"Der Kölner hat schnell die Fackel in der Hand, vergibt aber auch schnell wieder"

Auch in der Rückrunde steht uns im Vorfeld des Spiels von Hannover 96 gegen den 1. FC Köln wieder Martin vom Fußball- und FC-Blog Spielbeobachter für das Fan-Interview zur Verfügung. Dieses Mal ging es unter anderem um die Erwartungshaltung der Kölner Anhänger, die in der Vergangenheit mitunter chaotisch anmutende Lage im Verein und um die geänderte Wahrnehmung von Hannover 96. Außerdem sollte geklärt werden, warum der 1. FC Köln zu Hause in dieser Saison ziemlich erfolgreich spielt, gleichzeitig aber auf dem letzten Platz der Auswärtstabelle liegt. An dieser Stelle nochmals vielen Dank an Martin für das Interview und euch nun viel Spaß bei der Lektüre!

Die Rückrunde lief für euch ja bislang ziemlich gut. Woran lässt sich dieser Aufschwung fest machen und konnte man ihn so erwarten?

- Dass sich mit Trainer Schaefer das eine oder andere änderte, war schon in der Hinrunde bemerkbar. Dazu verfügte der FC schon vor den Wintereinkäufen über einen Kader, dem der Klassenerhalt durchaus zu zutrauen war. Dass es allerdings so gut laufen würde, war keinesfalls abzusehen. Grund dafür dürften Schaefers Arbeit, die hervorragenden Wintereinkäufe und die neue Heimstärke sein.

In der Heimspieltabelle liegt der 1. FC Köln sogar auf Rang 5. Was macht den FC zu Hause so stark? Und was macht ihn auswärts so schwach? Da ist schließlich ein erschreckender letzter Platz zu verbuchen...

- Eigentlich scheint es ganz klar zu sein: Es wächst zusammen, was zusammen gehört: Das erwartungsvolle und unter Umständen sehr leidenschaftliche Publikum und eine Mannschaft, die auch in der Lage ist, mutig nach vorne zu spielen. Sehr interessant ist allerdings der eklatante Wechsel von Auswärts- zu Heimstärke. In der vergangenen Saison war der FC alles andere als heimstark, damals rettete ein 5. Platz in der Auswärtstabelle den Klassenerhalt. Der Grund lag seinerzeit darin, dass die Mannschaft unter Soldo eine extreme Konzentration auf die Defensivarbeit legte, dafür aber kaum in der Lage war, das Spiel gefährlich zu gestalten. Das hat sich offensichtlich geändert, was allerdings dazu geführt hat, dass die Mannschaft (noch) nicht in der Lage ist, die Balance zwischen Defensive und Offensive auch auswärts so gut hinzubekommen.

Spielt der Abstiegskampf in den Köpfen denn noch eine Rolle oder hat man den mental schon hinter sich gelassen?

- Ich hoffe, dass er es tut. Vier popelige Punkte zu einem Abstiegsplatz sind nun wirklich nichts wert. Insbesondere da, wie wir zum Beispiel am vergangenen Spieltag gesehen haben, als fast alles gegen den FC lief, die Mannschaften, die derzeit unten drin stehen, alle noch nicht abgestiegen sind und durchaus in der Lage sind, den Dreh noch zu kriegen. Bis es rechnerisch nicht mehr geht (in welche Richtung auch immer) wird der FC Abstiegskandidat bleiben. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass Schaefer und Finke die notwendige Wachsamkeit in die Mannschaft tragen können.

Torhüter Michael Rensing hat sich als starker Rückhalt erwiesen. Wurde er in Köln bei seiner Verpflichtung tendenziell eher positiv aufgenommen oder waren die Skeptiker in der Überzahl?

- Ich glaube, die Mehrzahl war neutral. Rensings Scheitern bei Bayern war zwar in den Köpfen, aber es war eben auch Bayern - und dies noch unter den erschwerenden Umständen der Kahn-Nachfolge. Also: Ein guter Name, aber kein Neuer oder Adler - aber dass diese derzeit nicht zum FC kommen, ist allen klar. Insofern war die Stimmung vielleicht eher positiv, spätestens seit der Weltklasseleistung vergangene Woche gegen Dortmund ist sie es mit Sicherheit.

Wie siehst du die allgemeine Lage im Verein? Von außen betrachtet ist es ja mitunter ein ziemliches Chaos (Nicht-Entlastung des Vorstandes etc.)?

- Das Chaos ist allerdings schon wieder ein halbes Jahr her. Der Kölner hat schnell die Fackel in der Hand, vergibt aber auch schnell wieder. Faktisch ist es so, dass Wolfgang Overath und seine Entourage die Sache fest im Griff haben. Zwar hat sich im Folge des Chaos erstmals so etwas wie ein Opposition gebildet, die scheint allerdings nicht immer die beste Figur zu machen und hat vor allem keine wichtigen Figuren der Stadt oder des Vereins auf ihrer Seite. Und letzten Endes ist es wie überall: Mit sportlichem Erfolg ermattet auch die Bereitschaft zum Widerstand.

Wie ist es zu erklären, dass die Kluft zwischen den Erwartungen und der Realität in Köln größer ist als bei jedem anderen Bundesligaverein? Oder kommt einem das nur so vor?

- Darauf kann ich nur mit einem entschiedenen JEIN! antworten. Einerseits ist das gerne von Journalisten bemühte Bild des Kölner Anhangs, der nach nur einem Sieg schon von der Champions League träumt ein Klischee, das schon lange so nicht mehr stimmt, aber sich offenbar noch immer gut verkauft. Tatsächlich ist es so, dass die meisten Fans (ein paar Spinner hat man überall) nicht mehr verlangen und erhoffen als eine kurz- und mittelfristige Etablierung jenseits der Abstiegsplätze - was die Trauben nicht zu hoch hängt, wie ich finde. Langfristig aber gibt es sicherlich den Wunsch, wieder dahin zu kommen, wo man einst war - eine regelmäßige Spitzenkraft in der Bundesliga. Bis zum ersten Abstieg 97/98 war man auf Platz 2 der ewigen Liga und nie schlechter als das - und das bei nur zwei Bundesligameisterschaften, was davon zeugt, dass der FC immer oben zu finden war. Der darauf folgende Absturz mit vier Abstiegen in zehn Jahren war hart und schmerzvoll und hat zur Korrektur der Ziele geführt, aber geprägt hat die erfolgreiche Zeit das Selbstverständis im Verein und der Stadt schon.

Wird ein Volker Finke zu diesem Verein und dessen Kulissen passen?

- Gute Frage, nächste Frage. Ich hoffe es sehr, da ich Finkes ruhige, sachliche Art und seine fußballerische Vision als große Bereicherung für diesen Verein sehe. Positiv stimmt mich, dass kolportiert wird, Overath hätte Finke schon lange als Trainer gewinnen wollen, was dafür spricht, dass aus dieser Richtung kein Gegenwind zu erwarten ist. Größere Befürchtungen habe ich, was das Zusammenspiel zwischen Finke und der Kölner Medienlandschaft angeht, hoffentlich weiß Finke, was da auf ihn zukommt, wenns mal nicht so läuft.

Hat sich Deine Wahrnehmung von Hannover 96 in der letzten Zeit geändert und wenn ja, seit wann und wie?

- Nun, ich muss gestehen, dass ich Hannover vor der Saison als zum Kreis der Abstiegskandidaten gehörend gesehen habe, nun stehen sie auf Platz 3 - ohne Frage hat sich mein Bild verändert. Slomka scheint sehr gute Arbeit zu leisten, die Mannschaft funktioniert sehr gut. Dass Hannover in meinem Kopf schon wirklich bei den Spitzenmannschaften angekommen ist, kann ich nicht behaupten, aber Tabellenposition und Punkte lügen nicht.

Siehst Du Hannover 96 denn auch mittel- bis langfristig (also auch in der kommenden Saison) weiter oben oder eher auf Augenhöhe mit dem 1. FC Köln (oder beides? ;-))?

- Im Grunde muss man Hannover wünschen, sich nicht für einen europäischen Pokal zu qualifizieren - ich glaube nämlich, dass es nächstes Jahr nach so einer "Rauschsaison" schon so schwer genug wird, mit der Ablenkung durch das internationale Geschäft wirds nicht einfacher. Müsste ich wetten, würde ich wohl darauf tippen, dass Hannover es nicht so schnell gelingen wird, sich als Spitzenmannschaft zu etablieren. Aber grundsätzlich: Warum nicht?

Zum Abschluss natürlich noch die obligatorische Frage: Wer ist Favorit und wie wird das Spiel ausgehen?

- Favorit ist Hannover, trotz aller Heimstärke des FC - gewinnen wird trotzdem Köln, 2:0 nämlich. Schließlich brauchen wir die Heimpunkte dringend und Rensing wird Euch zur Verzweiflung treiben.

Vielen Dank.