Interview mit Torsten vom Königsblog (Schalke 04)

Am morgigen Samstag steht unseren Roten das schwere und ungemein wichtige Heimspiel gegen Titelanwärter Schalke 04 bevor. Im Vorfeld dieses Spiels stand uns Torsten vom lesenswerten Königsblog (koenigsblog.net) unter anderem zur Rolle Felix Magaths, zu seinen Eindrücken von Mirko Slomka und zum Kultcharakter des FC Schalke 04 Rede und Antwort. Vielen Dank an dieser Stelle nochmals an Torsten für die Antworten und euch nun viel Spaß beim Lesen!

Hannover 96 steht vor dem Spiel im Abstiegskampf mit dem Rücken zur Wand, während ihr dringend drei Punkte im Kampf um die Meisterschaft benötigt. Verspürst Du in der aktuellen Situation eher eine Art Siegesgewissheit, die dich kaum von etwas anderem als einem Sieg gegen 96 ausgehen lässt oder siehst Du ernsthaft die Gefahr, dass die Punkte in Hannover bleiben könnten?

- Ich fühle eigentlich niemals Siegesgewissheit. Mal habe ich ein etwas besseres Gefühl, mal ein etwas schlechteres, aber ich fühle immer eine gewisse anspannende Unsicherheit. Ein Blick auf die Ergebnisse zeigt auch, dass es töricht wäre, Gegner aus dem unteren Tabellendrittel nicht ernst zu nehmen. Schalke hat „quer durch den Garten“ Punkte verloren. 2 gegen Bochum, 3 gegen Gladbach, sogar 5 gegen Freiburg. Da ist keine Hochnäsigkeit angebracht.

96-Trainer Mirko Slomka war ja auch auf Schalke tätig. Wie hast Du ihn da wahrgenommen?

- Als jemanden der sich zu viel gefallen gelassen hat. Aber die Situation war für ihn auch sehr schwer. Er kam nicht von Außen sondern war der „beförderte Co“. Er musste in einem Club schwimmen lernen, in dem viele Leute vielen Journalisten ihre Meinung druckreif präsentierten. Geschrieben wurde immer und oft sah es aus, als hätte Mirko Slomka die Dinge nicht im Griff. Da mag vieles schlechtes Image gewesen sein, er hat sich aber auch zu wenig dagegen gewehrt.
Was das rein sportliche angeht: Tatsächlich war Slomka ja erfolgreich, was die Punkteausbeute und den Tabellenstand angeht. Aber der Fußball, die Leidenschaft und der Spaß für die Fans haben sich stetig weiter zurückentwickelt. Das Tandem „Trainer Slomka – Manager Müller“ hat für eine schlechte Entwicklung gesorgt. Wer im einzelnen wofür verantwortlich war, lässt sich nicht mehr herausfinden. Mirko Slomka hat eine Weile mit dem Vorhandenen gut gearbeitet. Aber er hat nichts geschaffen, nichts auf den Weg gebracht.

Hältst Du ihn für einen für den Abstiegskampf geeigneten Trainer?

- Wenn man davon ausgeht, dass seine Mannschaft das Potenzial zum Klassenerhalt mitbringt, dann ja. Wobei ich mir nun den Mirko Slomka von damals vorstelle. Ich denke schon, dass er ein kluger Kopf ist und aus seiner Zeit in Gelsenkirchen gelernt hat. Was er geändert hat, wie er nun ist, kann ich aber nicht beurteilen. Die Saison meines Vereins ist so spannend, dass ich nicht derart auf Hannover geschaut habe, dass ich dazu eine Meinung vertreten könnte.

Bei euch wird dem Trainer ja ein großer Anteil am Erfolg zugeschrieben. Wie groß siehst Du diesen Anteil? Was glaubst Du, wo Schalke mit einem anderen Trainer - beispielsweise Mirko Slomka - und der gleichen Mannschaft stehen würde? Würde die Mannschaft wohl ebenfalls um die Meisterschaft mitspielen?

- Der Anteil beträgt 100%. Natürlich waren Kevin Kuranyi, Jefferson Farfan, Marcelo Bordon, Rafinha und Manuel Neuer – die Stützen dieser Mannschaft – auch in der letzten Saison schon da. Es hat aber nicht funktioniert. Es gab keine Konkurrenz im Team, alles war starr und auch die Fans hatten nach Monaten des „auf 0:0 spielen und via Eckball 1:0 gewinnen“-Gekicke keine Lust mehr. Dann kam Magath und setzte reihenweise Spieler ein, die es vorher gar nicht gab: Christoph Moritz, Lukas Schmitz, Joel Matip, Carlos Zambrano, Levan Kenia. Sie alle hatten vorher nie ein Bundesligaspiel über 90 Minuten bestritten. Damit schuf Magath Konkurrenz und brach das Starre auf.
Dann rief Magath Vertreter aller Fangruppierung zusammen und redete mit ihnen. Was er sagte weiß ich nicht, fortan bekam die Mannschaft aber Kredit. Und als dann jeder sehen konnte, dass die Mannschaft, wenn sie auch nicht zauberte, doch immer bis zum Schluss rannte, als gegen Wolfsburg, Leverkusen, Hamburg und Borussia Rückstände aufgeholt wurden, da war die griesgrämige Zeit entgültig vorbei, da machte es wieder Spaß, selbst wenn ein Spiel wie gegen Wolfsburg am Ende 1:2 verloren ging.
Als dritter Punkt ist Magaths Öffentlichkeitsarbeit zu erwähnen. Er alleine stellt nun Schalke dar. Noch-Präsident Schnusenberg wurde ruhiggestellt, Boss Clemens Tönnies scheint froh zu sein, den Club in guten Händen zu wissen, und aus dem Aufsichtsrat dringt auch nichts mehr nach außen - oder die Zeitungen haben kein Interesse mehr daran. Magath liefert ab und an einen Spruch, eine Geschichte, ist präsent und bedient die Schreiber. Seit Magath da ist hat die Bildzeitung Schalke lieb. Vorher war Rudi Assauer ihre beste Quelle und die Schlagzeilen waren entsprechend.
Mag sein, dass ein anderer Trainer auch für neuen Schwung hätte sorgen können. Aber vom Stand vor der Saison bis heute hat sich sehr viel verändert, und das ist alles auf Magath und sein Team zurückzuführen.

Würde bei einem zweiten Platz am Saisonende eher die Enttäuschung überwiegen oder die Zufriedenheit mit einer deutlich besseren als der vergangenen Saison?

- Über Platz 2 würde ich mich freuen wie Bolle! Ich hatte vor Saisonbeginn gehofft, dass Schalke um Platz 5 mitspielen kann. Das mag heute wie Understatement klingen. Es war aber zu Saisonbeginn, bei allen Problemen die Schalke hatte und hat, bei der Vorsaison und der Tatsache, dass keine Verstärkungen dazugekommen waren, eine realistische Einschätzung. Jetzt stehen wir vor so vielen Clubs mit teuren und guten Starkickern! Ich hoffe wirklich das bleibt so.

Hand aufs Herz und ganz objektiv: Wer wird am Ende deutscher Meister?

- Bislang waren in dieser Saison drei Siege in Folge die längste Siegesserie des FC Schalke 04. Ich glaube nicht, dass der FC Bayern alle seine Spiele gewinnen wird. Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass S04 nun fünf Siege einfährt.
Tatsächlich ist „das nächste Spiel das wichtigste“, auch wenn es sich doof anhört. Wenn wir Euch schlagen verschafft uns entweder Leverkusen die Tabellenführung oder die Bayern sorgen dafür, dass wir mindestens 6 Punkte Vorsprung auf Platz 3 haben. Das sind beides ganz tolle kurzfristige Ziele, denke ich.

Felix Magath hat ja gleich mehrere Positionen auf einmal inne. Siehst Du das kritisch oder befürwortest Du seine "Allmacht" ausdrücklich?

- Da möchte ich mal mit einem gepflegten Wischiwaschi-Weder ... Noch antworten. So sehr ich mich gefreut habe, dass Magath seine Stellung in Wolfsburg aufgab um nach Gelsenkirchen zu kommen, so bewusst war mir von Anfang an die Gefahr, dass er möglicherweise auch bei uns auf ähnliche Art von heute auf morgen die Segel streichen könnte. Nun füllt er bei uns soviel aus, dass sein Ausscheiden sofort ein riesiges Vakuum erzeugen würde. Andererseits: Vor seiner Verpflichtung suchte der Club auch nach einem Manager und einem Trainer. Da ich glaube, dass sich durch Magaths Arbeit die Ausgangslage des Clubs verbessert, sportlich und somit auch in finanzieller Hinsicht, wird der Club nach der Magath-Zeit vermutlich besser dastehen als zuvor.

Glaubst Du denn, dass Schalke mit Felix Magath nach dieser Saison auch eine längere Talfahrt, z.B. eine Saison wie die vergangene, durchstehen würde oder würden auch da die üblichen Mechanismen greifen? Hat Magath einen besonderen Kredit?

- Natürlich hat er einen besonderen Kredit, er ist in der Öffentlichkeit ja auf dem höchsten Punkt der Annerkennung angekommen, das ist jedenfalls mein Eindruck. Egal mit wem ich rede, egal was ich wo lese, selbst unter Borussen genießt der Mann Anerkennung für seine Arbeit. Ich kann mir aktuell nicht vorstellen, im Stadion „Magath raus“ rufe zu hören – außer er gäbe in einem Interview bekannt, den Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp in Dortmund beerben zu wollen, nachdem er sich mit Watzke auf einem Bauernhof nett unterhalten habe.

Schalke ist ja ein Verein, der - vor allem medial - gerne Mal zum "Kult" stilisiert wird. Geht einem das auch mal auf die Nerven? Oder ist Deine Wahrnehmung ebenfalls so, dass der Club "Kult" und eine Art "Religion" wäre?

- Schalke 04 war schon ein besonderer Club, als wir alle das Wort „medial“ noch nie gehört hatten. Am 11. Juni 1989 saß ich im Parkstadion. Schalke spielte in der 2. Liga und war 2 Spieltage vor Saisonschluss nur 2 Punkte vom Abstieg in den Amateurfußball entfernt. Zum entscheidenden Spiel gegen Blau-Weiß 90 Berlin wurde ganz Gelsenkirchen mobilisiert und ich war einer von 60.000 Zuschauern. Nach 0:1 Rückstand gewann Schalke 4:1. Ein Typ vor mir drehte sich zu mir um und schrie mich an: „Ich liebe Dich!“ Sicher, er war nicht nüchtern, aber dieser Grad an Beklopptheit war und ist keine allzu große Ausnahme.
An Spieltagen hängen in ganz Gelsenkirchen an jeder zweiten Ecke Schalke-Fahnen aus den Fenstern. Die Straßenbahn-Strecke vom Bahnhof zum Stadion führt durch den Stadtteil Schalke, vorbei an der alten Glückauf-Kampfbahn, wo 1958 die letzte Meisterschaft gefeiert wurde, vorbei an zig Kneipen mit Namen wie „Anno 1904“. Kneipen, in denen Ötte Tibulsky und Ernst Kuzorra selbst gesessen haben, was hier jeder weiß und schätzt. Die Worte „Kult“ und „Religion“ sind, in solchen Zusammenhängen benutzt, zu schnell dahergesagten Kategorien verkommen. Ich will nicht behaupten, dass es nirgends ist wie auf Schalke, aber ich kenne verdammt viele Orte, wo es nicht so ist. Schalke 04 ist etwas Besonderes.

Interessiert Dich denn auch der Abstiegskampf oder bist Du völlig auf die Tabellenspitze fixiert? Kannst Du einen Tipp abgeben, wer am Ende absteigen wird?

- Natürlich schaue ich da auch hin und natürlich habe auch ich so meine Sympathien. Wenn es nach mir ginge sollten Bochum und Nürnberg die Klasse halten. Die Spiele gegen Nürnberg haben auf Grund der Fanfreundschaft eine ganz besondere Stimmung. Bochum ist zwar stets ein ärgerlicher Gegner, aber es ist ein Derby und von vorne herein ein interessanteres Spiel als eins gegen Stuttgart oder – na ja – Euch. Allerdings finde ich das Slomka-Engagement spannend, und außerdem – ich weiß gar nicht ob das Thema hier tabu ist oder nicht? – ist es ja schon so, dass Euer Club durch den Enke-Suizid den Knacks erhielt, der ihn in diesen Abstiegsstrudel schickte. So sollte kein Club absteigen müssen. Das Hertha BSC und Freiburg da unten stehen, kratzt mich überhaupt nicht.
Im Tippen bin ich ganz schlecht. Ma’kucken.

Vielen Dank!