Interview mit Martin vom Blog "Spielbeobachter" (1. FC Köln)

Auch vor dem Heimspiel von Hannover 96 gegen den 1. FC Köln haben wir wieder ein Interview mit dem Betreiber eines gegnerischen Blogs für euch. Dieses Mal mit Martin vom "Effzeh"-Blog Spielbeobachter (spielbeobachter.twoday.net), der uns unter anderem zur Unruhe beim 1. FC Köln, der neuen "FC-Leitkultur" und zum Ansehen Lukas Poldolskis Rede und Antwort stand und eine Einschätzung zur aktuellen Situation des Trainers und auch zu Christoph Daum abgibt. Thema ist natürlich auch eine sportliche Einschätzung von Hannover 96 und ein konkreter Ausblick auf das morgige Spiel. Vielen Dank an dieser Stelle nochmals an Martin!

Diese Saison läuft für den 1. FC Köln bisher ja alles andere als rund. Nach diesem Spieltag ist Köln ja sogar von den Schalkern überholt worden und das will derzeit schon etwas heißen. Gegen Hoffenheim und Bayern konnte jedoch gepunktet werden. Woran liegt das?

- Dass gegen Hoffenheim und Bayern gepunktet werden konnte? Eine Renaissance der letztjährigen Abwehrstärke, als offensiv nur wenig gelingen wollte, Köln dafür aber die sechstbeste Abwehr der Liga stellte. Das Spiel gegen Bayern war zudem auswärts, da hat der Effzeh nicht den heimischen Druck, das Spiel auch gestalten zu müssen und das Spiel gegen Hoffenheim war schlicht sehr gut.

Steht die Mannschaft in der Tabelle denn zurecht da, wo sie derzeit steht?

- Wer kann das sagen, in dieser Saison, wo alles durcheinander ist? Sicher ist, dass die Mannschaft wohl nicht das Potential hat, über einen Mittelfeldplatz hinaus zu kommen, selbst wenn es gut läuft, was es zur Zeit nicht tut. An und für sich halte ich sie für stark genug, den Abstiegsplatz wieder zu verlassen, aber die letzten fünfzehn Jahre im Abstiegskampf haben mich gelehrt, dass so manche Eigendynamik ihr eigenes Süppchen kocht.

Wie sieht Euer Saisonziel jetzt eigentlich aus? Und wie sah es vor der Saison aus?

- Zur Zeit muss man wohl ausschließlich von Klassenerhalt reden, schon allein deswegen weil die derzeitigen Tabellennachbarn am Ende der Saison sicher nicht da unten stehen werden. Vor der Saison hoffte ich darauf, dass im dritten Jahr in der ersten Liga die schrittweise Etablierung und Stabilisierung im Oberhaus nach zehn Jahren im Fahrstuhl weitergehen würde, konkreter: Ein Mittelfeldplatz, wenns richtig gut laufen würde ein einstelliger, und möglichst wenig mit dem Abstieg zu tun haben.

Von "außen" bekommt man mit, dass Mondragon und Podolski ihre Unzufriedenheit öffentlich machen. Podolski hat gar in einem Interview offen Kritik geäußert. Zwei Fragen dazu: Haben die beiden Recht mit ihrer Einschätzung? Und stehen ihnen solche Aussagen in der Öffentlichkeit zu?

- Das sind zwei sehr unterschiedliche Fälle, auch wenn man von außen vielleicht nur das große Etikett „Unruhe!“ sieht. Im Falle Mondragons geht’s „nur“ darum, dass er zwei Tage vor dem Dortmund Spiel ein nächtliches (nach unserer Zeitzone) Länderspiel für Kolumbien in den USA gemacht hat, was ihn erstmal seinen Stammplatz kostete. Fand er wohl nicht so dolle, aber da muss er durch. Bei Podolski liegt der Fall anders. Er scheint unzufrieden mit der Gesamtentwicklung der Mannschaft – Angesichts des derzeitigen Tabellenplatzes durchaus verständlich, zumal ihm wohl damals anderes versprochen wurde. Inwieweit das stimmt, kann wohl niemand beurteilen. Ich denke aber, dass wenn es einen Spieler gibt, der auch mal versuchen kann, auf diesem Weg etwas zu bewegen, dann ist es Podolski. Grundsätzlich bin ich kein allzu großer Fan von öffentlich ausgetragenen internen Problemen.

Am Status Podolskis hat sich seit dem letzten Interview nicht viel geändert: Er lässt immer noch das vermissen, weswegen er (wohl) nach Köln zurück geholt wurde. Hat er noch eine Zukunft beim 1. FC Köln - oder sollte man sich lieber von ihm trennen?

- Einspruch Euer Ehren: Podolski spielt gut, engagiert und macht Tore. Sicher, 3 Tore sind nicht die Welt, aber bei insgesamt nur acht Treffern auf der Habenseite und großen Problemen beim Offensivspiel ist das ganz ordentlich. Es fehlt ihm etwas die Konstanz, aber das war schon seit jeher das größte Problem, dass guten oder sehr guten Spielen in unschöner Regelmäßigkeit Mitläuferspiele folgten. Ich bin zwar bis heute nicht sicher, ob das – für Effzeh Verhältnisse – extrem viele Geld für die Rückholaktion nicht vielleicht besser für zwei, drei gute, aber etwas billigere Spieler ausgegeben werden hätte sollen, aber nun ist er da und macht seine Sache gut. Dass ein Podolski noch keinen Sommer macht, ist nicht seine Schuld.

Wie ist derzeit die Stimmungslage auf Seiten der Fans? Ist diese explosiv oder weiterhin eher entspannt und geduldig?

- „Entspannt und geduldig“ definitiv nicht. Da geht’s schon ziemlich rund. Wobei es in erster Linie gegen Trainer, Manager und Vorstand geht.

Nach einem solchen Ligastart ist es nicht sonderlich verwunderlich, dass der Trainer in der Kritik steht. Ist Soldo in Deinen Augen noch der richtige Mann? Wenn nicht: Wer sollte kommen? Aktuell werden dem FC ja Kontakte zu Thomas Doll nachgesagt...

- Ich persönlich bin kein großer Freund von Trainerentlassungen, beim Effzeh muss man sehr, sehr lange zurückgehen in der Historie, dass so eine Maßnahme mal gefruchtet hätte. Und dann auch nur bis zur Mitte der folgenden Saison. Zvonimir Soldos größte Schwäche scheint seine ruhige Art zu sein, die ihn, so hört man, vom ersten Tag an auf die Abschussliste des Boulevards gesetzt hat. Der Kölner an sich hat lieber einen Zampano an der Linie stehen, die Boulevardzeitungen wollen einen, der mit ihnen kuschelt. Deswegen war Daum so erfolgreich, der erfüllte beide Kriterien. Als Trainer beim Effzeh kommt der aber glücklicherweise nicht mehr in Frage. Das Doll-Gerücht scheint auch wieder vom Tisch zu sein, gottseidank.

Ist das Spiel in Hannover für den Trainer denn tatsächlich ein "Endspiel"; muss man im Falle einer Niederlage gegen Hannover 96 mit einem Trainerrauswurf rechnen?

- Ich fürchte, ja. Nichts genaues weiß man nicht, ein offizielles Ultimatum hat es bislang nicht gegeben. In der Gerüchteküche brodelt es mit Ergebnissen von „Noch vor Hannover“ bis zu „Da passiert nichts, wer sollte denn auch stattdessen Trainer werden?“. Gut möglich also, dass nach einer Niederlage der Trainer geopfert wird.

Was hat es eigentlich mit dem Ausrufen dieser neuen "FC-Leitkultur" auf sich und was hältst Du davon?

- Das ist modernes Unternehmensprech. Dem Unternehmen eine innere Werterichtlinie geben, in der Hoffnung (Die „FC.Leitkultur“ richtet sich ausdrücklich nicht nur an die Mannschaft, sondern an alle Angestellte des Vereins), dass die Angestellten dann motivierter und „teamorientierter“ zu Werke gehen. Geboren ist das wohl in erster Linie aus dem mannschaftlichen Nichtzusammenhalt der vergangenen Saison, ich persönlich befürchte, dass so etwas zwar Managerworkshops füllt, aber wenig bringt.

Für das Spiel bei 96 - so ist der Presse zu entnehmen - will Zvonimir Soldo nun verstärkt auf die Offensive setzen. Hältst Du das (auswärts in Hannover) für die richtige Taktik? Denn bislang kam es Hannover 96 in dieser Saison eher entgegen, wenn der Gegner offensiv agierte und man hatte eher Probleme, wenn der Gegner nichts für das Spiel tat...

- Mach Dir keine Hoffnung, der Effzeh wird nicht mit Mann und Maus stürmen. Gut möglich, dass Soldo Novakovic von Anfang an bringen wird und damit wieder umstellt auf zwei Stürmer, wie eigentlich vor der Saison geplant. Das dürfte es aber auch schon gewesen sein mit der verstärkten Offensive. Viel defensiver als in den vergangenen Auswärtsspielen geht allerdings auch kaum mehr.

Muss Hannover 96 angesichts der sportlichen Lage eher mit einem topmotivierten und brandgefährlichen 1. FC Köln rechnen oder mit einer verunsicherten Mannschaft?

- Ich nehme den 50/50 Joker. Die Einstellung scheint leider ein wenig Glückssache zu sein derzeit. Gegen Dortmund, oder in vorherigen Spielen gegen Hoffenheim und Pauli (allesamt Heimspiele allerdings) schien die Mannschaft sehr motiviert zu sein, mit den entsprechenden Ergebnissen, auch wenn es gegen Dortmund in der letzten Minute das entscheidende Gegentor gab. In anderen Spielen sah das eher schlecht aus. Gut möglich, dass der Effzeh seine letztjährige Auswärtsstärke gegen eine Auswärtsschwäche eingetauscht hat.

Wie ist Deine Einschätzung von Hannover 96? Hat sich diese nach dem doch recht guten Start Hannovers geändert? Ist das Spiel am Samstag (langfristig gesehen) ein 6-Punkte-Spiel?

- Ich war vor der Saison ziemlich sicher, dass Hannover 96 zum erweiterten Abstiegskandidatenkreis gehören würde. Der Saisonstart ist extrem gut gelungen, genau genommen ist Hannover 96 für mich die größte positive Überraschung der Saison, noch vor Mainz und St. Pauli. Aber noch bin ich skeptisch und denke nicht, dass sich Hannover da oben halten können wird. Wie weit runter es gehen wird, ist eine andere Frage, insofern kann es im Nachhinein durchaus ein 6-Punkte-Spiel sein.

Und zum Abschluss natürlich noch die Frage nach Deinem konkreten Ergebnistipp: Wie wird das Spiel ausgehen?

- 1:2 für uns. Sorry.