Politischer Zoff-Thread oder so

  • Ich kann nur jedem raten, seine politische Bildung nicht aus Youtube-Videos von Satirikern zu beziehen.


    Die Hufeisentheorie ist nicht vom Verfassungsschutz, sondern vom französischen Philosophen Jean-Pierre Faye. Ich wollte dessen Werke immer mal lesen, leider ist mein Französisch nicht so gut und auf deutsch gibt es die nicht.


    Faye ist jedenfalls jemand, der in der Totalitarismusforschung durchaus einen Namen hat. Er kann indes nichts dafür, dass irgendwelche Pappnasen seine Modelle auf tagespolitische Fragen anwenden wollen. Ein Vergleich zwischen Antifa und AfD (oder sonst irgendsowas) ist nicht das, was die Hufeisentheorie ist.


    Faye hat über Parallelen zwischen den totalitären Gesellschaftsformen des 20 Jahrhunderts geforscht. Man braucht auch nicht "Gleichsetzung" schreien, wenn jemand das tut und solche Parallelen findet (dass es jedenfalls überhaupt welche gibt, erscheint mir im Gegenteil offensichtlich).


    Und er hat daraus das Hufeisenmodell entwickelt, dass die Bedrohung der freiheitlichen Demokratie durch die Ränder zeigt. Das Modell sagt freilich überhaupt gar nichts darüber aus, ob die Ränder in Deutschland 2020 gleich stark, gleich gefährlich oder sonst irgendwie gleich sind, und ob die Linkspartei zur Mitte oder zum linken Ende des Hufeisens gehört.


    Beim Hufeisen treffen sich die Ränder übrigens nie. Mangels Lektüre von Fayes Werk (müsste Le siecle des ideologies sein) weiß ich nicht, wie bewusst das so gewählt ist. Sieht mir jedenfalls nicht so aus, als würde Faye alle in einen Topf werfen. Er könnte aber vermutlich erklären, warum es (zum Beispiel) größere Wechselwähler-Bewegungen zwischen PDS und NPD/DVU gab (um es mal der aktuellen Tagespolitik zu entziehen).

  • Ich bin hier erst mal raus: ich mag dieses verharmlosende Gelaber in Richtung Faschisten und diese Diskriminierung von demokratischen Parteien, die sich die überwiegende Zahl der Menschen und nicht nur für ein paar reiche Arschlöcher einsetzen, nicht mehr kommentieren.


    Dummes Gerede bleibt dummes Gerede, auch wenn es gebildet daherkommt.

    Und Politik hat was mit Haltung zu tun, nicht nur mit Eigeninteressen und "kleinstes Übel".

    Einmal editiert, zuletzt von stscherer ()

  • Stark auf den Punkt gebracht.

    In dem Zusammenhang sollte man immer(!) im Hinterkopf behalten, dass es wünschenswert ist (zumindest aus meiner Sicht), sich wieder an der Idee der sozialen Marktwirtschaft zu orientieren, um Auswüchse wie in den USA zu vermeiden, in denen der starke Staat in den Armenvierteln die Scherben der neoliberalen Wirtschaftsordnung aufkehrt und in den Korrekturanstalten entsorgt.


    Der Neoliberalismus bleibt für mich Steigbügelhalter des Faschismus. Bolsanero, der Wunschkandidat der Banken, lässt grüßen.

  • Ich frage mich immer, wie so ein Lindner z. B. einen auf Wirtschaftsfachmann macht.

    Der hat als Oberstufenfuzzi einen auf Dr. Schlau gemacht (War das Limonadenverkauf ?), danach direkt die Millionenpleite und ich glaub 2 Jahre später lässt der sich vom Staat bezahlen bis heute.

    Gelernt außer Politikwissenschaften hat der wohl nix.

    Der Vorgänger, Fipsi, war als halber Augenarzt ja auch solch eine Koryphäe was die Ausbildung angeht.

    Wieso die von der FDP immer meinen, in wirtschaftlichen Ressorts die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, verstehe ich nicht so ganz.

  • Die von der FDP sind liberal. Diese Grundhaltung födert die Marktwirtschaft, weil jeder dann voll und ganz motiviert ist, seine Freiheiten zu nutzen. Dadurch geht es allen besser.

    Ich find das gar nicht so schwer, Writschaftsexperte bei der FDP zu sein.

  • Disclaimer 1: Ich habe es zeitlich nicht geschafft, jeden Post gründlich zu lesen, der hierauf noch folgte. Ich bitte daher um Entschuldigung, wenn zu Möllemann zwischenzeitlich schon alles gesagt worden sein sollte.


    Disclaimer 2: Ich habe indirekt einmal persönlich von ihm profitiert, als er als Minister ein paar Millionen in die deutsche Forschung- und Lehre pumpte, um den wissenschaftlichen Nachwuchs an der Abwanderung ins Ausland zu hindern. Man nannte diese zusätzlichen, aus Bundesmitteln finanzierten Stellen darum „Möllemann-Stellen“.


    Das war mir damals schon ein bisschen peinlich, denn er war mir da schon persönlich bekannt - als einer der jungen Gefolgsleute eines stramm antisemitischen, sich selbst euphemistisch als „national-liberal“ bezeichnenden, rechten Flügels der westfälischen FDP (die ich in der heutigen Parteienlandschaft ideologisch inmitten der AFD, knapp rechts von Gauland, verorten würde). Sollte Möllemann tatsächlich selbst kein Antisemit gewesen sein und sich nur taktisch so verhalten haben, als ob (inklusive der Verbreitung aller bekannten Klischees über den vermeintlichen übermäßigen Einfluss “der Juden“, des “Zionismus“, des “Weltjudentums“) stimmt mich das im Rückblick auch nicht milder.


    Als er sich (fast zwei Jahrzehnte) später partout nicht entschuldigen wollte (und die NRW-Fraktion in der Karsli-Affaire nicht nur ihr wahres Gesicht zeigte, sondern zugleich den enteierten Westerwelle und die Bundes-FDP als untätige Mitwisser ins rechte Licht setzte) hat ihm die, einige Monate später verstorbene, Berliner „Erzliberale“, Susanne Thaler, anlässlich ihres demonstrativen Partei-Austritts, „tief verinnerlichten Nazi-Rassismus“ und „tiefsitzende Nazidenke“ vorgeworfen. Die konkrete Wortwahl wäre, aus Sorge um eine Relativierung der Nazizeit, nicht meine gewesen, aber ihr, als Überlebender des KZ Westerbroek, sei das zugestanden und zumindest den geistigen braunen Sumpf seiner westfälischen Förderer traf es recht gut.

  • Ein intelligenter Schachzug. Lieberknecht soll auch eine Kritikerin von Mohring sein.

    Ziemlich clever. Er weiß um den Rückenwind aus den jüngsten Umfragen und schafft so eine Möglichkeit, Neuwahlen zu initiieren.


    Auch wenn ich weder Ramelow noch die gewendeten Linken mag, das ist der mit Abstand beste Vorschlag aus Thüringen, den man in den letzten Tagen hören konnte.

  • Ich frage mich immer, wie so ein Lindner z. B. einen auf Wirtschaftsfachmann macht.

    Der hat als Oberstufenfuzzi einen auf Dr. Schlau gemacht (War das Limonadenverkauf ?), danach direkt die Millionenpleite und ich glaub 2 Jahre später lässt der sich vom Staat bezahlen bis heute.

    Die eigentliche Frage lautet ja, warum man mit so einer Vita im Deutschen Bundestag schon zur Spitzengruppe bei Erfahrung mit Unternehmertum gehört. Wir werden bald nur noch von Studienabbrechern und Öffentlichdienstlern regiert. Und nein, auch die FDP kann sich von dieser Entwicklung leider nicht abkoppeln (naja, Abbrecher sind noch die Ausnahme, aber fast direkt aus der Uni ins Mandat eben auch nicht mehr).


    Der Grund ist vermutlich (und ich spreche da so ein bisschen aus eigener Erfahrung), dass die ganzen Nichtskönner in der Politik Leute mit Wissen und Erfahrung sehr fürchten, weil die ihnen gefährlich werden. Deswegen entwickelt man eben Seilschaften aus Nichtskönnern und begegnet den anderen mit Missgunst. Das ist jetzt ein überzeichnetes Bild, aber im Großen und Ganzen ist Politik für Leute, die es wirklich draufhaben und das in der freien Wirtschaft auch bewiesen haben, kein angenehmer und übrigens auch kein lukrativer Ort. Es gibt indes natürlich Ausnahmen und auch Berufspolitiker, die, obwohl sie nie in einem anderen Beruf richtig gearbeitet haben, es verstehen, Expertise einzubinden.

  • Ist selten, aber das ist auch meine Einschätzung.

    Generell wünsche ich mir in den Parlamenten mehr Menschen mit praktischer Erfahrung außerhalb von Partei und Politik.

    Bestes Beispiel ist Frau Nahles, die nie glaubwürdig das Gefühl vermitteln konnte, zu verstehen, wovon sie spricht, wenn sie von der arbeitenden Bevölkerung erzählte.


    Allerdings habe ich auch immer das Gefühl(!), dass sich zu viele Juristen in den Parlamenten tummeln, das wäre auch nicht so hilfreich, weil es eben nicht ausgewogen wäre und Juristen zu übler Schwafelei und verklausulierter Sprache neigen. :anmachen:


    Und ich hätte dort gerne mehr 'Gutmenschen', also Idealisten (anstelle von Karrieristen), da es primär immerhin um die Gestaltung der Gemeinschaft, und nicht um das Konto des Politikers geht.

    Einmal editiert, zuletzt von prickelpit96 ()

  • Hm, Du verwendest "Idealist" und "Karrierist" als Gegenpole, der bessere wäre aber vielleicht "Pragmatiker" und würde die Frage aufwerfen, wie jemand mit erfolgreicher praktischer Erfahrung außerhalb der Politik dann kein Pragmatiker sein könnte?


    Karrierist stimmt wohl irgendwie auch, jedenfalls sorgt der demokratische Auswahlprozess wohl dafür, dass selten Menschen mit Problemen bei Ehrgeiz oder Selbstbewusstsein in Mandatsverantwortung gelangen.


    Aber ich stimmt zu, dass wir zu viele verwässerte Lösungen haben und uns dann wundern, dass irgendwas nicht funktioniert bzw. dann aber auch nicht feststellbar ist, warum. Radikale Lösungen sind natürlich nicht immer die besten, aber mutigere und klarere Lösungen würde ich mir auch wünschen.

  • Ja, das waren noch Zeiten, als Menschen mit Idealen, die nicht wirklich vor Selbstbewusstsein strotzen, zu Bundesministeriumsehren gelangte.


    Ich arbeite ja unter solch einer ehemaligen Bundesministerium (noch, Amtszeit läuft dies Jahr aus). Und jedes mal wieder, wenn ich sie reden höre, bin ich verblüfft. Diverse Menschen verdrehen die Augen, wenn sie nicht mehr als ihre Stimme und Rhetorik kennen.


    Ich arbeite gern unter Frau Fischer, gerade weil sie so ist, wie sie ist, echt eben. :ja:

  • Hm, Du verwendest "Idealist" und "Karrierist" als Gegenpole,

    Joa...., weil das in meinen Augen gut charakterisiert, was die Intention der Person ist.

    Wenn es darum geht, Dienst an der Gesellschaft / am Land zu tun, auch wenn man davon materiell nicht das hat, was ein Vorstandsmitglied in der freien Wirtschaft verdienen kann, dann ist das für mich (plakativ dargestellt) der Gegenpol zu dem Politiker (m/w/d), der sein Augenmerk darauf richtet, es sich nicht mit der Wirtschaft zu verderben, bzw. darauf baut, die Politik als Sprungbrett für eine Karriere nach dem Parlament zu nutzen.


    Karrierist stimmt wohl irgendwie auch, jedenfalls sorgt der demokratische Auswahlprozess wohl dafür, dass selten Menschen mit Problemen bei Ehrgeiz oder Selbstbewusstsein in Mandatsverantwortung gelangen.

    :ja: