Kommentar: Jährlich grüßt das Murmeltier...

Vor drei Monaten konnten wir einem Fußballwunder beiwohnen und dem sicher geglaubten Abstieg noch einmal entgehen. Spieler, Trainer und Fans lagen sich in den Armen und feierten die ganze Nacht. Freude und Erleichterung machte sich breit und der Wunsch nach einer ruhigen Spielzeit 2010/11.

Es folgte eine lange Sommerpause ohne jedes Pflichtspiel, in der die gute Laune aber kontinuierlich schwand. Die neuen Trikots spalten die Zuschauerschaft, es wird von Unstimmigkeiten in der sportlichen Führung gesprochen und die bisherigen Transferaktivitäten sehen fast aus wie ein Aderlaß. Bei der Spielersuche ging es vor allem darum, preisgünstige Lösungen zu finden. Und dabei könnte es sein, daß der Kardinalfehler der letzten Jahre wiederholt wird: Um weniger Gegentore zu bekommen, holt man einen kantigen Innenverteidiger und um mehr Tore zu schießen, sucht man einen neuen Stürmer. Das Mittelfeld hingegen wird traditionell kaum verstärkt.

Arnold Bruggink zum Beispiel war ein erfahrener Spieler mit ansehnlicher Scorerbilanz auf der einen Seite und mit Schwächen in der Laufarbeit und Zweikampfführung auf der anderen. Elson war deutlich auffälliger, zog sich aber eine schwere Knieverletzung zu. Es gab nachvollziehbare Gründe, sich von beiden Spielern zu trennen. Aber dadurch, daß kein Nachfolger verpflichtet wurde, bringt sich der Verein selbst in die Situation sagen zu müssen, daß sie fehlen. Nur durch Spieler abgeben wird man nicht stärker.

Einige der Neuen wecken durchaus neugierige Vorfreude. Stoppelkamp ist ein Draufgänger, der als Rechtsaußen jeden Quadratzentimeter Rasen doppelt umpflügt. Carlitos ist technisch sehr beschlagen. Pogatetz hat sich durch zahlreiche Interviews zum Führungsspielerkandidaten gemacht. Und zwei Langzeitverletzte sind auf den Rasen zurückgekehrt: Forssell und Schlaudraff versuchen in ihrem jeweils dritten Jahr in Hannover anzukommen. Doch daß sie allesamt sofort tragende Rollen übernehmen können, deutet sich nicht an.

Nach den Eindrücken der Vorbereitung und des gestrigen Pokalspiels fehlt es der Mannschaft an Leitwölfen, die mit Übersicht und klaren Ansprachen auf die spielerische Linie achten. Der Ball wurde nur fünf Meter zum Nebenmann geschoben und dann soll er mal was machen. Die Laufarbeit, das sich ständige Anbieten und Ball fordern, das Schaffen von Räumen und das Suchen von Zweikämpfen fehlte völlig. Wenn der Spielaufbau nicht ausreicht, um gegen einen Viertligisten wenigstens ein paar Torchancen herauszuspielen, dann ist das ein Armutszeugnis. Dazu gesellen sich Schwächen in der Rückwärtsbewegung und bei Standardsituationen, die Elversberg gar nicht aufdecken konnte und mußte.

Wie im Vorjahr schied 96 somit in der ersten Pokalrunde gegen einen Außenseiter aus. Es wurden Trainer gewechselt, Spieler gewechselt, die Verletztenliste gekürzt, eine siebenwöchige Vorbereitung durchgezogen und unzählige Appelle an die Mannschaft gerichtet. Ohne Wirkung?

Jetzt flammt die Unruhe wieder auf. Trainer und Manager gefallen sich darin, sich via Zeitungspresse zu unterhalten. Der Präsident läßt einen eisernen Sparkurs fahren und kalkuliert zum wiederholten Male mit Einnahmen, die nicht kommen werden. Die Fans erinnern sich nach dem Happy End von Bochum daran, wie unbefriedigend und beängstigend der Abstiegskampf ist. Der ist schließlich wie ein Ritt auf der Rasierklinge und kann jederzeit auch schiefgehen. 96 hat es tatsächlich geschafft, in der spielfreien Zeit die Stimmung kippen zu lassen. Zusammen mit der offenbar nicht homogen zusammengesetzten Mannschaft muß Hannover höllisch aufpassen, beim Startschuß nicht den Motor abzuwürgen und auf der Strecke zu bleiben.

Das Programm hat es in sich: Nach dem Heimauftakt gegen Frankfurt warten Schalke, Leverkusen, Wolfsburg und Bremen. Es ist gut möglich, daß die Mannschaft von Beginn an wieder unten drinsteht und die Nerven zittern läßt. Damit wären alle Zutaten für einen turbulenten Herbst mal wieder komplett. Ziel kann nur der neuerliche Klassenerhalt sein.