Politischer Zoff-Thread oder so

  • So eine schöne Fragestellung mit sachlichem Diskussionsstart und wumms, kaputt.

    Ich vermute die Ursachen für das von Philli beschriebene Verhalten nicht nur in der Einkommenssituation, sondern zum einen im Trend selbiger, also zunehmend steigender Kosten im Vergleich zu geringfügig steigenden Einnahmen, zu anderen aber in einer kompletten Ignoranz durch die arrivierten politischen Vertreter.

    Und wenn dann ein Marktschreier durchs Dorf zieht und so tut, als hätte er nach intensivem Studium die Lösung in der Ausgrenzung Nicht-Biodeutscher gefunden, dann nehmen das sicher einige Prozent dankend an.


    Gerne zitier ich dazu Kraftklub:

    Und selbst wenn alles scheiße ist
    Du pleite bist und sonst nichts kannst
    Dann sei doch einfach stolz auf dein Land
    Oder gib die Schuld ein paar anderen armen Schweinen
    Hey, wie wäre es denn mit den Leuten im Asylbewerberheim

  • Man muss nicht von Prekarität oder Semiprekarität bedroht sein, um den Eindruck zu haben, dass der eigene Lebensentwurf bzw. die soziale Lage gesellschaftlich an Stellenwert verliert. Es geht also (auch) um so wahrgenommene Bedrohung der eigenen Position, z.B..


    Was kann ich mir unter "gesellschaftlich an Stellenwert verliert" vorstellen, wenn es ja nicht (nur) um das Einkommen geht? Hier bin ich gerade tatsächlich lost, weil ich mir daraus folgend keinen vernünftigen Anspruch an "irgendwen" ableiten kann. Bei Einkommen kriege ich das noch hin ("ich brauche mehr!" - vom Staat, vom Arbeitgeber, etc.).


    Ostdeutschland. ;) "Besser-Wessis", "Bürger 2. Klasse", etc.


    Gilt aber nicht nur für die. Gilt auch für soziale Milieus im Westen. Wenn man Rechtspopulismus durch die Milieu-Brille betrachtet (was ich fachlich lange nicht mehr getan habe), stellt man leicht fest, dass "Einkommen" nicht das alleinige Merkmal ist, sondern dass - wie erwartet - die "linken unteren" Milieus nicht Richtung Rechtspopulismus tendieren, Milieus auf vergleichbarem materiellen Niveau in der Mitte und Rechts aber schon.


    Das soll jetzt bloß keine Rechts-Links-Diskussion werden, nur, weil ich den naheliegenden Umstand, dass konservative eher zu RP tendieren, als linke Milieus, expliziert habe. Das ist nur eine Antwort auf Deine Frage, was außer materiellem noch ein Faktor ist.

  • Nachtrag: Die Milieu-Soziologie zeigt übrigens auch die Grenze der materiellen Argumentation "nach unten" auf: In den untersten Milieus herrscht einfach nur Armut und Zerstörung/Ausschluß aus sozialer Integration vor. Diese Ärmsten tendieren gerade nicht zu Rechtspopulismus, sondern wenden sich komplett von politischen Diskursen ab, tendenziell.


    Es sind schon soziale Gruppen, die unter Druck sind, die nach alternativen politischen Diskursen suchen. Es gehört die Erfahrung dazu, dass "diese Gesellschaft", "diese Politik" sie nicht sieht und in Betracht zieht, aber auch, dass es noch einen diskursiven Zusammenhang gibt, der deswegen nach einem Gegennarrativ sucht. Es gehört ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Integration/Organisationspotenzial dazu. Der Bettler auf der Straße ist - so zumindest meiner Erfahrung nach - nie Rechtspopulist, der ist so mit überleben beschäftigt, seine Erwartungen an die Gesellschaft sind so gering, dass er nicht politisch ist.

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  • Was im 'Kleinen' gilt, gilt auch im 'Großen': Wertschätzung.

    Menschen wollen wertgeschätzt werden, und das äußert sich nicht alleine über das Einkommen.

  • Ist schon richtig. Aber ich würde unbedingt ergänzen, dass es sich nicht um Wertschätzung der individuellen Person handelt. Es ist eine soziale Erfahrung. Jemand kann, z.B. als Angehöriger der leistungsorientierten MIttelschicht, durchaus Wertschätzung erfahren, aber über sein Herkunftsmilieu z.B., über die Erfahrungen, die in seiner Familie gemacht werden, dennoch zu entsprechenden Diskursen tendieren.


    Dieses Ding, dass wir alles gesellschaftliche nur noch auf individueller Ebene diskutieren, sehe ich als tieferliegendes Problem. Weiteres Beispiel: "Empathie" ist individualisierend, früher sprach man an entsprechender Stelle eher von "Solidarität", z.B.. "Solidarität" ist aufgrund verschiedener Entwicklungen heute quasi diskreditiert, passt nicht mehr, was der Zerschlagung sozialer Zusammenhänge durch den Kapitalismus (nicht: Neo-Liberalismus o.ä., das hier ist klassisch Marx) entspricht. Da "Solidarität" eng mit der Industriegesellschaft verknüpft war, ergibt es schon irgendwie Sinn, dass der Begriff heute altbacken wirkt. Aber das Problem ist, dass er durch einen individualisierenden Begriff ersetzt wurde.


    Wie ZIzek sagt: Uns fehlt heute sogar die Sprache, unsere Unfreiheit zu benennen. Genau auf dieses Problem antwortet auch der Rechtspopulismus, indem er kurzschlußartige Gegennarrativen entwickelt. Damit meine ich den gesamten Zusammenhang von tradierten konservativ-populistischen Narrativen wie "Kulturbolschewismus" bis hin zu Höcke.

  • Aber ich würde unbedingt ergänzen, dass es sich nicht um Wertschätzung der individuellen Person handelt.

    Absolut. Es geht um eine Erfahrung als Gruppe.

    Gut abzulesen an der Art und Weise, wie sich bei Pegida geäußert wurde. 'Wir' als abgehängte Ossis. Ausgesprochen wurde das oft von Menschen, die nicht zwingend persönlich als abgehängt bezeichnet werden mussten (beziehe mich auf Interviews auf ZEIT.de von vor ein paar Jahren, bei denen die beteiligten Personen mit ihrem jeweiligen Hintergrund vorgestellt wurden).

    Da "Solidarität" eng mit der Industriegesellschaft verknüpft war, ergibt es schon irgendwie Sinn, dass der Begriff heute altbacken wirkt. Aber das Problem ist, dass er durch einen individualisierenden Begriff ersetzt wurde.

    Aber das ist doch eh der große Trend.

  • Ich könnte jetzt ganz platt kommen und sagen: Ja. Und das hat Marx schon erkannt und genau beschrieben: Der Kapitalismus zerschlägt jegliche sozialen Zusammenhänge.


    Nur, weil das andauert, heißt nicht, dass es irrelevant ist. Solange noch Gesellschaft jenseits des Marktes da ist, solange geht dieser Trend tendenziell weiter.

  • Interessant finde ich dazu den Rap (als Sozialstudie) in Deutschland.

    Seit Jahren führt diese Musikrichtung die Charts an, ist entscheidend von Immigranten geprägt, mit einer breiten "Hörerbasis" in den jüngeren Generationen.

    Da geht es letztendlich immer um eine Benachteiligung/Chancenlosigkeit durch die Herkunft, und dann um die Zurschaustellung so hart sein zu müssen, daß man auch zur Waffe greift, und anders nichts geht.


    Nun feiern das aber nicht nur die Arabs und Kanaks, sondern auch ein Gutteil der heutigen Jugend. Warum?

  • Das gilt doch quasi für jede Musikrichtung, dieses "Anders sein".


    Apache207, kein wirklicher Rap, wird von der gleichen Zielgruppe gemocht. Der fährt aber nur brav mit seinem Roller durch die Gegend!

  • Das kann unterschiedliche Gründe haben. Man müsste jetzt, um was vernünftiges dazu zu sagen, gucken, wer das konkret feiert.


    In Milieus, die vom offiziellen gesellschaftlichen Diskurs ausgeschlossen sind, die quasi im gesellschaftlichen Diskurs nur als passive Empfänger dieses Diskurses vorkommen, gibt es - schon immer - männlichkeitsverherrlichende, köperorientierte (weil der Körper das einzige ist, was dem Proletariat nicht wegzunehmen ist), stärkeorientierte (genau wegen der gesellschaftlichen Ohnmacht) kulturelle Gegenreaktionen.


    Ich will jetzt nichts falsches schreiben, aber von der Tendenz gab es das schon immer. Das waren die Rambo-Gucker, in gewissem Sinne - ohne jemand verunglimpfen zu wollen und auf die Gefahr einer zu einfachen Darstellung - die Manta-Fahrer, auch Bodybuilding z.B. hat eher proletarische Wurzel oder ist zumindest eher in den dominierten - was der Ausdruck des späten Bourdieus ist - Milieus zu finden.


    Hoffe, das ist jetzt nicht zu abstrakt? Solange die Frage so allgemein ist, ist sie halt auch abstrakt, da fällt es mir schwer, anders zu antworten.


    EDIT: Was P-King schreibt, ist auch richtig. Alle Subkulturen positionieren sich gegen den herrschenden Diskurs. Deswegen gibt es dann regelmäßig wie das Amen in der Kirche diese Diskussionen um Kommerzialisierung, wenn eine Subkultur erfolgreich wird bzw. "vom System geschluckt" wird.

  • Ich hab das nicht zu ende durchargumentiert, emfinde das nacheifern von Rappern aber schon anders, als bei vorherigen "Bewegungen" ,die Mainstream geworden sind.


    Rap hat nichts, außer die Rolex und den Lambo - und das mit Härte/allen Mitteln/ Kriminalität erreicht zu haben


    Also Konsum ohne Scharm, als Endstufe der Entwicklung. Und das findet Anklang ganz unten? - Ja!

  • He he, FDP-Klassiker. Mit dem höheren Grundfreibetrag und der Abschaffung der Kalten Progression entlasten wir die Geringverdiener dann ein bißchen und die Topverdiener ein bißchen mehr.

    Hui, da habe ich wohl mal einen Zufallstreffer bei der sonst so schwer durchschaubaren FDP-Agenda gelandet.


    https://www.tagesschau.de/wirt…nflation-lindner-101.html


    Habe allerdings auf Twitter die FDP-Bubble zu dem Thema studiert und finde es nun doch fair, dass angeblich ca. 9 der 10 Mrd aus dem Entlastungspaket an die 30 % mit den höchsten Einkommen gehen.

    Wir zahlen schließlich schon unfassbar hohe Steuern, die der Staat entweder verbrennt oder nach unten umverteilt. Da ist es nur gerecht uns höher zu entlasten. Prozentual bekommen die 70 % ja auch viel mehr Entlastung als wir. Aber die zahlen halt so wenig Steuern, dass es in absoluten Zahlen eine relativ geringere Entlastung ist.


    Das Steuersystem bestraft Leistung schon genug. Deshalb schön, dass da mal was korrigiert wird. Außerdem werde ich meine rund 500 € Entlastung vielleicht nicht nur in den Kapitalmarkt stecken, sondern auch ein bisschen was down trickeln lassen. Der Klofrau auch mal 1 € statt 50 Cent auf den Teller legen oder das Trinkgeld in der Gastro etwas großzügiger aufrunden. Mir fällt da sicher was ein.

  • mir hat man schon vor 30 Jahren erklärt, dass die empfundenen Schmerzen bei einem Weniger bei Wohlhabenden viel größer sind als bei Armen.

    Die sind das nämlich gewohnt. Da tut es nicht mehr so weh.

  • Haben wir hier einen Steuerberater oder ähnliches, der anhand von entsprechenden Eingaben verlässlich errechnen kann wie viel jemand aus dem Entlastungspaket bekommen hat?

  • ob ich nun 167 oder 265 weniger Steuern zahle, macht meinen Kohl nicht fett.

    Wenn ich mich aber daran erinnere, dass ich immer wieder vom Leid der Alleinerziehenden höre, finde ich die 52 Euro Entlastung im untersten Fünftel schon ordentlich aussagekräftig.

  • Haben wir hier einen Steuerberater oder ähnliches, der anhand von entsprechenden Eingaben verlässlich errechnen kann wie viel jemand aus dem Entlastungspaket bekommen hat?

    Hieran kann man sich grob orientieren:

    https://www.bundesfinanzminist…entlastungsbeispiele.html


    Schneppe Hast du nen Link zu den 9 von 10mrd an die 30%?

    Das hat dieser Linke im von mir verlinkten Artikel behauptet. Vielleicht sind es aber auch nur 8 oder 8,5 Mrd. Ich suche mal eine vernünftige Quelle.


    Edit: Laut Marcel Fratzscher bekommen die 30% insgesamt 70% der Entlastung.

    Zitat


    Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, bezeichnete die Pläne in der ARD als «sehr unausgewogen». «70 Prozent davon kommen den 30 Prozent mit den höchsten Einkommen zugute», kritisierte er in den «tagesthemen».

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