Deutsche Nationalmannschaft

  • Ich habe mir tatsächlich seit langem mal wieder zwei Länderspiele angeguckt und fühlte mich tatsächlich gut unterhalten. Am Freitag kickte man gegen deutlich überlegene Niederländer und führte glücklich zur Pause 1:0 und nach der Pause nahm das Spiel seinen erwartbaren Verlauf, aber das Spiel der Niederländer war schön anzuschauen.

    Am Montag kickten dann zwei gleichwertige Mannschaften gegeneinander, von denen die etwas effizientere gewann. Soweit so gut, nur ist das ja nicht der Anspruch der deutschen Mannschaft gegen Nordirland mit Ach und Krach zu gewinnen und mit, wie hier schon genannten, einfachsten Mitteln Schwierigkeiten zu haben.


    Erstmal kurz meine Eindrücke zu den beiden Spielen:


    Bester Spieler in beiden Spielen war mMn Neuer, das sagt schon einiges.

    Auf der AV hat man ein massives (teils selbst verschuldetes) Qualitätsproblem, Halstenberg und Klostermann haben beide nicht das Niveau dass man für eine Nationalmannschaft benötigt. Gerade Halstenberg war gegen Nordirland, trotz seines schönen Tores, absolut unterirdisch. Keine Zweikampfhärte (mehrfach einfachst von den Nordiren abgekocht), krasse Mängel im Passspiel und eine Geschwindigkeit die nicht ausreicht für die Außenbahn. Aber Nico Schulz war gegen die Niederländer nicht besser, offensiv hui defensiv nicht existent. Wie ein moderner AV spielt zeigte eindrucksvoll der LV der Nordiren am Montag. Ein richtig guter Kicker!


    Zur IV wurde schon vieles geschrieben, sicher auch eine Baustelle. Bis auf Süle hat sich da keiner für weitere Aufgaben empfohlen.


    Das Mittelfeld. Warum zur Hölle spielt Kimmich im DM? Weiß das jemand? Der ist als Rechtsverteidiger absolut in der internationalen Spitzenklasse, als DM aber nur unterer Durchschnitt. Der wirkt da wie ein Jugendspieler der mal in der Ersten mitspielen darf. Wird jedes mal körperlich einfach abgekocht.

    Entweder als RV mitnehmen und wenn er das nicht will, kann er gerne zuhause bleiben. Als DM braucht man ihn definitiv nicht.

    Kroos spielt wie Kroos eben spielt, er braucht halt einen defensiven Abräumer und v.a. tieferstehenden 6er/8er neben sich. Das kriegt halt ein Kimmich nicht hin.


    Die offensive Dreierreihe. Reus darf/muss bei Löw natürlich auf der Position spielen auf der er noch nie funktioniert hat, als zentraler Spieler dieser Dreierreihe. Kriegt halt dementsprechend wenig hin in beiden Partien, gerade gegen Nordirland sehr, sehr schwach.

    Brandt gegen die Nordiren sehr engagiert und einer der besseren, ihn (bzw. Havertz) in die Mitte und Reus nach außen würde mMn wesentlich besser funktionieren.

    Gnabry in beiden Spielen einer der besseren, jeweils mit Tor braucht dafür aber viel zu viele Chancen.


    Kommen wir zum Sturm. Der Achillesferse des deutschen Spiels. Es gibt nämlich keinen. Allein dass man da gezwungen ist einen Werner spielen zu lassen zeugt von der völlig verkorksten Ausbildungsphilosophie in Deutschland in den letzten 10-12 Jahren.

    Aber zu Werner selbst, hing halt völlig in der Luft in beiden Spielen. Kann sich gegen körperlich robuste IVs nicht durchsetzen und ist nur zu gebrauchen wenn es zu schnellen Umschaltmomenten/Kontern kommt (wie in Leipzig) und braucht wie Gnabry viel zu viele Chancen für Tore. Achja, wenn er zentral vorne drin ist braucht man es auch gar nicht erst mit Flanken probieren, da passiert eh nix. Ja, das 1:0 gegen die Nordiren fiel nach einer Flanke, aber da war auch nicht Werner im Zentrum sondern Brandt. ;)

    Auch dass Werner noch bei Leipzig spielt hat genau mit dieser Eindimensionalität in seinem Spiel zu tun, bis auf Liverpool mit Abstrichen, spielt kein Spitzenverein mehr dieses krasse Pressing/Gegenpressing.


    Nur woran liegt das ganze? Dazu muss ich etwas ausholen und vielleicht wiederhole ich mich auch mit Sachen die ich schonmal schrieb. Man verzeihe mir! :)


    Die Misere begann vor ziemlich genau 10 Jahren, man hatte gerade in allen U-Bereichen (-17/-19/-21) die EM gewonnen und war ziemlich im Siegestaumel versunken. Man hatte 10 Jahre vorher das Ausbildungssystem radikal umgestellt und fuhr jetzt die Erfolge dafür ein, mit individuell starken aber dennoch mannschaftsdienlichen Spielern.

    Die anderen Nationen schauten ganz genau hin (v.a. die Engländer und haben mittlerweile die Deutschen in der Ausbildung ziemlich abgehängt).

    Gleichzeitig machte sich in der Bundesliga ein Trend breit, den ein gewisser Jürgen Klopp "erfand" und mit Erfolg vermarktet hat.


    Pressing/Gegenpressing.


    Diese Spielart welche darauf beruht möglichst wenig den Ball zu haben und wenn man ihn doch mal hat bolzt man ihn möglichst weit nach vorne um auf den "zweiten Ball" zu gehen. Kick and Rush nannte man das in den 90ern und nichts anderes war es.


    Klopp hatte aber Erfolg damit und in der Folge dessen dachte ganz Fußballdeutschland "Geil, so spielen wir auch!". Was dann geschah durfte man jahrelang beobachten. Es bestand gar kein Interesse mehr daran Fußball zu spielen, sondern nur daran das Spiel der anderen Mannschaft zu zerstören.

    Fußballspielende Mannschaften wurden bestraft.

    Hannover ist ein perfektes Beispiel dafür, mit der Pressing/Gegenpressing Taktik bis auf Platz 4 und als man sich weiter entwickeln wollte wurde man ein Opfer seines eigenen Erfolgs.

    In der folge konnte man vor allem in der Europa League jeden Herbst beobachten wie deutsche Vereine es nicht hingekriegt haben gegen absolute No-Name Teams Fußball zu spielen.


    Was das alles mit der Nationalmannschaft zu tun hat? Die Spieler aus den oben erwähnten erfolgreichen Jahrgängen sind mittlerweile gestandene Nationalspieler oder sogar schon ehemalige.

    Aber nach diesen Jahrgängen setzte im Nachwuchsbereich eine verhängnisvolle Entwicklung ein, denn das Pressing/Gegenpressing System erfordert absolute Taktikhörigkeit und erlaubt keinerlei Individualität. Wenn man das schon im Nachwuchs anbringt und versucht jegliche Individualität zu unterdrücken kommen halt taktisch ziemlich eindimensional ausgebildete Spieler heraus die so auf ein System fixiert sind dass ihnen jeglichen Werkzeuge fehlen um unerwartete Situationen zu lösen und die eine perfekt funktionierende Mannschaft brauchen um ihre Leistung abrufen zu können.


    Der zweite große Fehler wurde gemacht als plötzlich der 6er der neue heiße Scheiß war. Plötzlich wurden alle guten Kicker in den Nachwuchsmannschaften zu 6ern umgeschult, was vor allem auf den Außenpositionen zu einem massiven Kahlschlag an guten Spielern führte.

    Man hatte nun zwar zwei, drei richtig gute, zig okay und viel unterdurchschnittliche 6er "produziert" aber gleichzeitig keinerlei brauchbare AV in den Nationalmannschaften mehr.


    Kommen wir zur letzten Problemposition, dem Sturm.

    Durch die oben genannte Fixierung auf Pressing/Gegenpressing war natürlich der schnelle, wendige Stürmertyp gefragt und auch gefordert. Dementsprechend wurde ausgebildet. Was heute dazu führt dass man keinen Stürmer internationaler Klasse hat, der für Deutschland spielberechtigt wäre.


    Dies alles sind absolut selbstverschuldete Probleme die sich in den Nachwuchsbereichen schon vor vielen Jahren abzeichneten, was aber ignoriert wurde.

    Mittlerweile sind einige Nationen in der Nachwuchsausbildung am DFB vorbeigezogen und man rennt hinterher.

    Havertz kann man da schon als Erfolg der Änderungen sehen, nur hat man mittlerweile nicht mehr diese Talentedichte wie man sie vor 10 Jahren hatte.


    Grundsätzlich finde ich im deutschen Nachwuchsfußball so einige Dinge ziemlich befremdlich...das ganze ist mittlerweile zu einer Parallelfußballwelt geworden, die ziemlich unter dem Radar läuft. Da wird munter von Hamburg nach München, von Frankfurt nach Berlin gewechselt und das jeden Sommer. Da haben einige Nachwuchsspieler schon mehr Vereine in der Vita stehen als so mancher Profi.

    Da sollte man es so wie die Engländer machen, Nachwuchsspieler dürfen maximal 90 Minuten Fahrstrecke zum Verein haben (und dürfen nicht außerhalb wechseln), damit würde man dieses Wechselfieber in den Griff bekommen.


    Und zum Schluss ein paar Punkte wie es in der Nachwuchsförderung wieder besser werden könnte:


    1. Individuelle Entwicklung vor mannschaftlichen Erfolg

    2. Individualiät der Spieler fördern

    3. Keine an den Trend angepassten Umschulungen von Spielern mehr

    4. Alle Spielertypen fördern, auch wenn es für einige momentan keinen "Markt" gibt


    So, das wars.


    Vielleicht ist es teilweise ein bisschen polemisch geworden. Aber das soll ja zu Diskussionen einladen. Vielleicht findet ja der ein oder andere was. :)