetzt tot. Und man selbst ärgert sich über rote Ampeln.

Nicolas Kiefer wurde am 5. Juli 1977 im niedersächsischen Holzminden geboren. Der 29-Jährige begann mit acht Jahren, Tennis zu spielen. Zwölf Jahre später, 1997, startete er seine Profikarriere. Deren Höhepunkte waren vor allem die Silbermedaille im Doppel mit Rainer Schüttler bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen und die Mannschaftsweltmeistertitel 1998 und 2005 in Düsseldorf. Doch immer wieder brachten Verletzungen, zum Beispiel eine chronische Fußverletzung im Jahre 2000, seine sportlichen Planungen durcheinander. Dieses Jahr stoppte ihn eine Handverletzung, die er sich bei den French Open zuzog. Kiwi, wie Nicolas Kiefer auch genannt wird, belegt zurzeit Platz 30 der Weltrangliste (Stand: 1. September).

© RUND, ZEIT online, 20.09.2006
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