Interview mit Volker vom Tinneff Blog (BVB)

Im Vorfeld das Heimspiels von Hannover 96 gegen Tabellenführer Borussia Dortmund stand uns dieses Mal BVB-Anhänger Volker Rede und Antwort. Volker ist Betreiber des Tinneff Blogs. Themen im Interview waren unter anderem die Schadenfreude über das Abschneiden des BVB-Erzrivalen Schalke 04, die Frage, ob der derzeitige Tabellenplatz von Hannover 96 ein realistisches Abbild der Realität ist und Volkers Meinung zur 50+1-Regel sowie zum Börsengang seines Clubs. Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an Volker und euch nun wieder einmal viel Spaß beim Lesen!

Nach dem sehr guten Saisonstart scheint die Borussia derzeit fast schon so etwas wie der Topfavorit auf die deutsche Meisterschaft zu sein. Siehst Du das auch so oder fürchtest Du noch einen Einbruch? Welche drei Clubs werden am Ende ganz oben stehen?

- Natürlich ist der Saisonstart ein Traum, der eine unglaublich Euphorie in und um Dortmund ausgelöst hat. Auch die Art und Weise, wie die Mannschaft aktuell mit der Belastung klar kommt, hat mich persönlich überrascht. Als einen Topfavorit auf die Meisterschaft sehe ich uns jedoch nicht. Das sind und bleiben die Bayern. Sie sind der einzige Verein, der lange eine Doppelbelastung überstehen kann und sie kennen sich aus mit dem mentalen Druck, der am Ende der Saison im Titelrennen entsteht.

Einen großen Einbruch erwarte ich von der Borussia jedoch auch nicht. Dafür scheint die Mannschaft und der Trainerstab zu gefestigt. Ich denke daher, dass ein Platz unter den ersten 3 drin ist. Eine Unbekannte, die man noch nicht absehen kann, ist der Umgang mit einer eventuellen Doppelbelastung in der Rückrunde.

Hast Du vor der Saison denn mit einem solchen oder zumindest einem vergleichbar guten Start gerechnet?

- Nein! Das konnte man wirklich nicht. Leverkusen, Stuttgart, Wolfsburg und die Blauen sind ja alles keine Laufkundschaft bzw. konnte man nicht damit rechnen, dass die letzten 3 genannten Vereine so schwer in die Saison starten. Und niemand wusste, wie die Jungs mit dem 3-4 Tage Rhythmus klar kommen.

Was sind Deiner Meinung nach die Hauptfaktoren für den derzeitigen Erfolg?

- Für mich sind es 2 Faktoren: Zum einen ist das Team eingespielt und es gab nur punktuelle Veränderungen im Kader, die allesamt dem Team weiterhelfen. Wenn man sich anschaut, was wir mittlerweile an Qualität auf der Bank haben und das mit früher vergleicht, dann sind es schon Welten. Die Spieler passen alle ins System und wurden nicht einfach nach der Größe des Namens verpflichtet.

Und der größte Faktor jedoch, auch wenn es kitschig klingt, ist Jürgen Klopp. Er ist perfekt für den BVB. Seine Art und Weise passt einfach ins Ruhrgebiet, auch wenn es ihm der Erfolg natürlich sehr leicht macht. Das größte Plus ist, dass er ganz genau weiß, welche Spieler er für sein System braucht. Er stellt auch keine Ansprüche bzgl. Neuverpflichtungen, die finanziell nicht zu stemmen sind.

Eine große Stärke des Trainers ist es auch, dass er sich nicht als der „Unfehlbare“ hinstellt oder wirkt. Der Fitnesstrainer des BVB (Oliver Bartlett) sollte z.B. im letzten Sommer gehen, weil Klopp und Bartlett nicht die gleiche Auffassung zu haben schienen, was die tägliche Arbeit angeht. Die Spieler jedoch wollten ihn behalten (vor allem Nuri Sahin) und somit ließ er sich überzeugen und Bartlett blieb. Auch die Einschätzung bei Nuri Sahin im Jahr 2008 (er war nicht wirklich überzeugt von ihm und hätte einem Wechsel keine Steine in den Weg gelegt) macht ihn ein Stück menschlicher, was dem Ansehen intern wie auch extern sicherlich nicht geschadet hat.

Wie groß ist denn derzeit die Schadenfreude über das Abschneiden von Schalke 04?

- Sie ist natürlich vorhanden. Wenn du über Jahre gegen die Blauen sowohl im Derby als auch tabellarisch kein Land siehst, kennst du das Gefühl, wie es ist, wenn man einfach keine Argumente hat auf der Arbeit, in der Schule oder wo auch immer. Nach all dem Spott und der Häme ist es für mich persönlich aber eher eine innere Genugtuung zu sehen, wie sehr die Fans dort drüben leiden müssen. Ich muss das nicht jedem Blauen immer unter die Nase reiben.

Wie siehst Du Hannover 96? Steht die Mannschaft tabellarisch gesehen besser dar als es dem Leistungsvermögen entspricht?

- Ich halte Mirko Slomka für einen sehr guten Trainer und war verwundert, dass er nach der Vizemeisterschaft mit den Blauen a) dort entlassen wurde und b) lange vereinslos war. Man hat schon am Ende der letzten Saison gesehen, dass Slomka aus dem Spielermaterial ein gutes Team bilden kann. Mit dem Abstieg dürftet ihr dieses Jahr nichts zu tun haben. Ich denke, Platz 7-10 ist drin.

Wer geht am Sonntag Deiner Meinung nach als Favorit ins Spiel?

- Natürlich der Tabellenführer. Aber das heißt ja nicht automatisch, dass wir auch gewinnen. Wenn das Spiel normal läuft und die Jungs in schwarzgelb ihre Leistung abrufen, dann dürfte Hannover keine Chance haben. Schwächelt man wie in Offenbach oder gegen St. Pauli in Halbzeit 1, dann dürfte Hannover eine Chance haben.

Ist es ein Nachteil für den BVB, dass er in der Woche in Paris spielen muss oder wird das keinen Einfluss haben?

- Ist schwer zu sagen. Rein konditionell dürfte es kein Thema sein, aber man weiß ja nie, wie schnell die Mannschaft mental von Paris auf den schnöden Bundesligaalltag umschalten kann. Und ob es Verletzungen gibt.

Wo sollte Hannover 96 denn den Hebel ansetzen? Also mit welcher Taktik bzw. in welchem Mannschaftsteil seid ihr am ehesten verwundbar?

- Hannover muss das machen, was ich nach dem Offenbachspiel in meinem Blog geschrieben habe: Die Außen müssen aus dem Spiel genommen werden. Schafft Hannover es, das Flügelspiel der Borussia zu stoppen, wird der BVB wie in Offenbach nur die Möglichkeit haben, durch die Mitte zu kommen. Und das ist dann relativ einfach zu verteidigen, weil man kaum Anspielstationen hat. Ebenfalls unterbinden müsst ihr die schnellen Konter.

Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer bei Borussia Dortmund, ist ja einer der schärfsten Kritiker von der durch Martin Kind angestrebten Abschaffung der 50+1-Regel. Wie siehst Du diese Thematik?

- Watzke setzt bei dem Thema natürlich sehr oft auf polemische Kommentare. Im Kern hat er jedoch recht. Das Beispiel Liverpool sollte eigentlich auch dem letzten gezeigt haben, dass der Weg einen nur in Hölle führt. Zumal Kind in meinen Augen auch eines völlig außen vor lässt: Vereine wie Dortmund, Gelsenkirchen, München oder Hamburg sind für Investoren weit aus attraktiver als Hannover 96, was sich dann auch in der Summe der Investitionen äußern wird. Die Lücke, die er schließen will, wird eher noch größer werden.

Die aktuelle Saison zeigt bei euch im übrigen auch, dass es wichtigeres gibt als Geld. Ein guten Trainer und ein Konzept, was auf das vorhandene Spielermaterial passt.

Noch vor einigen Jahren machte Borussia Dortmund ja mit dem Gang an die Börse und mit utopischen Ablösesummen von sich Reden. Wie hast Du das damals gesehen? Und inwiefern hat das noch Auswirkungen auf die heutige Zeit? Und wie wird das rückblickend gesehen? Und wie steht's um die BVB-Aktie und wie prekär ist die finanzielle Lage?

- Früher war ich deutlich unkritischer. Natürlich war man „stolz“ darauf, Spieler wie Rosicky, Koller oder Amoroso im Trikot der Borussia zu sehen und deutscher Meister zu werden. Rückblickend betrachtet gab es wohl schon früher Hinweise darauf, dass man finanziell Probleme hatte, als man Granaten wie Harry Decheiver oder Manfred Binz holte. Jedoch war der Erfolg noch da. Auswirkungen merkt man natürlich bis heute, weil viele Fans sehr kritisch sind, wenn es um finanzielle Dinge beim BVB geht. Als man z.B. unter Klopp den Mainzer Subotic für 4,5 Mio. verpflichtete gab es nicht wenige, die das ganze sehr kritisch beäugt haben. Diese Summe für einen 2. Ligaspieler bei angespannter finanzieller Lage und einem neuen Trainer zu investieren, war schon sehr mutig. Aktuell ist die finanzielle Lage sicherlich immer noch nicht rosig, aber man bekommt immer mehr Handlungsspielraum für Investitionen in junge Spieler, für eine Vertragsverlängerung des Trainers und z.B. die Nachwuchsakademie. Die Aktie honoriert das scheinbar, dass die in dieser Saison stetig steigt, wenn auch nur im Cent-Bereich.

Rückblickend kann ich für mich persönlich nur festhalten, dass keine Meisterschaft es wert ist, das Leben des Vereins in die Hände fremder Personen zu geben. Der Gedanke, dass man vielleicht morgen keinen Verein mehr hat ist einfach ein beschissenes Gefühl.

Nochmal zurück zum Spiel: Wie lautet Dein Ergebnis-Tipp?

- Da der BVB kein Bundesligaspiel in der Hinrunde mehr verlieren wird, denke ich, dass wir bei euch mit 2-1 gewinnen.