Kommentar: (An)Spannung pur am vorletzten Spieltag

In den letzten vier Partien gegen Hamburg (0:0), Schalke (4:2), Bayern (0:7) und Leverkusen (0:3) wurde die Mindestanforderung von vier Zählern erreicht; das war nötig, um die Heimniederlage gegen Köln wettzumachen und die Hoffnung auf den Ligaverbleib aufrecht zu erhalten. Diese vier Partien waren abermals eine Achterbahnfahrt der Gefühle, von einer Abwehrschlacht über einen überzeugenden Sieg und eine derbe Klatsche bis hin zu einer passablen Leistung ohne Fortune war alles dabei. Die Fans, zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, betätigen sich derweil in einer Art von fortgeschrittener Gymnastik, vor allem im Daumendrücken, Applaudieren, Aufstampfen und Hände-über-den-Kopf-Zusammenschlagen. Diese Saison ist nichts für schwache Nerven.

Die Personalnot macht den Trainer dabei erfinderisch: Mal taucht Balitsch als linker Mittelfeldspieler auf, mal Bruggink als Angreifer neben Hanke. Pinto dürfte nach seiner Versetzung ins defensive Mittelfeld schon seine sechste Position bekleidet haben. Der als Rechtsverteidiger abgestempelte Sofian Chahed kommt vorwiegend als Außenstürmer zum Einsatz. Damit einher gehen schwankende Leistungen und nichts kann darüber hinwegtäuschen, daß der Mannschaft mehrere entscheidende Kräfte nicht zur Verfügung stehen. Kaum waren Elson und Koné im Spiel gegen Schalke wieder dabei, schon zogen sich beide schwere Knieverletzungen zu, die jeweils monatelange Pausen nach sich ziehen. Praktisch gleichzeitig gab es eine Hiobsbotschaft für Lala (Kreuzbandriß), Rückschläge für Andreasen und Forssell sowie kleinere Verletzungen bei Ya Konan und Djakpa. Die Langzeitverletzten Vinicius, Krzynowek und Rosenthal drohen schon in Vergessenheit zu geraten. Die Verletztenmisere ist schon lange unfaßbar.

Nun steht das (vorerst?) letzte Heimspiel dieser schwierigen Saison an. Gegner Mönchengladbach ist schwer einzuschätzen, reihen sie doch beliebig gute und schlechte Phasen aneinander und kombinieren sie Konterstärke mit Auswärtsschwäche. Daß die Rheinländer ihr Klassenziel bereits erreicht haben, scheint sie nicht nachlässig werden zu lassen. Hannover 96 ist ebenso schwer einzuschätzen. Sicher ist nur, daß die Roten unter großem Erfolgsdruck stehen. Das erste Tor könnte mal wieder das entscheidende sein. Trainer Mirko Slomka will seine Mannschaft auf Sieg spielen lassen, aber damit es mehr Erfolg bringt als jüngst in Leverkusen müssen sowohl Abschlußschwäche als auch Konteranfälligkeit beiseite gelegt werden.

In den vergangenen Jahren war es Hannover zwei Mal gelungen, jeweils am vorletzten Spieltag gegen Gladbach den Klassenerhalt zu feiern: 2003 schob Jiri Stajner den Ball in die Maschen, 2006 gelang dies Vinicius. Diesmal ist die Lage noch dramatischer, denn ein Erfolg kann höchstens unsere Ausgangslage für den letzten Spieltag verbessern. Die letzten Tage waren wie die Ruhe vor dem Sturm. Martin Kind und Mirko Slomka haben sich medial zurückgehalten und nur noch Zusammenhalt gepredigt. Egal wie es am Ende ausgehen sollte, es bahnt sich ein reiningendes Gewitter im Sommer an. Hoffentlich weiterhin als Erstligist, was zweifelsfrei jeden Aspekt der Vereinsentwicklung vereinfachen würde. Doch das ist Zukunftsmusik; jetzt zählen nur noch die beiden Begegnungen gegen Gladbach und in Bochum, wo man ein heißes Herz, kühlen Verstand und ruhige Nerven braucht, um doch noch über den magischen Strich in der Tabelle zu springen. Das Stadion wird morgen zum vierten Mal in dieser Spielzeit ausverkauft sein und die ganze Stadt wird mit den Roten mitfiebern.