Interview mit Mike von Seitenwahl (BMG)

Morgen steht ja nun das immens wichtige Heimspiel von Hannover 96 gegen Broussia Mönchengladbach bevor. Während für Gladbach in dieser Saison weder nach oben noch nach unten noch etwas geht, ist für Hannover 96 ein Sieg fast schon Pflicht. Im Vorfeld dieser Partie stand uns Mike vom Borussia-Magazin Seitenwahl (seitenwahl.de) für ein Interview zur Verfügung. Seitenwahl ist bereits seit 1997 im Netz und damit eines der ältesten Online-Magazine. Viel Spaß beim Lesen!

Für die Borussia ist die Saison ja praktisch gelaufen. Hat man den Spielern das zuletzt angemerkt oder spielen sie weiterhin so engagiert als würde es noch um etwas gehen?

- Es geht ja immer noch um Punkte. Und nein, Gott sei Dank lassen sich die Spieler nicht hängen. Der Klassenerhalt ist zwar rechnerisch erst seit vergangenem Spieltag klar, aber schon in den Wochen vorher war man eigentlich durch. Dennoch wurden der Hamburger SV und Eintracht Frankfurt zu Hause geschlagen, in Schalke hat man gut mitgehalten und nur unglücklich verloren, ebenso in Stuttgart. Das Heimspiel gegen die Bayern hat dann wohl jedem in der Republik gezeigt, dass die Spieler nicht gewillt sind, die Saison frühzeitig abzuschenken. Außerdem geht es vielen jetzt noch darum, vor dem großen Rivalen aus Köln zu landen. Das mag für Hannoveraner wie ein Luxusproblem klingen, aber nach dem Klassenerhalt ist das in Mönchengladbach ein wichtiges und ernstes Ziel.

Nach dem sehr knappen Klassenerhalt in der vergangenen Saison kann man mit so einer Saison ja sicherlich zufrieden sein, oder?

- Absolut! Eine Saison wie die vergangene will in Mönchengladbach keiner mehr erleben, denn das zehrt an den Nerven und am Gemüt, zumal es bereits der dritte Abstieg innerhalb von zehn Jahren gewesen wäre. Wer in der Winterpause nur elf Punkte hat, ist quasi schon abgestiegen. Dass es am Ende doch reichte, hatte auch viel mit Glück zu tun. Daher hat hier jeder drei Kreuzzeichen gemacht, als es geschafft war. Der Verein gab vor der Saison das Ziel aus, möglichst wenig mit dem Abstiegskampf zu tun zu haben und dieses Ziel wurde erreicht.

Fehlt Dir vielleicht doch auch ein wenig der "Kick", dass es - entweder nach oben oder aber auch nach unten - zu diesem Zeitpunkt der Saison noch um etwas geht?

- Nun, der „Kick“, dass nach oben noch etwas geht, ist sicher angenehmer. Borussia hatte ja das zweifelhafte Glück, dass die bisherigen Abstiege leider sehr deutlich waren, denn sowohl 1999 als auch 2007 ist der Verein als Tabellenletzter abgestiegen. Das ist zwar nicht schön, aber sicher besser, als am 34. Spieltag um 17:18 Uhr diesen Genickschlag zu erhalten. Natürlich war die vergangene Saison intensiv, als die Mannschaft binnen weniger Tage zuerst Schalke 04 am 31. Spieltag und dann auswärts Energie Cottbus am 32. Spieltag jeweils 1:0 schlug, wobei die Tore in beiden Spielen erst in der 90. Minute fielen. Das ist eine irre Achterbahnfahrt, auf die man auf Dauer aber gerne verzichtet, denn niemand garantiert Dir, dass es immer diesen positiven Ausgang nimmt. Nein, nach den vielen Jahren des Abstiegskampfes ist es wirklich sehr angenehm, eine so entspannte Saison zu erleben. Dass es in einem Traditionsverein wie Borussia Mönchengladbach auf Dauer mit Platz 12 auch nicht geht, wissen alle. Aber für den Moment ist Friede, Freude, Eierkuchen, und das ist gut so.

Gibt es denn etwas, was Du bei der Borussia sofort ändern wollen würdest, wenn Du die Möglichkeit dazu hättest?

- Ja, die Farbe des Hauptsponsors auf den Trikots. :-) Im Ernst, natürlich gibt es immer Wünsche, was die Mannschaft oder den Verein im Allgemeinen betrifft. Aber die Fans in Mönchengladbach haben erkannt, dass der Weg nach oben, den alle natürlich gehen wollen, sehr lang und steinig ist. Geduld und Kontinuität sind im Tagesgeschäft Fußball seltene Faktoren, aber die braucht es. Die Mannschaften aus dem oberen Tabellendrittel sind finanziell, sportlich und strukturell leider viele Jahre voraus. Da kann keiner erwarten, dass es innerhalb von ein, zwei Jahren wieder nach Europa geht. Wenn die Mannschaft sich fußballerisch weiter so entwickelt und präsentiert wie in dieser Saison, ist ein Platz im „grauen Mittelfeld“ absolut okay. Das muss der Weg sein, und den tragen viele Fans mit.

Fällt Dir denn ein Spieler von Hannover 96 ein, der Dich interessieren würde, wenn Du Sportdirektor Deines Vereins wärst?

- Jiri Stajner, damit der gegen Borussia nicht mehr trifft. :-) Einige Fans würden sich sicherlich Forssell wünschen, aber er hat seine beste Zeit leider hinter sich. Didier Ya Konan ist ein interessanter Spieler, der in meinen Augen gut nach Mönchengladbach passen würde. Und persönlich mochte ich Steven Cherundolo immer sehr, weil er konstant und solide seinen Job erledigt.

Abgesehen von den Spielern: Gibt es noch etwas, was Du spontan mit Hannover 96 in Verbindung bringst?

- Borussias verlorenes DFB-Pokalfinale 1992. Für mich eine der bittersten Stunden als Gladbacher, für Euch gleichzeitig einer der größten Vereinserfolge. Und leider auch Robert Enke, der bei Borussia Mönchengladbach Profi wurde.

Hast Du eigentlich das Wirken von Christian Hochstaetter in Hannover mitverfolgt? Wie beurteilst Du seine Arbeit insgesamt?

- Christian Hochstätter hat in Mönchengladbach in meinen Augen eine sehr gute Arbeit gemacht, am Ende hatte er mit einigen Entscheidungen kein glückliches Händchen mehr. Dass sich sein Abgang zum Schluss so negativ entwickelte, tut mir persönlich leid, denn er hat große Verdienste um den Verein, als Spieler und Manager. Es ist schwer, dies aus der Entfernung zu beurteilen, da in Hannover ganz andere Voraussetzungen herrschen als in Mönchengladbach. Vielleicht, und das ist nur meine persönliche Meinung, hat er in Hannover zu sehr auf Namen gesetzt, statt strukturell die Mannschaft zu planen. Natürlich war ihm z.B. ein Mikael Forssell aus Mönchengladbach noch ein Begriff, aber der Forssell, der 2003 ganz Mönchengladbach verzauberte, war nicht mehr derselbe, der 2008 nach Hannover kam. Denn mit Namen verbinden viele Fans auch Erwartungen. Hannovers Kader las sich zwischenzeitlich sehr ordentlich: Mike Hanke, Mikael Forssell, Jan Schlaudraff, Jacek Krzynowek, Hanno Balitsch, Karim Haggui – aber speziell in Mönchengladbach hat man auch die Erfahrung gemacht, dass das alleine nicht reicht.

Die Borussia machte ja zuletzt mit hochkarätigen und somit auch recht teuren Neuverpflichtungen Schlagzeilen. Wie beurteilst Du das? Befürchtest Du durchaus auch einen Rückfall in "alte Zeiten des Missmanagements", wo der Verein über seine Verhältnisse lebte, oder hältst Du eine solche Gefahr für nicht gegeben?

- Dass der Verein über seine Verhältnisse lebte, ist lange vorbei. Leider hält sich dieses Märchen seit Jahren. Der Boulevard titelte vor einigen Jahren „Kaufhaus des Westens“, als Borussia unter Trainer Dick Advocaat im Winter sechs Spieler verpflichtete. Wenn ein Felix Magath die gleiche Anzahl im Winter nach Schalke holt, titelt die gleiche Zeitung „Felix bastelt am Kader für die Champions League“. Borussia schreibt seit vielen Jahren schwarze Zahlen, trotz des zwischenzeitlichen Abstiegs und trotz der Tatsache, dass der Borussia-Park – im Gegensatz zu fast allen neuen Stadien der Bundesliga – komplett vom Verein finanziert wurde und wird. Man darf ja nie vergessen, dass die Verkäufe von Marcell Jansen oder Marko Marin viel Geld in die Kassen gespült haben. Nein, speziell unter dem neuen Sportdirektor Max Eberl wurde und wird sinnvoll und mit Augenmaß investiert, ohne den Verein in Schulden zu stürzen. Gott sei Dank ist Borussia inzwischen in der Lage, einen Transfer von drei bis vier Millionen Euro zu stemmen, ohne dafür die Bank fragen zu müssen.

Zurück zum aktuellen, sportlichen Geschehen: Interessiert Dich der Abstiegskampf denn trotz eurer Nicht-Beteiligung daran? Wer muss am Ende Deiner Meinung nach runter?

- Natürlich beobachte ich das. Hertha ist seit dem 0:1 gegen Schalke ja faktisch abgestiegen, Freiburg war der große Gewinner des Spieltages. Ich hatte die Bochumer vor knapp drei Wochen zu Hause gegen den HSV live gesehen. Sie hatten zwar verloren, aber nach dem Spiel war ich mir sicher, dass sie es packen, da sie die richtige Einstellung an den Tag gelegt haben. Doch die Spiele danach in Köln und zu Hause gegen Stuttgart haben mich eines Besseren belehrt. Nürnberg sehe ich vom Kader schwächer als Bochum oder Hannover, Freiburg könnten die drei Punkte gegen Wolfsburg fast schon reichen. Und Hannover 96? Nun, die Mannschaft hat qualitativ sicher den besten Kader aller Kandidaten, aber das zählt leider nichts. Nach dem überraschenden und überragenden 4:2 gegen Schalke war ich mir ziemlich sicher, dass Ihr es packt, aber das 0:7 in München war dann ziemlich ernüchternd. Nicht die Niederlage oder die Höhe, sondern das Auftreten. Im Abstiegskampf entscheidet eben nicht die Qualität der Spieler, sondern einzig die Nerven und ein wenig das Glück. Leider sehe ich speziell die letzten Faktoren bei Hannover wenig bis gar nicht, das zieht sich bei Euch durch die ganze Saison. Ob Mirko Slomka oder auch Martin Kind mit ihren Äußerungen in der Öffentlichkeit dazu beitragen, das Selbstvertrauen zu stärken, erscheint mir fraglich. Denn natürlich hoffe ich, dass Borussia am Samstag in Hannover punktet. Ihr habt am 34. Spieltag das Endspiel in Bochum, da habt Ihr es selbst in der Hand.

Vielen Dank!

PS: Im Gegenzug standen wir den Betreibern von seitenwahl.de ebenfalls Rede und Antwort. Das Resultat findet ihr hier.