Kommentar: Im freien Fall

Seit Anfang November hat sich vieles bei Hannover 96 verändert. Der Patient befindet sich nicht mehr in der stabilen Seitenlage, sondern mittlerweile im freien Fall nach unten. Trainer Bergmann konnte im August frischen Wind in die Mannschaft bringen. Es war mehr Bewegung und Leidenschaft auf dem Platz zu sehen und zu spüren. Doch immer wenn er ein Problem behoben hatte, trat ein neues auf. So wurde er unverschuldet binnen weniger Monate vom Hoffnungsträger zum Wackelkandidaten.

Seit dem Verlust von Torwart, Kapitän und Führungsfigur Robert Enke läuft bei den Roten nichts mehr zusammen. In sechs Spielen gab es nur ein Unentschieden und fünf Niederlagen. Das Team hat jede Stabilität verloren und taumelt verunsichert von einer Verlegenheit in die nächste. Zuerst war das Tor vorne wie vernagelt (0:2 auf Schalke, 0:3 gegen Bayern, 0:0 gegen Leverkusen), dann ließ die taktische Disziplin zu wünschen übrig (3:5 in Gladbach, 2:3 gegen Bochum, 0:3 gegen Hertha). Nach einem Gegentor lassen alle Spieler die Köpfe hängen und finden keine Antwort. Es scheint derzeit, als sei das Schicksal Enkes genau der Schlag ins Kontor, den die Mannschaft nicht mehr auffangen kann.

Seit Saisonbeginn fallen körperliche Defizite ins Auge, 90 Minuten Powerfußball am Stück wurden noch nie gesehen. Das ist der beispiellosen Verletzungsserie geschuldet, deren jüngsten Opfer Andreasen und Ya Konan heißen. Auch im Spiel gegen Mainz werden so wieder mindestens acht Spieler ausfallen.

Neben mentalen und körperlichen Schwächen rächt sich nun auch die Kaderplanung des letzten Jahres. Anstatt den Umbruch einzuleiten, wurden vor zehn Monaten die Verträge mit Bruggink, Lala und Stajner um jeweils zwei Jahre verlängert. Anstatt die vielen Fragezeichen im Angriff zu beantworten (Forssell, Hanke, Schlaudraff), hoffte man einfach auf eine irgendwie geartete Besserung. Anstatt in der Abwehr für klare Verhältnisse zu sorgen (Eggimann, Vinicius), wurde Schulz versetzt, wurden Sofian Chaheds Verpflichtung erst nach der Sommervorbereitung und Duricas Ausleihe erst wenige Tage vor dem Rückrundenstart entschieden. Ein Einspielen ist unmöglich.

Der Grund für das verzögerte Handeln liegt in der leeren Kasse. Vereinspräsident Martin Kind kündigte ein dickes Minus in der laufenden Saison an, das mindestens drei Millionen Euro groß sein wird. Er spricht neuerdings von Transferentscheidungen der Vergangenheit in Höhe von 20 Millionen aus den letzten Jahren. Wie sich die Zahl zusammensetzt, ist unbekannt. Wie 96 unter diesen Umständen ernsthaft eine Verpflichtung von Mesut Özil vor zwei Jahren in Erwägung ziehen konnte, ist ebenso unbekannt. Laut Kind ist man in der Bundesliga nur wettbewerbsfähig, wenn man regelmäßig in den Europapokal einziehen kann. Davon ist Hannover allerdings seit Abschaffung des Messepokals vor 39 Jahren weit entfernt. Und kann es wirklich sein, daß alle anderen 30 Erst- und Zweitligisten per se in die Röhre kucken?

Jetzt geht es nur noch um den Verbleib in der Bundesliga. Hoffnung speist sich normalerweise aus Dingen, die gut funktionieren. Doch wir verlieren gegen Außenseiter und Favoriten. Wir verlieren Heim- und Auswärtsspiele. Wir haben die mannschaftliche Geschlossenheit und das Selbstvertrauen verloren. Es brennt in jedem Mannschaftsteil und es ist keine Besserung in Sicht. Das Abstiegsgespenst geistert über der Stadt. Es läßt sich nur mit einer Siegesserie vertreiben, an die momentan keiner so richtig glaubt.