Interview mit Volker (BVB): "Ich persönlich wäre nicht überrascht, wenn Rausch in Dortmund auch seinen Weg gehen würde."

Wie schon in der Hinrunde stand uns auch vor dem Rückspiel von Hannover 96 bei Borussia Dortmund wieder Volker vom BVB-Blog Tinneff Rede und Antwort. Themen des Interviews waren unter anderem die Kartenproblematik für 96-Fans bei diesem Spiel, die Sorge bei den Dortmundern, vielleicht doch noch eingeholt zu werden, und wie der mitunter extrem emotional agierende BVB-Trainer Jürgen Klopp bei den Fans gesehen wird. Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an Volker für seine sehr ausführlichen Antworten und euch nun wieder einmal viel Spaß beim Lesen!

Wenn wir bei euch gewinnen und Bayer Leverkusen ebenfalls drei Punkte sammelt, könnte euer Vorsprung auf "nur" noch vier Punkte schrumpfen. Beschäftigt man sich in Dortmund mit solchen Rechenspielchen oder herrscht da eher das Vertrauen in die (zweifelsohne überaus komfortablen) 7 Punkte Vorsprung vor?

- Ob man sich beim Verein damit beschäftigt, kann ich natürlich nicht sagen, halte es aber für unwahrscheinlich. 7 Punkte sind noch eine Menge und ich kann mir nicht vorstellen, dass man diesen Vorsprung noch aus der Hand gibt, auch wenn die kommenden Spiele natürlich keine Selbstläufer sind. Aber das sind sie auch nicht für Bayer Leverkusen.

Ich persönlich habe mich im Anschluss an das Mainzspiel und dem Sieg der Werkself gegen die Blauen schon ein bisschen damit beschäftigt, aber die negativen Gedanken schnell wieder über Bord geworfen. Wichtig ist, dass wir am Samstag das Spiel gewinnen. Wen Leverkusen dann in Kaiserslautern nicht gewinnt, sieht das alles schon wieder ganz anders aus.

Wäre die Saison im Gesamtresultat für euch denn auch noch ein Erfolg, wenn ihr sie nicht als Deutscher Meister beenden würdet? Oder gibt es derzeit nur noch "Hopp oder Top", sodass der BVB eigentlich nur noch "verlieren" kann in Bezug auf die Endplatzierung?

- Natürlich wäre die Enttäuschung riesig, wenn diese traumhafte Saison nicht durch die Meisterschaft gekrönt würde und sicherlich hätten alle – Spieler, Offizielle und Fans – daran zu knabbern. Aber wenn man dann mit etwas Abstand und Neutralität zurückblickt wird man auch stolz sein auf das erreichte. Aber darum müssen wir uns eigentlich nicht sorgen. Der Deutscher Meister 2011 wird Borussia Dortmund heißen.

Wie beurteilst Du, dass Hannover 96 sich auch zu diesem späten Zeitpunkt der Saison noch da oben halten kann? Ist das Deines Erachtens "verdient"?

- Ich habe schon in unserem ersten Interview erwähnt, dass ich Slomka für einen guten Trainer halte und mir vorstellen könnte, dass sie zwischen Platz 7 und 10 am Ende landen. In der Winterpause habe ich bei Tweetball.de Hannover 96 auf Platz 3 gesehen. Aber dass das am Ende wirklich so eintritt, bezweifele ich jedoch, weil ich denke, dass die Bayern noch 3. werden und ihr auf Platz 4 einlauft.

Sieht man Hannover 96 in Dortmund als eine Mannschaft auf Augenhöhe oder wird der BVB als haushoher Favorit wahrgenommen?

- Ich kann es nicht beurteilen, ob viele BVB-Fans nach den letzten 2 Spielen wieder geerdet sind oder immer noch in anderen Himmelssphären verschweben. Ich persönlich kann halte den BVB zwar für den Favoriten, aber als haushoch würde ich ihn nicht bezeichnen. Hannover ist vor allem durch Ya Konan vorne und Pogatetz hinten sehr stark besetzt und hat trotz der Klatsche in Köln noch genug Selbstbewusstsein. Einziger Vorteil ist vielleicht, dass die 96er mitspielen werden, weil man ja gerne 3. bleiben möchte.

Gibt es denn einen Spieler von Hannover 96, der auch für Dortmund interessant sein könnte.

- Hm, schwer zu sagen. Ich persönlich wäre nicht überrascht, wenn Rausch in Dortmund auch seinen Weg gehen würde. Ya Konan ist ähnlich wie Barrios, das würde in Dortmund keinen Sinn machen. Pogatetz ist klasse, aber der BVB hat vielleicht das beste Innenverteidigertrio der Bundesliga.

Wie sehr macht sich bei euch das Fehlen von Kagawa bemerkbar? Kann die Mannschaft das gut kompensieren oder fällt es schon stark ins Gewicht?

- Manchmal fehlt er, manchmal nicht. In Leverkusen, Wolfsburg oder München hat er uns nicht gefehlt, in den Spielen wie gegen Stuttgart, Mainz, Gelsenkirchen oder Lautern hat mir persönlich jemand gefehlt, der den Ball mal aus 17-18 Metern auf das Tor schießt. Das wäre eine gute Situation für Kagawa gewesen. Generell kann man halt feststellen, dass der BVB etwas zu sehr versucht, den Ball ins Tor zu zelebrieren.

Wo liegen denn derzeit in erster Linie die Schwächen des BVB? Wo sollte 96 ansetzen? Eher auf Konter bauen oder das Heil in der Offensive suchen?

- Schwächen will ich gar nicht mal sagen. Vor 4 Wochen haben die Jungs in München die Bayern in ihre Einzelteile zerlegt, das war vielleicht eines der besten Spiele der Borussia in den letzten 15 Jahren. Aktuell treffen sie halt das Tor nicht und diese Leichtigkeit ist weg, die man in München noch hatte. Man muss aber eben auch zugeben, dass Mainz keine Laufkundschaft ist. Die haben in Bremen, Hamburg, München, Leverkusen und so weiter gewonnen. Hannover muss versuchen, lange das 0-0 zu halten und möglichst immer wieder gefährlich kontern. Wenn man dabei aber wie im Hinspiel oder in Köln ins offene Messer läuft, dann gibt’s am Samstag nichts zu holen.

Warum glaubst du, ist Hannover 96 das beste Heimteam der Bundesliga und was kann der BVB noch von Hannover lernen?

- Sind sie ja am Samstag nicht mehr. :-) Nein im Ernst: Ich denke, dass viele Mannschaften in dieser Saison ein Problem damit haben, gegen Mannschaften zu spielen, die hoch verteidigen und viel Laufarbeit leisten. Bei euch zeigt sich das vor allem bei den Heimspielen, vielleicht auch, weil die Gegner euch unterschätzen, bei anderen wie Mainz, Leverkusen oder uns zeigt sich das mehr in den Auswärtsspielen. Aber eine wirkliche Erklärung habe ich dafür nicht.

Ist es eigentlich ungewöhnlich, dass die Gastmannschaft so wenig Tickets bei euch ordert? Denn in Hannover ist man ziemlich sauer, weil viel mehr Tickets hätten verkauft werden können, die Ticketabteilung von 96 hatte die Nachfrage aber unterschätzt. Hast du davon überhaupt etwas mitbekommen?

- Ich hab keinen Plan, wie viele Tickets ihr geordert habt, ich weiß nur, dass die Stehblöcke 60/61 und 08 an BVB-Fans verkauft wurden. In den vergangenen Jahren waren ja auch nicht die Massen an Hannoveranern vor Ort, so dass ich verstehen kann, dass man nicht die kompletten 8.000 Karten nimmt. Natürlich ist es doof, wenn man oben in die Ecke verfrachtet wird statt in den Steher hinterm Tor.

Generell ist es aber einfach so, dass der Gästeblock bzw. das Kontingent für fast alle Gastmannschaften viel zu groß ist. Aus Sicht des Gastes ist es natürlich ätzend, dass er dann in die Ecke ausweichen muss, aus Sicht der Borussia aber durchaus legitim, dass man die Karten dann an eigene Fans verkauft. Und aus Sicherheitsgründen muss der Gast dann halt in die Ecke. Wenn ich mal so überlege aus dem Kopf heraus fallen mir nur wenige Mannschaften ein, die annähernd das gesamte Kontingent von 8.000 Karten annähernd abgenommen haben. Neben den Blauen (die im Übrigen viel weniger waren als in den Jahren zuvor), den Bayern und den Mainzern schaffen das Regelmäßig eigentlich nur die Kölner, Frankfurt und Hamburg, den Gästeblock inklusive der sicherlich nicht billigen Sitzplätzen zu füllen. St. Pauli schafft dies diese Saison auch, aber eben auch, weil sie unfassbare viele Möchtegern-Linke dabei haben, die sich so sehr für Pauli begeistern wie ihr für den BTSV. Klubs und Retortenvereine wie Freiburg, Wolfsburg, Sinsheim und wohl auch Leverkusen dürften in den kommenden Jahren immer in die Ecke abgeschoben werden. Warum sollte der BVB oder jeder andere Gastverein (Werder praktizierte diese Methode schon beim ersten Gastspiel der TSG Sinsheim) unzählige Karten verfallen lassen, nur weil der Gast nicht mal in der Lage ist, den Stehplatzblock zu füllen?

Mit eurem Trainer gehen ja manchmal - gelinde gesagt - die Pferde durch. So machte er zum Beispiel grundlos einen SWR-Reporter zur Schnecke und zuletzt verlor er im Spiel gegen Mainz die Nerven. Wie wird das von den BVB-Fans beurteilt? Genießt er in dieser Hinsicht eine gewisse Narrenfreiheit oder kommt in Bezug auf solche Aktionen schon so etwas wie größere Kritik an seiner Person auf?

- Ganz ehrlich? Ich kann das ganze Theater nicht mehr hören. Fußball ist ein emotionaler Sport, auf dem Rasen, auf den Tribünen und natürlich auch an der Seitenlinie. Wenn er, wie z.B. in Köln in der letzten Saison bei einem Tor in der Nachspielzeit ausflippt, dann ist das völlig legitim. Er hat ja niemand verletzt. Natürlich muss er einem 4. Offiziellen nicht seine Kappe ins Gesicht drücken, aber das passiert halt einem emotionalen Trainer wie Klopp mal. Die Geschichte mit dem SWR-Reporter habe ich ehrlich gesagt mehr als Scherz aufgefasst, nichts Besonderes halt.

Zu der Aktion mit Mainz hat er eben seine Ansicht, die einige Teilen, ich jedoch nicht. Für mich war es ok, dass die Mainzer weiterspielen, dass hätte ich sogar von den Schwarzgelben in gleicher Situation verlangt. Dass der Schiri nicht pfeift, hat man halt so Schauspielern wie Diego zu verdanken. In der Situation hatte man aber auch genug Möglichkeiten, das Tor zu verhindern. Zidan muss den Ball weg schlagen oder halt ein Foulspiel begehen nach dem Ballverlust, ebenso wie Schmelzer oder Kehl im Anschluss. Klopp sah es anders, sei es drum. Mir sind solche Trainer und Spieler lieber als diese aalglatten Lahms oder Metzelders dieser Welt, die sich immer schön artig verhalten. So Schwiegermutters Liebling halt.

Wie beurteilst Du im Allgemeinen das derzeitige Trainerkarussell in der Bundesliga? Erkennst Du dahinter ein gewisses "System" oder glaubst Du eher, dass es eine Panikreaktion - unter anderem aufgrund der vielen "Überraschungsmannschaften" - ist?

- Klar festzuhalten bleibt, dass kein Team in der Liga den Mut hatte, einen Trainer zu verpflichten, der neu oder unerfahren ist im Geschäft (Ausnahme Leverkusen, sollte Dutt kommen). Im Endeffekt schmoren alle im eigenen Saft. Für mich sind die meisten Trainer Auslaufmodelle, deren Art Fußball spielen zu lassen, nicht mehr zeitgemäß ist, auch wenn saisonale Erfolge wie in Leverkusen oder van Gaal mit den Bayern immer wieder vorkommen. Die Zukunft aber gehört Trainern wie Tuchel, Dutt, Klopp, Slomka und Co., die eigentlich alle den gleichen, laufintensiven Powerfussball spielen lassen. Alle erfolgreichen Klubs und Nationen spielen diesen Stil, egal ob Barca bzw. Spanien, die es perfekt vormachen oder eben Dortmund, Mainz, H96, Freiburg, Manchester United, die deutsche N11 oder die Niederländer. Wie lange dieser Spielstiel „modern“ bleibt, werden wir dann sehen.

Abschließend wieder zurück zum Spiel am Samstag: Wie ist Dein Ergebnistipp?

- 3:1 für den BVB, weil der BVB es wieder schafft, den Sack zu zumachen. Tore fallen durch Götze, Barrios und Subotic auf der einen und natürlich Ya Konan auf der anderen.

Vielen Dank.