Hollys 96-Vorhersage: Chronik einer angekündigten Animosität

8.11. – ein regnerischer Freitagabend mitten im Herzen Niedersachsens

20.30 Uhr
Der Anpfiff verzögert sich wegen des großen Zuschauerinteresses um wenige Minuten - Gelegenheit für beide Fanlager, ein paar bunte Leuchteffekte aus der Kategorie ‚Laternenumzug 2.0’ zu produzieren und dabei Verbalinjurien auszutauschen, gegen die der Haarmann-Song klingt wie ein launiger Karnevalsschlager. Der Stadionsprecher bittet in gewohnt unpassender Stimmlage um Mäßigung.

20.42 Uhr
Endlich betreten die Teams den Rasen – die Hauptstädter werden angeführt von ihrem zur Auflockerung der Stimmung mit einem Helm und Kriegsbemalung ausstaffierten Spielführer Steve ‚Ick bin ein Hannoverunner’ Cherundolo, der die gewonnene Platzwahl bereits mit lautem Triumphgeheul feiert.
Auf dezenten Hinweis des 4. Offiziellen, dass weder Helm, Theaterschminke noch Schulterpolster den gültigen DFL-Richtlinien entsprechen, wird das bis in die ausgeheilten Zehenspitzen motivierte Urgestein vom umsichtigen Sportdirektor fachgerecht aus der Startaufstellung entfernt – den kurzfristig einspringenden Ersatz machen die Reservisten per Schnick-Schnack-Schnuck unter sich aus…. Taktikfuchs Schlaudraff gewinnt und gibt sich den Kampfnamen ‚Wilde 13’.

20.55 Uhr
Während Schlauffi auf dem ungewohnten Außenverteidigerposten noch Anlaufschwierigkeiten hat, kommt der Kollege auf der anderen Seite mit dem Tarnnamen ‚Männeken Pa(t)ss’ schnell auf Betriebstemperatur – wie es sich für einen roten Teufel gehört, jagt er die armen blau-gelben Seelen von einer Verlegenheit in die nächste und sorgt für ordentlich Druck, doch noch steht die Löwenbastion.

20.59 Uhr
Oha – erste zaghafte Gegenangriffe über Dennis Kröpcke und Orhan Ahlemi bringen sofort die neuformierte Innenverteidigung der 96er in Bedrängnis, aber Hammer-Hiroki behält die Übersicht.
Erste Verwirrung jedoch an der Seitenlinie – Käpt’n Dolo steht nun abgeschminkt in tadelloser Spielkleidung am Spielfeldrand und fordert vehement seinen Einsatz; Slomka, Dufner & Kind ziehen sich in den Stadionkatakomben zum Krisengipfel zurück

21.05 Uhr
Genau die richtige Uhrzeit für einen Europa League-Aspiranten, um mal kräftig hochzuschalten und der Pro 13:30-Konkurrenz die Schlusslichter zu zeigen - nachdem zunächst noch der schussgewaltige Däne Leon A. mit einem tückischen Aufsetzer an Davari, dem schielenden Löwen im Gehäuse der Noisy neighbours, scheitert, kommt es zu einem glücklicher als zuletzt verlaufenden Auftritt des inzwischen liebevoll Teilzeit-Mame genannten senegalesischen Chef-Goalgetters: 2 Tore innerhalb von 6 Minuten, erst ein fabelhafter Kopfball aus für einen Verteidiger des Tabellenletzten schwindelerregender Höhe nebst anschließendem Bad in einer schlichtweg entfesselten Menge (dafür gibt es Gelb), dann ein fulminanter Flachschuss aus spitzem Winkel, der das Tornetz vor eine ultimative Belastungsprobe stellt.

Nach diesem Treffer besinnt sich Diouf auf die mitgegebenen Verhaltensmaßregeln und verzichtet trotz explodierender Stimmung im weiten Rund auf übertriebenen Jubel – nur ein kurzes Anheben des Trikots, wobei auf dem druntergezogenen Funktionsshirt der Schriftzug ‚Apotheose now’ sichtbar wird.
Unglücklicherweise zeigt Schiri Kircher ihm ohne zu Zögern Gelb-Rot wegen der unzulässigen Verwendung elaborierten Codes bei einem Fußball-Derby.

21.30 Uhr
Endlich Halbzeit und riesige Schlangen an den Getränkeständen im Stadion – schnell sind die ca. 100 bereitgehaltenen Flaschen alkoholfreies Bier vergriffen.

21.45 Uhr
Noch keine Entscheidung im Dreiergipfel – Kind beharrt auf ein Vetorecht, egal wie das Votum ausfällt, Slomka wundert sich, dass Diouf in Freizeitklamotten neben ihnen steht und Dufner will zum Halbzeitinterview, weswegen er sich nach dem aktuellen Spielstand erkundigt … Stevies Laune wird minütlich schlechter.

21.55 Uhr
Die Ahntracht zwar in Überzahl, aber durch das eine oder andere chronische fußballerische Defizit der Kämpfertruppe kommt es nicht zu einer spielerischen Überlegenheit – zugegebenermaßen hat sich inzwischen auch ein ca. 34-jähriger Nordamerikaner quasi undercover auf’s Feld gemogelt und stopft die eine oder andere Lücke in der roten Abwehr – ständige Rudelbildungen auf dem Rasen machen den Unparteiischen das Nachzählen allerdings auch schier unmöglich.

22.15 Uhr
Der 96-Coach taucht nun endlich an der Auswechselbank auf und schickt die Reservespieler, die bis dahin von dort gebannt das Spiel verfolgt hatten, zum Aufwärmen (3 Runden um den Platz) – damit scheinen sich waghalsige taktische Wechsel für die Schlussphase anzudeuten.

22.22 Uhr
Valmir Sulejmani hat dank seiner jugendlichen Frische als erster den Aufwärmparcour absolviert und steht spielbereit in der Wechselzone – Lars Stindl, unter der Woche bereits der derbysiegverheißende wortgewandter Autor eines wegen des SMS- und Twitter-Standards auf 140 Zeichen beschränkten offenen Briefes an die Fans, verlässt völlig ausgepumpt den Rasen, wenige Augenblicke später betritt die größte hannoversche Nachwuchshoffnung seit Lena die Bundeligabühne und legt einen von diesen legendenumrankten ‚Dein erstes Derby vergisst du nie’-Momenten hin, von denen man sogar in 37 Jahren noch selbst in umliegenden Herzogtümern sprechen wird …

96. Minute … 96 m Anlauf mit Ball aus dem eigenen Strafraum … 9,6 Stundenkilometer Ballgeschwindigkeit beim ungehinderten Lauf über die Linie – irgendetwas von diesem Treffer wird haftenbleiben in der niedersächsischen Sporthistorie