Kommentar: Guter Konter nach Pokalaus

Nach der Sommerpause war die Euphorie wie weggeblasen, das Pokalaus beim Viertligisten Elversberg tat sein übriges, Trainer Slomka stand praktisch kurz vor seinem Rauswurf. Nur eine Siegesserie konnte helfen - und sie kam. Mit einem beherzten, knappen und glücklichen Heimsieg gegen die ambitionierten Frankfurter. Mit einem ebenso knappen Auswärtssieg gegen noch unsortierte Schalker. Mit einem kämpferisch herausragenden Remis in Unterzahl gegen Leverkusen. Und schließlich mit einem phänomenalen 4:1-Erfolg über Werder Bremen, als 96 sogar mit Hacke-Spitze-Einszweidrei ansehnlichen Fußball bot. Zehn Punkte aus fünf Spielen hatte diesem Team kaum jemand zugetraut.

Nun drehte sich das Blatt. Wolfsburgs Coach McClaren war der erste, der erkannte, daß man gegen die pfeilschnelle Doppelspitze Konan/Abdellaoue nicht zu weit aufrücken darf. Wenn man schon das Spiel gegen 96 dominieren will, dann muß man es auch mit Durchschlagskraft verknüpfen, die vielen Spitzenteams zu Saisonbeginn noch abhanden ging. Wolfsburg jedoch blieb weitgehend hinten stehen und vertraute der individuellen Klasse von Diego und Dzeko. Das reichte dann auch.

Seit dem sechsten Spieltag sind die Roten nicht mehr in die Position gekommen, ihre weit entwickelte Kontertaktik anzuwenden. In Kaiserslautern wurden weitere drei wichtige Zähler eingefahren, allerdings nicht Dank eines guten Spiels, sondern Dank der huntertprozentigen Chancenverwertung. Zuhause gegen St. Pauli mußte es dann zum Rückschlag kommen. Der Aufsteiger konterte Hannover im eigenen Stadion frühzeitig aus und überließ Slomkas ratloser Elf anschließend das Feld. Zu meinem eigenen Entsetzen rückte das Team auch heute bei den Bayern zu weit nach vorne und eröffnete den Gastgebern auf diese Art den nötigen Raum. Das 0:3 war in dieser Form nicht nötig gewesen.

Hannnovers Fähigkeiten im Spielaufbau sind gleich Null. Kein anderes Team beherrscht den Spielaufbau so schlecht wie 96. Diese Mannschaft konnte gegen Elversberg, Wolfsburg, Kaiserslautern, St. Pauli und Bayern München keine Angriffe initiieren. In diesen fünf Partien hatte sie relativ viel Ballbesitz, rückte auf und konnte keinerlei Akzente setzen. Abdellaoue und Konan sind bärenstark, wenn sie von der Mittellinie aus mit Steilpässen in den Lauf versorgt werden. Wenn die gegnerische Abwehrreihe aber im Sechzehner steht, gibt es diese Räume nicht und sie hängen in der Luft. Rausch und Stoppelkamp sind fleißige Außenspieler mit einer kaum meßbaren Effektivität, da können auch Rauschs überraschende Torerfolge nicht darüber hinwegtäuschen. Die Fehlpaßquote ist allgemein hoch, die Flanken verfehlen reihenweise ihr Ziel, die Standards haben zu viel Streuweite. Die Doppelsechs Pinto/Schmiedebach verdiente sich ebenfalls regelmäßig Fleißkärtchen für leidenschaftliche Laufarbeit, verbissenes Zweikampfverhalten und die Steilpässe nach vorne. Wenn sie aber das Spiel diktieren sollen, sind sie komplett überfordert.

Wenig hilfreich ist die Ersatzbank, es drängen sich keine Alternativen für den Trainer auf. Die Innenverteidigung Haggui/Pogatetz steht stabil, doch wenn sie ausfallen, ist die Not sofort groß. Ersatzmann Eggimann ist seit der WM verletzt, weswegen nicht nur der 18-jährige Avevor eine Spielgarantie bekommt, sondern auch Schulz nach innen gezogen werden muß. Damit muß dann auch die linke Abwehrseite neu besetzt werden, die leider so dünn besetzt ist, daß Innenverteidiger Schulz eigentlich fest für diesen Job vorgesehen ist. In der Offensive stehen drei Spieler unter Vertrag, denen man erst Ende August einen Wechsel nahegelegt hat. Hanke, Forssell und Schlaudraff sind außen vor und kommen nur zum Einsatz, wenn der ersten Sturmreihe etwas zustößt.

Somit hängt das ganze Angriffsspiel am seidenen Faden: Konan und Abdellaoue steil zu schicken klappt grandios gut. Alles andere klappt überhaupt nicht.

Das kommt wenig überraschend. Bruggink und Elson haben den Verein verlassen und es wurde monatelang mit zentralen Mittelfeldspielern verhandelt. Am Ende kam niemand. Carlitos ist ein Außenspieler, der sich tragischerweise nach zwei Minuten schwer verletzte. Für ihn kam Beasley, der selbst nach sechs Wochen noch nicht in die Mannschaft drängt. Auch Stindl neigt auf dem Platz dazu unsichtbar zu sein.

Man sollte sich die Tabelle des sechsten oder siebten Spieltags ausdrucken und als Erinnerungsstück an die Wand hängen. Der Rest der Saison wird noch knüppelhart werden. Seit 30 Spielen gelang es nicht mehr, nach einem Rückstand noch ein Unentschieden zu erreichen. Seit 44 Spielen konnte kein Rückstand mehr zu einem Sieg gedreht werden. Ergo muß man mit allen Mitteln den Rückstand vermeiden und sich notfalls auch mal mit einem häßlichen 0:0 zufrieden geben. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Mit der Spielanlage der letzten drei Partien und den vielen Verletzungen und Sperren (Pinto war heute der achte Ausfall nach Pogatetz, Haggui, Eggimann, Andreasen, Lala, Carlitos und Abdellaoue) wird nicht viel zu holen sein. Schon gegen Köln müssen sich die Roten ihrer Stärken und Schwächen bewußt werden. Man wird die Kölner locken müssen, um sie auskontern zu können. Die Gäste werden ihrerseits dasselbe versuchen. Damit sind alle Zutaten für ein unansehnliches Spiel komplett. Wenn die Mannschaft sich im eigenen Stadion rauslocken lassen sollte, hätte sie sofort einen taktischen Nachteil und wäre auf ein Glückstor, einen individuellen Fehler oder eine Standardsituation angewiesen.

Mehr strategische Möglichkeiten hat dieses Team nicht. Aber es ist beruhigend zu wissen, daß es andere Qualitäten hat. Diese muß es einsetzen. Die Trainingsarbeit Slomkas trägt jede Woche Früchte. Die Laufarbeit ist ansehnlich, das Engagement vorhanden. Man kann dem Team keinen Vorwurf in Sachen Einsatzwillen, Leidenschaft und Kampf machen; es spielte wochenlang am Limit. Die Abwehrarbeit funktioniert vorbildlich, weil sich alle daran beteiligen; der Teamgeist stimmt auch. Nur spielerisch drückt der Schuh. Da muß 96 jetzt durch. Mit einer mutigeren und klareren Transferpolitik im Sommer hätte man sich so manches Problem ersparen können. Aber Präsident Martin Kind genehmigt Transfers lieber erst dann, wenn es schon zu spät ist. So können wir uns beinahe bei Elversberg für die Niederlage bedanken, weil Abdellaoue sonst wohl gar nicht geholt worden wäre.