Politischer Zoff-Thread oder so

  • Niemand will mit der Vermögensabgabe Omas Häuschen einkassieren. Sie soll den Reichsten auferlegt werden, um die wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben, wie Pandemiebekämpfung, Bildung, Gesundheitsversorgung, Infrastruktur etc. finanzieren zu können.


    Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel spricht mir aus der Seele:


    Hickel: Die Spitzenverdiener sollten für die durch Corona entstandenen Staatsschulden zur Kasse gebeten werden. Ich wäre für einen großzügigen Freibetrag von bis zu zwei Millionen Euro bei Privatpersonen und fünf Millionen bei Betriebsvermögen. Oberhalb dieser Grenzen müsste 1 Prozent des Vermögens als Abgabe bezahlt werden. Dieser Satz könnte bei höheren Vermögen auch bis auf 30 Prozent steigen. Bei einer Laufzeit von 20 Jahren brächte das etwa 310 Milliarden Euro. Bund, Länder und Kommunen könnten ihre Corona-bedingten Schulden in einen Fonds einbringen, der durch die Vermögensabgabe abfinanziert würde. So könnten die öffentlichen Haushalte von der Tilgung entlastet werden, der Spielraum auch für Bildungsinvestitionen würde größer und die Unterfinanzierung des Bildungssystems ließe sich abbauen. Später sollte man die zeitlich befristete Abgabe in eine Vermögenssteuer umbauen.


    https://www.gew.de/aktuelles/d…remse-ist-eine-todsuende/

  • Nur als fachliche Anmerkung zur Einordnung, ohne politische Wertung: Prof. Hickel ist Vertreter einer eher "linksorientierten" ökonomischen Denkschule. Seine Thesen bzw. die aus dieser Denkrichtung sind innerhalb der Ökonomie keine allgemeine Auffassung. Es gibt auch diametral andere Ansichten. Das nur als Fußnote.

  • Aus eigener Erfahrung: Ohja, auch wenn es sich oft nur um Details handelt. Aber der wissenschaftliche Diskurs gehört bei uns nunmal dazu. Nur so kommt man weiter, weil man sich auch mit anderen Standpunkten auseinander setzen muss.

  • https://de.wikipedia.org/wiki/…mmensteuer_in_DeutschlandVielleicht solltet ihr erst mal den Mittelstand definieren. [...]

    schwierig!

    leute wie friedrich merz bezeichnen sich als mittelstand. ich kenne sein vermögen nicht, aber halte das angesichts seiner positionen bei u.a. blackrock für unwahrscheinlich bis falsch.


    das größte (steuerpolitische) problem ist meiner meinung nach, dass der "spitzensteuersatz" (42%) bereits bei einem zu versteuernden einkommen (zvE) von ~58.000€ greift. das sind 4.833€ brutto~2.800netto/monat. [darüber gibt's dann noch die sog. "reichensteuer" iHv. 45% ab einem zvE ~275.000€ (~23.000€/monat)] so wie ich das sehe wird da (ganz bewusst?!!?) eine falsche solidarität von normalen leuten, die 2.800€ im monat nach hause bringen, mit denen da oben, denen das ganz lieb ist, wenn stimmung gegen die schlimm hohe einkommensteuer gemacht werden kann, erzeugt. bild 1 bild 2 bild 3 etc....


    von mir aus kann man den freibetrag von 10.000€ auf mindestens 20.000€, eher aber 30.000 anheben. das würde geringverdiener entlasten, andererseits aber auch den staat indirekt lohnkosten der arbeitgeber übernehmen lassen. genauso können steuersätze wie 42% von mir aus auch erst ab ~100.000€ greifen. ab schwindelerregenden höhen können dann auch steuersätze von 60+% erhoben werden.


    historische einordnung:

    direkt nach dem krieg gab es sogar einen spitzensteuersatz von 95%, danach war er bis 2000 nie unter 50%. wiki wer also niedrigere reichensteuer möchte sollte es vielleicht mal wieder mit rot-grün versuchen! ;)


    auch in den us&a war die einkommensteuer zwischen 1932 und1965 nie unter 60%... wiki


    edit: vielleicht bin ich da aber etwas zu romantisch.......

    Einmal editiert, zuletzt von guntingel ()

  • Bei einer Laufzeit von 20 Jahren brächte das etwa 310 Milliarden Euro

    Also ca. 15 Milliarden im Jahr? Bei einem Bundeshaushalt von 500 Milliarden, wovon allein Arbeit & Soziales 160 Milliarden sind.


    Könnte man machen, oder man gibt das vorhandene Steuergeld vernünftig aus.


    Gesamtsteuereinnahmen liegen glaube ich so zwischen 700 und 800 Milliarden pro Jahr. Es ist also genug Geld im Staatsapparat vorhanden.

  • Bei den Steuerplänen der SPD, der Grünen oder der Linkspartei soll der Grundfreibeitrag natürlich analog zum Spitzensteuersatz steigen. So in Richtung 15.000€. Bei einem zu versteuernden Einkommen (zvE) von etwas über ~58.000€ würde man nach den angedachten Steuerreformen aus dem "linken " Lager weniger Steuern als bisher zahlen, obwohl der Spitzensteuer stiege. Man müsste schon an 100.000€ zvE kratzen, damit man ein paar hundert € mehr im Jahr an Steuern zahlen müsste, anstatt entlastet zu werden. Und alle zvE unter ~58.000€ werden sowieso entlastet.


    Nichtsdestotrotz werden neoliberale orientierte Parteien und Medien wieder eine Kampagne fahren, dass die Mittelschicht von rot-rot-grün zur Kasse gebeten werden soll. Die verhältnismäßig wenigen, die tatsächlich durch einen höheren Spitzensteuersatz zur Kasse gebeten werden, brauchen schließlich Verbündete an der Wahlurne.

  • guntingel Du vergleichst jetzt natürlich Grenzsteuersätze, die gleiche Steuersätze für 58.000€ und 275.000€ dem ungeübten Leser suggerieren. Der Durchschnittssteuersatz sieht natürlich anders aus. Ich gebe dir aber Recht, dass die kalte Progression ein riesen Problem ist.

    Dein Vorschlag würde aber zu massiven Steuermindereinnahmen führen. Menschen mit schwindelerregenden Einkünften gibt es halt nicht so viele. Der Mittelstandsbauch wird von der Politik ja genau aus diesem Grund nicht angegangen, er ist eine wichtige Säule der Einkommensteuereinnahmen. Die Masse machts.


    Exorbitant hohe Einkommensteuersätze für Superreiche führen zusätzlich zu Wohnsitzverlagerungen (Siehe jüngst Frankreich unter Hollande) und vor allen wird das Holdingmodell noch attraktiver für Superreiche. Schon jetzt verbleiben doch Gewinne aus Beteiligungsverkäufe oder Dividendengewinne der Superreichen in der vorgelagerten GmbH - Holding und es wird nur das ausgeschüttet, was zum Leben benötigt wird. Der Vorteil ist eine weitgehende Steuerstundung, da bei einer wesentlichen Beteiligung ( ich glaube 15%) 95% der Dividende der Tochtergesellschaft an die Holding steuerfrei gestellt wird. Nichts anderes sind doch die ganzen Family Offices / Beteiligungsgesellschaften wie Marnicam von Kind oder die Rossmannbeteiligungsgesellschaft.

  • Ist zwar weder nach Lehrbuch, noch nach der KMU Definition der EU, aber wenn ich von Mittelstand spreche, hört das irgendwo bei 1.000 Beschäftigten in Summe auf, egal an wievielen Standorten.


    Umsatz als Größe macht wenig Sinn.


    stscherer

    Die größte Firma, die ich in meinem Leben geführt habe hatte bei Ankunft 650 MitarbeiterInnen, wir mussten dann auf knapp über 300 runter, als ich ging waren es wieder 450. Der Umsatz hatte sich ggü. der Ausgangslage auf 85 Millionen Euro verdoppelt. Wenn mich das in die Nähe eines Privatjets oder gar in Merz‘sche Kreise katapultieren würde, dann frage ich mich was ich wohl falsch gemacht haben muss.


    Zur progressiven Steuer auf Einkommen noch ein Satz; ich habe es schon häufiger erlebt, dass MitarbeiterInnen auf Gehalt in Geld verzichtet haben, wenn sie die nächste Stufe der Progression erreichen. In diesen Fällen haben wir die Arbeitszeit reduziert.


    Ist es eigentlich fair, wenn der Arbeitgeber am Jahresende eine Erfolgsprämie an seine Angestellten zahlt, der Staat aber da auch die Hälfte einkassiert?

  • Wieso nicht? Natürlich gehört Einkommen versteuert. Ob man nun das Grundgehalt klein hält und es über "Prämien" läuft oder gleich gezahlt wird darf da keinen Unterschied machen.


    Abgesehen davon liegt der Spitzensteuersatz deutlich unter 50%, von daher ist die Frage von locke wohl kaum ein realistisches Beispiel.

  • Inkl. Sozialversicherungsbeiträgen.


    Die Beitragsbemessungsgrenzen werden ja so ganz nebenbei auch ständig erhöht.

  • Ja, gut, es scheint dir unfair zu erschienen, wenn Rentner an wirtschaftlichem Aufschwung teilhaben. Oder "der Staat" kassiert die Krankenversicherung. Oder was weiß ich.


    Man wird den Eindruck nicht los, Lohnnebenkosten wären für Unternehmer ein rotes Tuch. :kichern: