• Wow, ich bin tief beeindruckt. Danke für deine offenen Worte, niedersachse.


    Dem schließe ich mich an und natürlich wünsche ich Dir, dass Du Menschen hast, die genug Geduld aufbringen.
    Das gilt übrigens auch für die offenen Worte von Chris und prickel. Ich finde es schön zu sehen, dass die Behauptung, Robert Enkes Tod hätte letztlich nichts geändert auch in so einem kleinen Kreise widerlegbar ist. Eine derart offene Umgangsweise mit dem Thema Depressionen oder depressiver Stimmungen oder Ähnlichem hat es meinem Empfinden nach vorher nicht gegeben. Und wenn man sich das so überlegt, ist das eigentlich schade. Denn es handelt sich ja eben um nichts, für was sich jemand verstecken muss.

    Einmal editiert, zuletzt von Sujo ()

  • Ich hoffe und wünsche mir, dass das hier auch nach diesem 10.11. weiterhin ein Thema bleibt, bei dem man sich mal austauschen kann.


    Konnte ja bei den geschilderten Dingen hier durchaus einiges Selbsterlebtes wiederfinden. :ja:

  • Depressionen, oder vielmehr depressive Phasen, wird wohl jeder einigermassen reflektierte Mensch mal erleben.
    Die Grenzen sind da fließend, anders als bei Beinbruch: ja/nein.

  • Ich möchte das Thema jetzt nicht gänzlich zerreden, aber eine Depression ist ein pathologischer Befund und eine depressive Phase die "jeder einmal erlebt", ist eine "Gemütsschwankung". Eine depressive Phase ist ein Gemütszustand, den der Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt braucht, um neue Energie zu tanken, die er braucht, um seine psychische Verfassung wieder zu stabilisieren. Eine Depression hingegen ist ein "selbstzerstörender" psychiatrischer Befund. Für einen Laien ist der Unterschied vielleicht nicht gleich sichtbar. Diagnostisch gibt es aber eigentlich keine Grauzone.

  • Medikamente helfen auch nicht wirklich, da es meiner Meinung nur einen Weg gibt... sich den Dämonen zu stellen...


    Da möchte ich Dir widersprechen. Medikamente helfen entscheidend und sind enorm wichtig. Man benötigt dafür einen guten Arzt und muss ein bischen ausprobieren. Es gibt Mittel, die helfen gar nicht oder machen übelste Dinge mit Dir. Und andere sind perfekt für Dich.


    Oft hilft nur die Kombination aus Therapie und Medikamenten.


    Weshalb ich so drastisch bin: Ohne Medikamente weiß ich persönlich nicht, ob ich heute noch da wäre.


    Im Übrigen hat das SHG-Cris auch bestätigt.


    Und nun zu den sehr guten Worten von Cris:

    Zitat


    Wenn man zehn Depressionskranke fragt, was ihr größtes Problem ist, werden acht auf Anhieb sagen, dass es die große Antriebslosigkeit ist, die anderen beiden werden es spätestens an dritter Stelle nennen.


    Das ist ein wichtiger Punkt. Da geht es mit dem „nicht verstehen“ von Freunden und Angehörigen los. Wenn alles gut geht und ich normal einschlafe (was übrigens auch nur mit den richtigen Medikamenten funktioniert), stehe ich in etwa nach zehn Stunden auf. Danach bin ich relativ fit, aber nie so wie ich es mal war. Der Grund: Der Tag an sich bereitet mir sozusagen gleich nach dem wach werden große Probleme. Wenn nur ein oder gar zwei Termine anstehen, werde ich nervös. Das können Termine wie beim Friseur oder ein Gang zur Post sein, nichts weltbewegendes. Und ganz schnell wird aus dem relativ fit sein ein körperlich verspanntes, unruhiges „Ich“.


    Den von Cris dazu aufgeführten Absatz kann ich in vollem Umfang unterschreiben. Könnt Ihr Euch vorstellen:


    -das man nicht ins Treppenhaus geht, wenn man hört das sich dort jemand aufhält (der Postbote z.B.)
    -das man auf dem Weg zum Einkaufen nach der Hälfte umdreht, weil man es einfach nicht schafft? Weil die Ängste zu groß sind. Weil man möglicher Weise Angst hat, das man umkippt oder sich übergeben muss.
    -das der Stadionbesuch allein aufgrund der Menschenmenge außerhalb des Stadions (von drinnen möchte ich gar nicht reden) zur Tortur wird?
    -das man lieber den Selbstmord als z.B. eine stationäre Therapie vorzieht, weil es als eine unzuüberwindene Aufgabe zu sein scheint?
    ...


    Wahrscheinlich nicht. Und solche Dinge müssten verstanden werden. Aus diesem Grund hab ich mal einen kleinen Teil aufgelistet.


    Zur Ergänzung bezüglich Therapien kann ich noch sagen das es zwei formulierte Ziele gibt: Es wird dran gearbeitet das man beziehungsfähig und arbeitsfähig wird oder bleibt. Das sind eminent wichtige Dinge im Leben. Immerhin ein Ziel habe ich erreicht.


    Jones würde sich freuen, wenn hier weiter über dieses Thema gesprochen wird. Und ich würde das auch als positiv sehen.


    Über die privaten Nachrichten habe ich diesbezüglich auch viel Feedback bekommen.


    Herzlichen Dank für die netten und aufbauenden Worte!

  • Das negative Image von Antidepressiva ist leider sehr weit verbreitet. Sicherlich gibt es da Medikamente, die dich auch abhängig machen, aber man muss, so krass das klingt, acuh den Gegennutzen sehen. Bin ich Patient mit Depressionen, wird mir das richtige Antidepressiva helfen, eine gewisse Stabilität zu bekommen. Selbst bei einem erneuten Schub konnte ich spühren, das man nicht mehr ins bodenlose fällt, sondern irgendwo über Wasser bleiben kann um wenigstens seinen Alltag bewältigen zu können. Bei Angstpatienten sieht das dann auch schon wieder anders aus, genau wie bei denen, die einfach nicht mehr schalfen können. Ich habe während meines klinikaufenthalts Leute kennengelernt, die in der Woche vielleicht 6-8 Stunden schlafen. Die stehen dann manchmal medikamentös so dermaßen ab, das man sie ohne ihre Medikation ganz neu kennenlernen muss.
    Ich habe die Erfahrung gemacht, das man sich der Krankheit niemals ergeben darf, man muss sie immer bekämpfen. Ein wirklich einschneidender Moment war für mich mitte Mai diesen Jahres. Da ging es mir erstmals in diesem Jahr wieder gut und ich habe auch wieder Dinge wahrgenommen, z.B. wie schön es ist in der Sonne zu sitzen oder mal wieder mit alten Freunden etwas zu machen. Aber im nächsten moment kam mir das ganz falsch und unwahr vor, weil das ja nicht mit trauer und dunkelheit behaftet war. Also quasi hatte ich ein schlechtes gewissen vor mir selbst. So stark nimmt diese Krankheit von einem Besitz. Das fand ich schon für mich unwahrscheinlich beeindruckend.

  • Ich möchte das Thema jetzt nicht gänzlich zerreden, aber eine Depression ist ein pathologischer Befund und eine depressive Phase die "jeder einmal erlebt", ist eine "Gemütsschwankung". Eine depressive Phase ist ein Gemütszustand, den der Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt braucht, um neue Energie zu tanken, die er braucht, um seine psychische Verfassung wieder zu stabilisieren. Eine Depression hingegen ist ein "selbstzerstörender" psychiatrischer Befund. Für einen Laien ist der Unterschied vielleicht nicht gleich sichtbar. Diagnostisch gibt es aber eigentlich keine Grauzone.


    Tawor, da hast du natürlich recht. Das muss man sehr genau differenzieren.
    Für jemanden, der aber schon mal einen derartigen pathologischen Befund attestiert bekommen hat, am Ende einer Therapie als geheilt gilt, kann eine depressiver Phase aber etwas äußerst bedrohliches haben. Denn man weiß, es könnte einen jederzeit wieder erwischen.


    Bis man sich sicher ist, dass es eben doch nur eine Phase ist, kann geraume Zeit vergehen und wenn man Pech hat, kann diese Angst sogar wieder in eine akute Depression führen.


    Eben wie bei einer chronischen Depression, die sich durchaus, durch bestimmte Auslöser, in eine akute verwandeln kann, bzw. durch eine akute ergänzt wird. Alleine das am Rad drehen durch die Unsicherheit hat meiner Meinung nach schon dieses Auslösepotential.


    Wenn dann noch einer dir gegenüber steht, der dir die ganze Zeit erzählt, dass du dir unbedingt Hilfe holen musst (weil er keine Lust hat oder überfordert ist oder.....), du aufgrund deiner Verstimmung gerade nicht in der Lage bist, dir jemand anders als Gesprächspartner zu suchen (dich also kaum einnorden kannst), du zum Arzt gehst, weil du Panik schiebst, dein Arzt dir sagt, dass ist nur eine Verstimmung, es ist alles gut, du dir wieder Mut machst und dein Gegenüber dann über den inkompetenten Arzt schimpft......


    ok, da hilft bei mir jedenfalls nur noch massiv zurücktreten und wenn ich dann meine Hemmungen verloren habe, mich wie ein Idiot aufzuführen, dann hilft es wirklich :ja:
    damit hab ich meine Probleme zwar noch nicht gelöst, aber das im Kreis denken kann etwas aufhören.
    Bei mir zumindest ist es so, dass ich, solange ich mich sozusagen zu Wehr setze, um meine Lebensgeister weiß. Zu dieser Erkenntnis zu kommen, benötigt immer einige Zeit.
    Es ist ja meist sehr stark mit geringem Selbstwertgefühl verbunden. Und in bestimmten Situationen hat Mensch da generell nicht viel von, da kann das meiner Meinung nach schon sehr grenzwertig werden.


    In dieser Beziehung bin ich dann immer sehr froh, dass ich diese Diagnose eben mal hatte. Wenn ich daran denke, wie es mir damals ging, als die noch nicht gestellt war, Hölle.


    Heut bin ich zumindest in der Lage, zu erkennen, wann ich z.B. bei der Arbeit Grenzen setzen muss, dass ist schon verdammt viel wert.


    Damals waren die Auslöser vielfältig


    - Trennung nach 17 Jahren, anstehende Scheidung
    - von Arbeitslosigkeit bedroht, Existenzängste
    - größter Lebenstraum zerplatzt (Kinderwunsch nicht erfüllt und leider die selbstgesetzte Deadline überschritten)


    Das führte zu einer posttraumatischen Belastungsstörung.
    Das Damoklesschwert Arbeitslosigkeit löste sich dann auf, wurde aber leider durch eine 150% Stelle ohne Einarbeitung mit leider nur 100% Arbeitszeit ersetzt.


    Durch die Störung war keine Abgrenzung möglich, also arbeiten arbeiten arbeiten. irgendwann war es aber nur noch der Versuch zu arbeiten, die Kraft war weg, sozusagen Burnout.
    Nach tagelangen durchgehenden Heulkrämpfen, erstmals wirklichen Selbstmordgedanken (ich kannte seit meiner Kindheit, erstmal mit ca. 5 jahren, bisher nur das Bedürfnis nach Nichtexistenz, nicht aber das nach Selbsttötung) und diversen körperlichen Begleiterscheinungen endlich der Weg zum Doc mit der Bitte um Einweisung.
    Wir haben uns dann auf eine Minidosis Psychopharmaka (0,5 Tabletten pro Tag statt der 3 die normalerweise verabreicht werden) und eine ambulante Therapie geeinigt.
    Das Medikament hat vorzüglich geholfen, ich konnte mich zumindest bei der Arbeit abgrenzen, wurde ruhiger und nach Aufsuchen eines Psychiater (den ich schon aufgrund der Sympathie und Anziehungskraft niemals als Therapeuten gewählt hätte) wählte ich mir einen Psychologen und führte überwiegend lange Gespräche, einige Übungen in Heimarbeit und entsprechende Ergebnisbesprechungen.
    Ach ja und die erste Maßnahme, die mir mein Therapeut verordnete, war das langsame Absetzen des Medikamentes, was sich aufgrund der beschriebenen Dosis natürlich als etwas schwierig darstellte :kichern:


    Mittlerweile weiß ich um meinen depressiven Grundcharakter und komme für mich allein gesehen damit ziemlich gut klar.
    Problem bereiten mir dann leider andere.
    Man könnte sagen, ich suche mir für meine Liebe gern den absolut falschen aus. eben solche, die damit so gar nicht umgehen können, wollen .....
    und habe ein großes Trennungsproblem, selbst wenn mein Gefühlmir sagt, es wäre besser für mich, bin eine treue Seele, wenn ich liebe.


    Aber das lerne ich auch noch 8)


  • Ohhh, habe mich wohl ein wenig missverständlich ausgedrückt. Ich wollte damit sagen, dass NUR Medikamente nicht auf Dauer wirklich helfen. Sie lindern die Symptome und ändern nichts an der Ursache. Die Nebenwirkungen sind zum Teil auch nicht ohne. Ich habe schon einiges "austesten" dürfen und weiß auch, dass ich es gänzlich ohne nicht schaffen würde. Ich habe es oft genug versucht, die Tabletten einfach abzusetzen, weil ich immer für mich gedacht habe, dass sie entweder nicht wirklich helfen (weil man ja nach wie vor unter den Depressionen leidet) oder vielleicht sogar den Blick nach vorne vernebeln. Ich wollte es halt ohne schaffen! Doch wer will sich schon helfen lassen?? Mittlerweile sehe ich das nicht mehr so...

  • Erst mal Danke an Dich niedersachse1896 für die offenen Worte.
    Ich konnte viele Parallelen zu mir finden.
    Mit dem Unterschied das ich noch nicht in Psychiatrischer Behandlung bin.
    Als Kassenpatient einen Termin zu bekommen ist schon nicht einfach.
    Letztes Jahr war ich dann endlich bei einer Psychologin aber auch nur einmal.
    Es war auch in einer Phase in der es mir richtig gut ging.
    Sie wollte mir dann Medikamente aufschreiben .
    Einmal ein Antidepressivum und dann noch ein Mittel gegen die Nebenwirkungen des ersten Medikamentes.
    Ich habe dies jedoch nicht gemacht da ich schon genug andere Medikamente nehmen muss.
    Mein Hausarzt ( der sich mit der Thematik ganz gut auskennt ) hat mir dann ein leichtes Mittel verschrieben.
    Nur nehme ich die nicht mehr da ich davon immer müde werde und das bringt mir nichts in Bezug auf meine Arbeit.
    Im Moment habe ich mal wieder eine Phase in der ich Antriebslos bin und sehr schnell aggressiv reagiere.
    Danach folgt dann meistens eine Phase in der ich extrem depressiv werde.
    Dann nehme ich auch das Medikament von meinem Arzt wieder.
    Ich weiß zwar eigentlich das dies nicht der richtige Weg ist aber ich komme so um die Runden.
    ( um es mal so zu sagen )
    Nun habe ich mich endlich dazu entschieden das sich für mich etwas ändern muss.
    Ich gehe nur noch zur Arbeit ( 100m von hier ) und dann wieder nach Hause.
    Nur noch selten bin ich mal 500m von Zuhause weg.
    Kein Spazieren gehen mal mit der Familie nichts geht mehr im Moment.


    Ich würde auch gerne Zug fahren können, Auswärtsfahrten wie Kopenhagen mit dem ganzen Drumherum und der Feierei (wie in dem Thread ausgiebig beschrieben wurde) mit machen. Mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen. Das geht nun mal nicht, aber man kann es sich dennoch sehr schön machen. Man muss es nur für sich akzeptieren.


    Oh ja,
    wie gut kann ich das verstehen.
    Mein letzter Urlaub in dem ich auch mal von Zuhause weg war liegt nun 12 Jahre her.
    Das war vor dem ersten Auftreten der Angstzustände.
    Mein letztes Auswärtsspiel war DFB Pokal in BS.
    Ein Alptraum ( nicht wegen dem Ergebnis )
    In einem total überfüllten Zug fahren die Angst immer präsent.
    Als ich nach diesem Spiel deren Ergebnis ja jeder kennt war ich sogar glücklich und froh.
    Endlich wieder Zuhause in den eigenen vier Wänden.
    Nächstes Jahr will ich mit meiner Familie mal wieder in den Urlaub fahren.
    Gebucht ist schon.
    ( Mit Schwiegereltern damit meine Familie im schlimmsten Fall nicht ohne mich muss )
    Heute sage ich ja klar.
    Aber wenn der Tag näher rückt weiß ich nicht was passiert.
    Bis zum nächsten Sommer ist noch viel Zeit.
    Ich hoffe das ich bis dahin in Therapie bin und es evtl. schaffe mit zu fahren.
    Aber ich mache ( will ich auch nicht ) mir dahingehend keinen Streß.

    Diese Antriebslosigkeit, die selbst kleine alltägliche Dinge zum Horrortrip werden lassen, kann sich ein gesunder Mensch kaum vorstellen. Zusagen werden nicht mehr eingehalten, wichtige Dinge wie die Einhaltung von Terminen oder banale Dinge wie einkaufen gehen gelingen nur mit größtem Kraftaufwand, Sachen, die einem früher viel bedeutet und Spaß gemacht haben (wie beispielsweise ein Stadionbesuch) werden zur Tortur. Spätestens hier fängt dann der Teufelskreis an, weil man dadurch das Sozialleben nach und nach kaputt geht, was in der Folge zu einer immer größer werdenden Verschlimmerung der Lage führt.


    Das kenne ich sehr gut.
    Ich nehme mir etwas vor was ich erledigen will.
    Auch von Zuhause aus.
    Nur schaffe ich es nicht.
    Das beste Beispiel ist das ich hier angeboten habe die Spiele von Hannover gegen Sevilla auf DVD zu brennen.
    Ich komme nicht weiter.
    Das Material liegt vor.
    Aber es fehlt mir der Antrieb es fertig zu stellen.
    Im laufe der Jahre habe ich mir Automatismen angeeignet um klar zu kommen.
    Zum Beispiel gehe ich nicht aus dem Haus ohne etwas zu trinken bei mir zu haben.
    Ich hatte bei einer der ersten Panikattacken eine total trockenen Mund und zum Glück was zu trinken dabei.
    Das hat mir damals geholfen.
    Seitdem habe ich halt immer was dabei.
    Von Bekannten werde ich zwar deshalb belächelt aber die wissen auch nicht wie es in mir aussieht.
    Das Tippspiel hier im Forum gehört für mich z.B. auch dazu.
    Ich freue mich am Wochenende darauf das ich es auswerten kann.
    Klingt vielleicht idiotisch.
    Aber für mich ist das zum einen die Möglichkeit um mich vom beruflichen Streß abzulenken ( den ich in der Gastronomie ja am Wochenende vermehrt habe ) und auch eine Aufgabe die mir Spaß und Freude bereitet.
    Das eintragen der abgebenden Tipps innerhalb der Woche nehme ich mir zwar vor klappt aber meist nie so richtig.
    Wo ich geradebei Beruf bin.
    Dort habe ich eher weniger Probleme.
    Das liegt wohl zum einen daran das ich Spaß dran habe und weiß das ich dort gebraucht werde.
    Das andere ist das ich einen sehr guten Chef habe.
    Mit ihm arbeite ich nun seit 22 Jahren fast täglich zusammen und wir sitzen oft abends nach der Arbeit zusammen und reden auch über private Dinge.
    Für ihn und auch mein gesamtes Umfeld leide ich nur an Platzangst bei Auto oder Zugfahrten.
    Ich verschließe mich anderen gegenüber halt sehr.
    Und genau das muss sich nun ändern.
    Ich bin nun an einem Punkt angelangt an dem ich so nicht mehr will.
    Ich will die Hilfe nicht nur von meinem Arzt sondern auch von anderen.
    ( soweit Sie es können und wollen )
    Achja,
    es tut gut zu wissen das es hier im Forum Leute gibt die es nachvollziehen können und mit denen man sich per PN mal austauschen kann.
    Besonders Danke ich Tob96y der mir gestern sehr geholfen hat.
    Durch seine PN bin ich bei meinem Entschluss einen Schritt weiter gekommen.

  • Ich bin beeindruckt von dem was ihr hier schreibt.


    Sehr offen und mutig.


    Ich stehe gerade (mal wieder) "an der Grenze". Habe gerade eine Therapie begonnen bei einem Psychotherapeuten. Vor 5 Wochen. Habe kurz vorher realisiert, dass nichts mehr geht. Habe nur noch funktioniert. Dann -nach Monaten, nein eher Jahren der Unzufriedenheit, Selbstzweifel, auch Selbstmordgedanken - den Antreib bekommen etwas ändern zu wollen. 6 Kilo abgenommen, kein Alkohol mehr, wie gesagt Therapie begonnen.
    Jetzt seit zwei Wochen wieder am Trinken. Die gleiche Scheiße wie zuvor, wenngleich ich mehr reflektiere.


    Ich trinke zuviel, hoffe dadurch einfach mal zur Ruhe zu kommen. Klappt aber nicht. Ich schlafe entsprechend auch zu wenig, durch den Alkohol auch nicht erholsam.
    Mein Job macht mir viel Druck, ich bin im Außendienst und habe entsprechende Umsatzziele zu erfüllen.


    Ich habe dieses Jahr dreimal an der Bahnlinie der S-Bahn gesessen (nur ein paar Hundert Meter von meinem Haus entfernt) und überlegt wie es wäre, wenn ich einfach auf die Gleise gehe.
    Was hat mich zurück gehalten? Meine Kinder würde ich mal sagen.


    Aber die Gedanken kommen immer wieder.


    Ich denke dann: man, lass dich aus dem Verkehr ziehen, krank schreiben. Dann aber auch: nein, du musst deine Familie versorgen. Deswegen will ich auch nicht stationär behandelt werden. Ich wüsste nicht, was ich ohne meine Kinder und meine Frau machen würde.


    Aber letztendlich kann ich momentan gar nicht mehr. Wobei "momentan" einen Zeitraum von ca. 2-3 Jahren beschreibt.


    Ich glaube auch, dass Robert Enkes Tod nochmal einiges in mir ausgelöst hat. Wahrscheinlich nicht nur in mir, deswegen wird hier ja gerade so offen geschrieben am 2. Jahrestag seines Todes.


    Das ist bei mir alles nur noch ein einziges "Funktionieren" und ich weiß gar nicht mehr wo ich eigentlich bin...


    Ich kann meine Verzweiflung auch gar nicht richtig in Worte packen. Wenn ich das nochmal durchlese klingt alles recht sachlich. Dabei bin ich gleichzeitig total ruhig, aber auch völlig nervös und unsicher. Verrückt.

    @ niedersachse1896: ich bin total beindruckt wie du das hier schreiben und reflektieren kannst. Bei mir ist das oft ein einziger "Brei".


    Auch an alle anderen, die sich in den letzten Tagen hier "offenbaren": Danke! Ohne euch hätte ich das nicht geschrieben.


  • Ich hatte irgendwann ebenfalls versucht es aufzuschreiben... Ich vergleiche ja die Therapie eben gerne, wie ich schon schrieb, mit Geschenkt ist noch zu teuer. Man denkt, dass man eine Wunde schließt, doch reißt man an anderer Stelle wieder eine auf.

  • Schließe mich Mo an. :respekt:, wenn man jemand erzählt, dass solche Diskussionen auf diesem Niveau und in diesem Ton in einem Fußballforum möglich sind, halten die einen doch für verrückt.


    Konnte aus Zeitmangel nur überfliegen, hole das aber nach. Aber hierzu will ich auch was sagen:


    Was mich dabei interessiert: Gibt es Auslöser dafür?


    Ich hatte neulich einen Vortrag von Rober Sapolsky auf Englisch verlinkt, den ich sehr interessant fand. Zwei Dinge sind bei mir vor allem hängengeblieben, das eine ist nicht neu, wurde aber sehr anschaulich vermittelt, das zweite war mir neu und ist laut Sapolsky aktuellster Stand der Forschung. Ich bitte, etwaige Unsicherheiten beim Vokabular zu entschuldigen, bin Laie.


    Zunächst sieht Sapolsky als Neurobiologe das vom neurophysiologischen Standpunkt: Was bei Depression passiert, ist, dass der Körper sich physiologisch verändert, z.B. eine sehr hohe Produktion an Streßhormonen hat. (Nicht Adrenalin, vor allem ein anders, wessen Name rel. unbekannt ist, hab' ihn gerade nicht präsent.) Das ist von daher paradox, weil Depressive eben meist eher lethargisch sind bzw. wirken, körperlich täuscht dieser Eindruck aber, der Körper steht dabei unter Dauerstreß. Dies verdeutlicht meiner Meinung nach, wie weit von der Realität gut gemeinte Ratschläge sind. Man ist tatsächlich nicht nur durchweg schlecht drauf, sondern auch erschöpft, kommt da nicht raus, das ist nicht mental, sondern - zumindest ab einer gewissen Schwelle - komplett auf der körperlichen Ebene.


    Dann erklärt bzw. kommentiert Sapolsky die Entstehung der Krankheit so, mit besonderer Berücksichtigung genetischer Faktoren: Wir alle haben mal außergewöhnliche Streßsituationen, wo wir in depressive Phasen rutschen. Zu sowas gehören z.B. Belastungen in der Kindheit, aber auch später gibt es die noch. Ab einer bestimmten Anzahl dieser Situationen erhöht sich die Chance, dass man aus einer temporären Depression nicht mehr rauskommt, rein von der Biochemie her, und sich (was teilweise noch ein weiterer Schritt ist) das chronifiziert. Jetzt das interessante: Aus einer Langzeitstudie weiß man, dass bei Leuten mit einem bestimmten Gen dies nach einer signifikant geringeren Anzahl solcher Situationen passiert, also etwa, zur Veranschaulichung, so genau darf man die Zahlen glaube ich nicht nehmen: Nach der 6. oder 7. solcher Situationen, während hingegen das ansonsten erst nach der 30. Situation auftritt. Das heißt: Wir sind einfach unterschiedlich, bei manchen passiert das schneller, andere "verkraften" es besser, aber das sind wieder einfach physiologische Faktoren, die hier den Unterschied machen. Gleichzeitig ist, so Sapolsky, Depression nie "deterministisch" vererbt.


    Interessant ist dann auch noch, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt die depressiven Episoden bzw. Schübe auch anlasslos auftreten können.

  • Das ist von daher paradox, weil Depressive eben meist eher lethargisch sind bzw. wirken, körperlich täuscht dieser Eindruck aber, der Körper steht dabei unter Dauerstreß. Dies verdeutlicht meiner Meinung nach, wie weit von der Realität gut gemeinte Ratschläge sind. Man ist tatsächlich nicht nur durchweg schlecht drauf, sondern auch erschöpft


    Das kann ich seit meiner letzten Geburtstagsfeier faktisch belegen. Die bereits erwähnte Freundin hatte sich aufgerafft, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Zu sehen, wie sie sich den ganzen Abend stark zitternd und mit verängstigtem Blick in Ecken herumdrückte, obwohl es nur eine kleine Runde wohlbekannter Freunde war, hat mir die Augen in Bezug auf die körperlichen Auswirkungen der Krankheit geöffnet.

  • Vielen Dank an alle, die sich hier so öffnen und sich einbringen.
    Das gibt mir das Gefühl, mit meinen Problemen, um es verniedlichend darzustellen, nicht allein zu sein.
    Leider fehlen mir der Mut und die Worte, mich so zu öffnen, wie das einige hier taten.

  • Versuche es doch einfach mal. Die Worte werden Dir ganz sicher nicht fehlen. Das ist eine Fehleinschätzung, die in solchen Situationen ganz oft auftritt. Schau mal, Mabuse meinte auch, er bringe nur Brei auf den "Zettel". Wenn man sich seinen Beitrag durchliest, merkt man das überhaupt nicht stimmt.


    Sich mitzuteilen ist ein großer Schritt und wird Dir garantiert helfen!

  • Wenn man das Ganze hier etwas "auslagern" würde, wäre vielleicht einigen geholfen. Vielleicht bekommt man einen anderen Ort des Austauschs zustande.


    Ich wäre dabei!