Kommentar: Hoffen und Bangen - Folge 27

Als ich im Oktober meinen ersten Eintrag hier verfaßte, schrieb ich noch zuversichtlich davon, noch keinen Negativtrend sehen zu können (wollen). Das war nach dem achten Spieltag, nach der Heimniederlage gegen Hoffenheim. Wie kolossal ich daneben lag!

Nein, von einer schwierigen Zwischenphase kann seit Monaten leider nicht mehr die Rede sein. Die Roten taumeln ohnmächtig durch die Saison und nehmen jedes Problem mit, das man sich einhandeln kann. Die Verletzungsgeschichte hat zwar schon einen Bart, doch heute fehlten wieder sieben Leute, dazu mußten Balitsch und Pinto angeschlagen frühzeitig raus. Es regiert das Chaos. Man kann sich nur auf wenige Dinge verlassen: Auswärts gibt es nur hilflose Niederlagen und zuhause gibt es gegen große Mannschaften ebenso große Leidenschaft. Diese kleinen Erfolgserlebnisse wie gegen Bayern (1:0), Hamburg (3:0), Schalke (1:0), Leverkusen (1:0) und eben Hertha (2:0) sind es, die die ganz große Katastrophe bis jetzt abgewendet haben.

Heute gab es also den so wichtigen Dreier gegen Hertha BSC. Es war wie ein packendes Pokalspiel, in dem das Amateurteam zwar hoffnungslos unterlegen war, aber dennoch alles in die Waagschale warf, um die große Sensation zu schaffen. 47.000 Zuschauer im nahezu ausverkauften Niedersachsenstadion wurden Zeugen einer Partie, in der die Gäste - allen voran der nimmermüde Voronin - zu zahlreichen Chancen kamen, weil die 96-Defensive immer schnell überfordert ist. Sie kann durch lange Bälle, Steilpässe, Doppelpässe, Dribblings, Flankenläufe und Zuspiele in den Rückraum ausgespielt werden, weil bei allem Einsatz die Laufwege nicht stimmen und so ein halbes Dutzend Spieler wie in der F-Jugend kreuz und quer laufen, ohne den Weg zum Tor zustellen zu können. Auf der anderen Seite verpuffen die meisten Angriffe wegen ungenauen Paßspiels noch bevor überhaupt der gegnerische Strafraum erreicht ist. Trotzdem kamen die Roten zu drei guten Möglichkeiten und zu zwei Treffern. Der Underdog gewann mit 2:0. Doppelt und mehrfach bedenklich ist nur der Umstand, daß es sich bei 96 eigentlich um eine Erstligamannschaft handelt, in der so viele Dinge besser laufen sollten.

Doch weil Hannover eben nach 27 Spieltagen erst 29 Punkte gesammelt und dabei die mit Abstand meisten Gegentore geschluckt hat, ist inzwischen schon alles und jeder Zielscheibe der Kritik geworden. Spieler, Trainer, Manager, medizinische Abteilung, Presselandschaft und selbst die Fußballgöttin Fortuna haben schon einiges zu hören bekommen. Und es hat ja auch jeder seinen Anteil am Erfolg oder eben Mißerfolg. Doch einfache Antworten oder Lösungen scheint es nicht zu geben. Es scheint nicht an einer Einzelperson zu liegen, auch wenn einzelne Spieler oder Trainer Hecking nach einem bestimmten Spielerwechsel in den Fokus der Kritik rücken. Sie warten alle irgendwann wieder mit einem guten Ausrufezeichen auf. Die jüngsten Beispiele heißen Eggimann, Pinto und Krzynowek. In den Wochen zuvor waren es Stajner und Bruggink. Es ist die Konstanz, die bei den meisten fehlt. Robert Enke ist über jeden Zweifel erhaben, dahinter gehört Christian Schulz regelmäßig zu den besten Feldspielern. Doch sonst?

Nach dem Spiel in Hamburg nächste Woche beginnt die heiße Schlußphase der schon vermaledeiten Saison. Dann geht es gegen die direkten Tabellennachbarn. Dann gibt es reihenweise die berühmten Sechspunktespiele, die über Klassenerhalt oder Abstieg entscheiden werden. Der Fortsetzungsroman "Hoffen und Bangen" hat noch sieben Kapitel zu bieten.