In Hannover bewegt sich gerade was. Während vor einem Monat die Tristesse ihren Höhepunkt erreicht hatte, weil das siechende Elend auf dem Spielfeld auch im Pokalspiel beim Viertligisten Trier kein Ende nehmen wollte, steckt der Verein nun mitten in einer mittelgroßen Aufbruchsphase. Am Tabellenbild kann man nach vier Punkten aus vier Spielen zwar noch nichts erkennen; doch an der Spielweise hat sich schon einiges verändert und die Stimmung hellt sich dadurch auch etwas auf. Stufe eins der Aufbruchsphase liegt schon ein wenig länger zurück: Jörg Schmadtke wurde im Mai neuer Manager. Mit ihm kam offenbar das Auge für Spieler, die aufgrund ihrer Beweglichkeit, Technik und Jugend die erschreckend langsame und hüftsteife Mannschaft sichtlich aufpeppen. Es kommt nicht von ungefähr, daß mit Haggui, Djakpa, Rama und Ya Konan vier der bislang fünf Neuzugänge in der Startelf stehen; Sofian Chahed muß erst noch seinen Fitneßrückstand aufholen. Stufe zwei wurde noch vom alten Trainer Dieter Hecking initiiert, nämlich der Systemwechsel zum 4-4-2. Nun ist die Zahlenkolonne an sich weit weniger wichtig als ihre Umsetzung auf dem Platz. Aber mit den neuen Spielern und der neuen Ausrichtung änderte sich die gesamte Spielanlage auf erfrischende Art und Weise: Mit der aktuellen Viererabwehrkette kann man besser auf Abseits spielen, also weiter vorrücken und das Spielgeschehen in die gegnerische Hälfte verlagern. Und davon können auch die beiden Sturmspitzen als Anspielstationen profitieren, die öfter vorne drin auftauchen anstatt irgendwo auf Höhe der Mittellinie zu versauern. Stufe drei ist der Trainerwechsel. Andreas Bergmann ist der lang ersehnte frische Wind, auch wenn er in der kurzen Zeit von gerade einmal zehn Tagen nicht viel bewegen konnte. Er konnte nur zwei Dinge tun: Der Mannschaft Mut machen und auf der leer gefegten Ersatzbank nach Alternativen suchen. Beides hat er getan. Er tauschte Hanke und Krzynowek durch Rausch und Rama aus, um so den Wandel hin zu mehr Agilität und Mumm fortzusetzen. Djakpa rückte dafür ins Mittelfeld und Stajner zurück in den Sturm; diese Maßnahmen haben in den zwei Spielen bis jetzt gefruchtet. Stufe vier der Aufbruchsphase hat noch nicht stattgefunden, zwei Tage vor Ablauf der Transferperiode drückt im Mittelfeld der Schuh. Spielmacher Arnold Bruggink ist in seiner traditionellen Hinrundenform, und es gibt weit und breit keinen Ersatz im Kader. Bei acht Verletzungsausfällen hatte 96 ohnehin nie die Möglichkeit, mit Spielerwechseln nennenswerte Impulse zu setzen. Hertha und Hoffenheim konnten in der zweiten Halbzeit frische Kräfte bringen, sogar Mainz hatte noch zwei Joker im Ärmel, um das Offensivspiel anzuheizen. Bei Hannover dagegen sitzen im Moment nur Verlegenheitslösungen auf der Bank. Ein Neuzugang als Konkurrent für Bruggink und die Lösung der rätselhaften, seit elfeinhalb Monaten andauernden Verletzungsserie würden dem Trainer ungeahnte Möglichkeiten geben. Ob Interimstrainer Bergmann bis zum Saisonende weitermachen darf, steht noch nicht fest. Heute hat die Mannschaft zwar zuhause 0:1 gegen Hoffenheim verloren, dabei aber in den ersten 40 Minuten ein kleines Fußballfeuerwerk abgebrannt. Ich glaube, das spricht für ihn. Jetzt noch der Rückblick auf drei Jahre Dieter Hecking: In dieser Zeit gab es einige Erfolge zu feiern. So lange wie er war noch kein Trainer zuvor bei 96 in der Bundesliga. Tabellenplatz acht war das beste Abschneiden seit anno dazumal. Der Zuschauerschnitt kletterte erstmals wieder über die Marke von 40.000. Zwei Mal wurde der Einzug ins internationale Geschäft nur knapp verpaßt. Der Verein ist nun im achten Jahr hintereinander in der Bundesliga und hat sich damit längst dort etabliert. Der Trainerwechsel kam folgerichtig, aber der August ist kein guter Zeitpunkt dafür. Da kein einziges Problem über Nacht aufgetaucht war, wäre der Wechsel Mai passender gewesen. Doch bei 96 finden alle Veränderungen im Moment nur mit Verzögerung statt. Manager Schmadtke kam leider nicht schon im März, als über die Vertragsverlängerungen mit einigen Spielern nachgedacht wurde. Der überfällige Schnitt in der Mannschaft wurde nicht in der Sommerpause gemacht, sondern erst jetzt im August in Angriff genommen. Damit hat man wertvolle Zeit einfach verstreichen lassen. Als Begründung hat Präsident Martin Kind stets auf die leeren Vereinskassen verwiesen; doch mit Blick auf die mageren Zuschauerzahlen und neuerliche Spielerausfälle war dann doch irgendwie wieder Geld für Nachbesserungen da. Und so hat sich das Bild in ziemlich kurzer Zeit doch ziemlich verändert. In allen vier Saisonspielen hat 96 ganz gut ausgesehen. Zwar läuft die Mannschaft jetzt den unnötig liegengelassenen Punkten gegen Hertha, Mainz und Hoffenheim hinterher, doch wenn sie weiterhin so stabil auftritt wie bisher, dann kann es doch eine sorgenfreie Spielzeit werden. Wenn sie auch noch alle Probleme abschütteln könnte, also 90 Minuten Powerfußball bieten, sich im Konkurrenzkampf gegenseitig anstacheln und die neuerdings vorhandenen Torchancen verwandeln könnte, dann wäre sogar alles in Butter. Doch danach sieht es noch lange nicht aus. |
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