Kommentar: Jetzt geht's um die Wurst

Die vergangenen Wochen haben viele Erkenntnisse gebracht und dennoch viele Fragen unbeantwortet gelassen. Rückblickend kann man die Anfangszeit von Trainer Mirko Slomka wohl als große Reperaturmaßnahme betrachten, bei der die Spiele absichtlich abgeschenkt worden waren. Es wurde aus der Not heraus das Ausdauertraining der Winterpause nachgeholt, und es wurden drei zu spät verpflichtete Neuzugänge in die Mannschaft integriert. Nach zum Teil horrenden Niederlagen schien die Arbeit erste Früchte zu tragen, es folgten passable bis gute Auftritte gegen Wolfsburg (0:1), Freiburg (2:1) und Frankfurt (2:1). Diese zwei Siege waren von enormer Bedeutung, weil sie die Hoffnung auf den Klassenerhalt erhielten. Mehr nicht. Mit einer unglaublichen Pleitenserie von elf Niederlagen in zwölf Spielen war zuvor ganz viel Boden in der Tabelle verloren gegangen.

Der Beginn der dunklen Phase hängt sicherlich mit dem schockierenden Tod Robert Enkes zusammen. Aber auch eine noch so starke Trauerphase findet irgendwann ihr natürliches Ende. Es kamen weitere Aspekte hinzu. Die Wintervorbereitung konnte offenbar nicht dazu genutzt werden, Kräfte zu sammeln und neu zu verpflichten. Wieder einmal kam es zu einem Trainerwechsel, als der Spielbetrieb gerade wieder begonnen hatte. Wieder einmal wurde die Kaderplanung bis zum letzten Tag verzögert. Wieder einmal blieben die Lücken auf der linken Außenbahn bestehen. Wenn eine Saison mit einem Marathonlauf vergleichbar ist, dann ist 96 zwölf Wochen lang stehen geblieben, während die anderen Mannschaften weitergelaufen sind. Selbst wenn das Team wieder Fahrt aufnehmen sollte, wird es den Rückstand auf Platz zehn (dort standen es damals) nie mehr aufholen können.

Nach dem kurzen Zwischenhoch war gegen Stuttgart und Köln von Gegenwehr plötzlich nicht mehr viel zu sehen. Gerade die Heimpleite gegen die Domstädter tat richtig weh, es war wieder einmal ein Sechspunktespiel, in dem es zu Hause wieder einmal mindestens drei Gegentore gab. Damit haben die Hoffnungen auf den Klassenerhalt einen herben Dämpfer erlitten. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Letztlich ist jedes Spiel ein Einzelereignis; erst eine Serie von Spielen läßt Klugschnackern wie mich im Nachhein irgendwelche Zusammenhänge hinein interpretieren.
Nach meiner Einschätzung wurden sämtliche Entscheidungen - also die Besetzung des Managerpostens, die Trainerwechsel, Ausdauertraining, Spielerverpflichtungen, die Einstellung von Leistungsdiagnostikern und Sportpsychologen oder das heute beginnende Trainingslager - viel zu spät getroffen. Vereinspräsident Martin Kind schaut mit bangem Blick auf das nächste Minus in der Bilanz und sucht nach Einsparpotentialen, um dann die immer größer werdenden Probleme mit noch größerem Aufwand lösen zu müssen. Drei verschiedene Trainer und ein halbes Dutzend nachträglich geholter Neuzugänge waren sicher nicht beabsichtigt gewesen, sind aber Folge von Fehlentscheidungen, die schon im letzten Frühling getroffen wurden. Panisch wirkende Rettungsversuche werden sie nicht rückgängig machen können.

In den nächsten vier Wochen geht es gegen vier Spitzenteams in der Liga zur Sache. Wir sind auf einen Überraschungserfolg gegen Hamburg, Schalke, Bayern oder Leverkusen angewiesen. Zwei Überraschungserfolge wären noch besser. Aussichtsreich ist dieses Unterfangen nicht. Zwischenzeitlich hat es mal so ausgesehen, als könne sich ein sportliches Gerüst herausbilden. Mit Haggui, Schulz und vielleicht Cherundolo in der Abwehr; mit Balitsch oder Andreasen auf der Sechs; mit Djakpa auf der linken Seite und Elson hinter den ivorischen Spitzen Koné und Konan. Doch diese gedachte Achse hat sich komplett in Luft aufgelöst. Haggui ist seit der Rückkehr vom Afrika-Cup außer Form, Schulz muß als Außenverteidiger aushelfen. Balitsch und Andreasen sind im Wechsel verletzt oder gesperrt. Für Djakpa ist die Saison verletzungsbedingt bereits beendet, dazu fallen Elson und Koné aus. Die Verletzungsseuche hat noch lange kein Ende gefunden, gegen Hamburg werden nach Stand der Dinge wie so oft neun Profis fehlen.

Die noch unbekannte Notelf wird gegen Hamburg irgendwie ein Zeichen setzen müssen. Mit läuferischem Engagement, spielerischem Mut und vor allem auch mit Konzentration und Disziplin. Wenn der Gegner erneut zum Toreschießen eingeladen wird, ist die nächste Niederlage vorprogrammiert. Die Zahl der individuellen Fehler im Defensivbereich muß spürbar runtergehen. Und gleichzeitig muß das eigene Angriffsspiel besser werden, nicht nur um selbst ein Tor schießen zu können, sondern auch um die eigene Abwehr mal entlasten zu können. Für beide Bausteine braucht man auch Vertrauen in die eigene Stärke; nach den unzähligen Nackenschlägen weiß niemand, ob das Team überhaupt noch zu sich zurückfinden kann. In den nächsten vier Wochen müssen dennoch irgendwie ein paar unerwartete Punkte eingefahren werden. Sie sind die Basis dafür, zum Saisonfinale gegen Gladbach und in Bochum überhaupt noch zittern zu können. Jetzt geht's um die Wurst.