Zweifelhafte Auszählungen bei Mitgliederversammlung von Hannover 96

Erwartungsgemäß verlief die gestrige Mitgliederversammlung von Hannover 96 alles andere als geräuschlos. Mit etwas anderem war insbesondere aufgrund des Satzungsänderungsantrages sowie des "Vorspiels" um ihn auch nicht zu erwarten. Wie chaotisch und unseriös die Versammlung dann teilweise erschien, war dann aber doch überraschend.

Viele staunten gleich zu Beginn ungläubig, als sie für die Abstimmung zum Satzungsänderungsantrag lediglich eine Karte für die Zustimmung erhielten. Nicht aber eine für Enthaltung und Ablehnung.

Personalisierte Wahlkarten
Zudem stieß auf starke Kritik, dass die Karten durchnummeriert und in der Anwesenheitsliste dem jeweiligen Namen zugeordnet wurden. Es handelte sich hier also um eine personalisierte Wahlkarte, was insbesondere im Zusammenhang mit den Beeinflussungsversuchen im Vorfeld der Wahl einen ganz besonderen Beigeschmack hat. Auch trotz eines Antrags auf geheime Wahl, wurde nicht geheim abgestimmt.

Fragwürdiges Berechnungsverfahren
Desweiteren sorgte auch das Auszählverfahren für Kritik. Genauer gesagt handelte es sich nur zum Teil um eine Zählung, denn ein Teil der Stimmen wurde errechnet. Gezählt werden sollten für die wichtige Satzungsänderung nur die abgegebenen Zustimmungskarten. Enthaltungen und Gegenstimmen sollten nicht abgefragt werden, sondern als Differenz zu den laut Anwesenheitsliste anwesenden Mitgliedern gebildet werden. Da aber laut der Beobachtung vieler in den Stunden zuvor eine starke Fluktuation herrschte, bestanden erhebliche Zweifel darüber, die Anwesenheitsliste noch die Realität wiedergab und sich so die Anzahl der Ablehnungen gesichert ermitteln ließ.

War die Anzahl der Anwesenden überhaupt korrekt?
Zweifel daran ließen auch zuvor die Abstimmungen über die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat aufkommen: Bei der Entlastung des Vorstandes wurden die Gegenstimmen sowie die Enthaltungen abgefragt. Die Anzahl der Zustimmung wurde dann als Differenz aus den laut Liste 442 anwesenden Mitgliedern gebildet.

Im direkten Anschluss bei der Entlastung des Aufsichtsrates wurden dann aber alle Stimmen ausgezählt, wobei man in der Summe nur auf 399 Stimmen kam - also 43 bzw. ca. 10 Prozent weniger als zuvor die theoretische Berechnungsbasis war. Wie kann das sein?

Übrigens wurden sowohl Vorstand (fast 200 Mitglieder erteilten keine Entlastung bzw. enthielten sich) als auch Aufsichtsrat (ca. 150 Gegenstimmen und Enthaltungen) nur unter einer erheblichen Anzahl von Gegenstimmen entlastet.

Unmut über Abstimmung zu Satzungsänderung
Dass man nun bei der wichtigen Abstimmung über die Satzungsänderung dennoch auf dieses so genannte Subtraktionsverfahren baute, sorgte für viel Unmut. Ebenso wie die personalisierten Abstimmungskarten und die Ablehnung einer geheimen Abstimmung. Daher wurde eine Vielzahl an Stimmen nur unter ausdrücklichem Protest abgegeben.

Knappes Ergebnis gegen Satzungsänderung
Das mit diesem fragwürdigen Verfahren festgestellte Ergebnis war dann denkbar knapp: Von den (angeblich) noch anwesenden 434 stimmberechtigten Mitgliedern stimmten 263 für den Satzungsänderungsantrag, also knapp 61 Prozent. Allerdings wird für eine Satzungsänderung eine 2/3-Mehrheit gebraucht, also mindestens 289 Stimmen. Dass das Ergebnis so knapp ausfiel, macht die Defizite beim Modus der Stimmauszählung umso relevanter.

Rechtsanwalt Stefan Sterer hat den Ablauf der Wahl noch einmal detailliert in seinem Blog nachgezeichnet und bewertet. Da die 96-Satzung die erforderliche 2/3-Mehrheit auf die abgegebenen Stimmen bezieht, sieht er das Subtraktionsverfahren generell als nicht satzungskonform an - selbst wenn es keinen Zweifel über die Anzahl der noch anwesenden Mitglieder gegeben hätte -, da genau genommen keine Gegenstimmen abgegeben worden seien.

Insgesamt chaotischer Sitzungsverlauf
Aber schon zuvor lief die Sitzung auch außerhalb der Abstimmungen nicht rund. Aufruhr gab es beispielsweise im Saal als der Aufsichtsratsvorsitzende Valentin Schmidt als Versammlungsleiter kurzerhand die Reihenfolge der Tagesordnung ändern wollte.

Eine Abstimmung über die Einhaltung der Tagesordnung brachte jedoch eine Mehrheit (62 Prozent) für die Einhaltung, sodass es hier keine Veränderung gab. Dass überhaupt über die Einhaltung der zuvor beschlossenen Tagesordnung abgestimmt wurde, mutete kurios an.

Fragen der Mitglieder wird versucht auszuweichen
Ein weiterer Punkt der kurzzeitig für Unverständnis sorgte, war der Versuch von Geschäftsführer Frank Feldmann, Fragen zum Vereinszentrum an der Stammestraße auf einer gesonderten Veranstaltung beantworten zu wollen. Die Person, die diesen Informationsantrag stellte, bestand aber auf Beantwortung im Rahmen der Mitgliederversammlung.

Zum geplanten Vereinszentrum in der Stammestraße wurde in diesem Zuge bekannt, dass der Verein hierfür einen Kredit von 5 Millionen Euro aufnehmen muss, während 5 Millionen aus vorhandenen Mitteln des Vereinsvermögens beigesteuert werden. Die allgemeinen Mitgliedsbeiträge sollen infolge des Baus nicht angehoben werden. Bei einer Nutzung des Zentrums solle aber ein Zusatzbeitrag erhoben werden.

Förderung des Vereins durch Martin Kind bleibt unklar
Ein weiterer Informationsantrag forderte die konkrete Benennung der Förderungs des Vereins Hannover 96 durch Martin Kind, wozu dieser angab, zum jetzigen Zeitpunkt keine Details nennen zu wollen.

Er gab aber beispielhaft an, dass sich die Geschäftsstelle von Hannover 96 im Jahr 1997 vorübergehend in Kinds Unternehmen befand und auch die Lohnabrechnung darüber lief. Darüber hinaus habe er Darlehen gewährt und Geldspenden geleistet. Für das zurückliegende Jahr wurde dabei auf Nachfrage zu einem späteren Zeitpunkt die Summe von 2.500 Euro benannt.

Weitere Zahlen gab es zur Förderung des Vereins durch Martin Kind nicht - insgesamt blieb die Beantwortung nur wenig konkret. Zudem verwies Kind auf seine unentgeltliche Arbeit für die Hannover 96 GmbH & Co. KGaA, in die der Profifußball ausgegliedert wurde. Gefragt war aber nach der Förderung des Vereins, nicht der ausgegliederten Profifußball-Abteilung.

Antragssteller sieht sich benachteiligt
Im Zusammenhang mit den Satzungsänderungsantrag sei übrigens noch erwähnt, dass der Antragssteller, David Waack, seinen Antrag noch vor Ort mündlich erläuterte. Allerdings nur aus dem Plenum und nicht vom Podium. Dies blieb ihm auch auf Nachfrage verwehrt; ebenso wie die Vorführung einer Präsentation zum Thema. Er bemängelte daraufhin fehlende Chancengleichheit.

Er fand in seinen erläuternden Worten zudem nochmals kritische Worte für den Brief des Vorstandes bzgl. seines Antrages und dass ihm verwehrt wurde, sich auf gleichem Wege an die Mitglieder zu wenden. Seine Erläuterungen zu den Hintergrunden des Antrages waren nur wenig überraschend die gleichen wie in seinem offenen Brief, die er überzeugend vortrug und dafür tosenden Applaus erntete.

Anschließend ergriff der Vorstand in Person von Uwe Krause des Wort, um nochmals etwas zum Satzungsänderungsantrag zu entgegnen. Vor allem verwies er auf die Erfolge der letzten 20 Jahre. Wobei er nicht explizit erwähnt, dass diese ja trotz bestehender 50+1-Regel möglich waren. Garniert wurde seine Rede von der Drohung, dass die Geldgeber den Hahn zudrehen würden, wenn dam Antrag zugestimmt würde.

Versuch die Zahl der Wortmeldungen zu beschränken
Nachdem sich noch weitere Wortmeldungen ankündigten, wurde gegen 22.30 Uhr mit Verweis auf die vorangeschrittene Zeit versucht, die Rednerliste zu begrenzen, was Protest aus dem Saal zur Folge hatte.

Es ist übrigens nicht die erste Mitgliederversammlung auf der es Versuche dieser Art gibt. Den Eindruck einer lupenrein demokratischen Veranstaltung erweckte dies nicht unbedingt.

Paukenschlag zum Schluss: Neue Hürde für Martin Kind
Einen Paukenschlag gab es noch nach der Abstimmung zum Satzungsänderungsantrag: Aufsichtsratsmitglied Ralf Nestler brachte einen eigenen Antrag mit dem Titel "Transparentes Verfahren und Einbindung der Mitgliederversammlung vor einem etwaigen Übernahmeantrag an die DFL" ein, für den lediglich eine einfache Mehrheit erforderlich war, die kurz nach Mitternacht auch erreicht wurde.

Inhalt des Antrages ist, dass die Mitglieder des Vereins mitbestimmen sollen, ob die Hannover 96 GmbH & Co. KGaA eine Ausnahmeregelung von der 50+1-Regelung beantragen darf. Zudem müssen die Vereinsmitglieder auf einer Mitgliederversammlung über die Vor- und Nachteile einer solchen Ausnahmegenehmigung informiert werden und stimmen über die Beantragung eines des Ausnahmeantrages ab. Hier wurde also eine zusätzliche Hürde eingezogen, sodass es seitens der Vereinsmitglieder noch keinen "Freifahrtschein" für Martin Kind gibt.

Hier ist nun also noch eine weitere Abstimmung auf einer Mitgliederversammlung erforderlich. Dass der Antrag von Valentin Schmidt als Sitzungsleiter zunächst als "nicht satzungskonform" nicht zugelassen werden sollte, passte ins bisherige Bild der Versammlung.

Ebenfalls wurde zuvor übrigens durch einen der Anträge beschlossen, dass der Vorstand von Hannover 96 die Verhandlungen aufnehmen soll, um die Markenrechte von der ausgegliederten Profiabteilung zurückzukaufen. Forum