Kritik unerwünscht? Hannover 96 lehnt 119 Anträge auf Mitgliedschaft ab

Der ehemalige Fandachverband "Rote Kurve" warb zusammen mit der Fan-Initiative "Pro Verein 1896" zuletzt fleißig neue Vereinsmitglieder für Hannover 96 an. Eigentlich sollte dies ganz im Sinne des Vereins sein, der seit einiger Zeit mit einer groß angelegten Kampagne aufwändig um neue Mitglieder wirbt.

Diese Kampagne wird nun ad absurdum geführt: Gleich 119 neue Anträge auf Mitgliedschaft reichte die "IG Rote Kurve" am 24. Mai 2017 beim Verein ein. Doch zunächst erhielten die Antragssteller darauf wochenlang keine Reaktion und wurden auf Nachfrage nur vertröstet. Im Zusammenhang damit, dass es durch die Mitgliedschaft einen Rabatt bei der Dauerkartenverlängerung gegeben hätte, war dies für die Antragsteller besonders ärgerlich.

Ablehnung ohne Begründung
Heute aber, volle sechs Wochen später, gibt es die faustdicke Überraschung, die für viele nichts anderes als ein Skandal ist: Hannover 96 lehnt alle 119 Mitgliedschaftsanträge ab, wie unter anderem auf der Homepage von "Pro Verein 1896" nachzulesen ist.

Dies wird lapidar in einer kurzen E-Mail mitgeteilt. Eine Begründung für dieses überaus ungewöhnliche Vorgehen wird dabei nicht genannt.

Kritische Stimmen nicht erwünscht?
Es drängt sich dabei der Verdacht auf, dass gezielt Mitgliedschaften von Personen abgelehnt werden, denen man eine kritische Haltung zur Abschaffung der 50+1-Regelung unterstellt. Diese Regelung soll verhindern, dass Investoren die Mehrheit am Profi-Fußball von Hannover 96 übernehmen können.

An einer echten Diskussion über die Vor- und Nachteile dieser Abschaffung scheinen die Entscheider im Verein nicht interessiert. Dieses Vorgehen ist sicherlich alles andere als ein leuchtendes Beispiel für gelebte Demokratie.

Knappes Abstimmungsergebnis schürt Ängste bei Abschaffungs-Befürwortern
Es zeigt aber auch, wie groß die Angst auf Seite der Abschaffungs-Befürworter ist, dass der Fall der Regelung doch noch gestoppt werden könnte. Wofür auch das äußerst knappe Abstimmungsergebnis zum Thema 50+1 bei der diesjährigen Mitgliederversammlung spricht, das darüber hinaus auf zweifelhafte Art und Weise enstanden ist. Zur Erinnerung: Es gab hier sogar eine eine Mehrheit der 50+1-Befürworter - benötigt wurde jedoch eine 2/3-Mehrheit.

Letztendlich könnte dies nun auch für eine Variante des Streisand-Effekts sorgen, indem es potenzielle Befürworter des Erhalts der 50+1-Regel zu einem Eintritt motiviert. Denn es könnte knapp werden bei der nächsten Abstimmung. Zudem besteht auch für die abgelehnten Antragssteller die Möglichkeit, erneut einen Antrag zu stellen und diesen im "Alleingang" - also nicht gesammelt - einzureichen.

Verein entgehen jährlich 11.500 Euro
Eine solche Behinderung der vereinsinternen "Opposition" lässt sich für viele jedenfalls nicht mit einer klassischen Vereinskultur vereinbaren. Nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund, dass dem Verein durch die ablegehnten Mitgliedschaften jährlich rund 11.500 Euro entgehen. Eine Summe, über die sich ein Verein normalerweise sehr dankbar zeigen würde.

Fragen wirft in diesem Zusammenhang auch auf, wie die Ablehnung der Mitgliedschaftsanträge vereinsintern überhaupt begründet wird. In der Vereinssatzung jedenfalls sind keine Ablehnungsgründe zu finden. Das letzte Wort wird in dieser Anlegenenheit noch nicht gesprochen sein. Die IG "Pro Verein 1896" kündigte bereits Widerstand an. Forum

Update vom 07.07.2017
PS: Inzwischen wurde auch der vor knapp zwei Jahren ins Leben gerufene Fanbeirat in dieser Angelegenheit tätig und wendet sich mit einem offenen Brief an die Verantwortlichen.