Der Börse Fachsimpelthread

  • Die Börse war und ist immer ein gutes Stück Psychologie, sie übertreibt und untertreibt. Entsprechend entwickeln sich die Kurse. Referenzwert bleibt immer die kurzfristige / mittelfristige / langfristige Erwartungshaltung der Gesamtheit der Akteure. Unsichere Zeiten sind immer von volatilen Märkten geprägt Was mich am Freitag Artikel stört, ist die Darstellung der Börse als reine (böse) Spekulationsplattform ( "Wer an der Börse spekuliert" ). In Aktien investiert die Mehrheit der Aktionäre längerfristig, sei es z.B. mittelbar durch breit streuende ETF´s, Value Investing, Mitarbeiteraktien, Staatsfonds oder strategische Beteiligungen. Alles impliziert im Normalfall einen längeren Besitz der Aktie. Natürlich ist auch hier ein Verkauf aufgrund Änderung der Markteinschätzung möglich und jeder Investor wird regelmäßig seine Anlagen überprüfen. Dann gibt es die Strategie der Trendfolger ( Chart-Technik - Keynes Schönheitswettbewerb geht in die Richtung), Daytrader und natürlich auch Algorithmen großer Player. Die letzt genannten handeln viel schneller und haben an der Börse natürlich einen höheren Umsatz als die anderen Marktteilnehmer, die zum Teil auch nicht über die Börse die Aktien erwerben.


    Natürlich findet an der Börse auch Spekulation statt. Definition Gabler Wirtschaftslexicon: "Im Gegensatz zur Daueranlage meist kurzfristige Betätigung, die lediglich auf Gewinn bringende Ausnutzung der Preisunterschiede zu verschiedenen Zeitpunkten gerichtet ist." (https://wirtschaftslexikon.gab…inition/spekulation-44322), die meist auch unabhängig von der Realwirtschaft ist.


    Aber, gibt es einen Mangel an Liquidität, erweitert sich der Spread zwischen Geld und Briefkursen extrem: Meines Erachtens ist jegliche Liquidität an der Börse willkommen. Die Spekulation ermöglicht erst den Handel, besonders in schweren Zeiten. Sie wirkt entsprechend preis- und risikoausgleichend.


    Wer also wirklich Interesse hat, sich mit Wertpapieren als Anlagen zu beschäftigen , wird wohl nicht die Wochenzeitung "der Freitag" als Informationsquelle nutzen. Hier erkenne ich nur ideologische Aversionen gegen den Börsenhandel und Aktien an sich. Der Zeit Artikel vom 27.04. thematisiert das Geschehen nach dem Absturz im März und bringt Argumente von Marktkennern, warum Börsenakteure in der Situation so handeln wie sie handeln. Apfel mit Birnen vergleichen will ich nicht, theMenace wohl auch nicht.


    P.s. Meine Einschätzung dazu: Vielleicht reagiert der Markt zu schnell mit Kursteigerungen, zur Zeit bewegt er sich in der Erwartungshaltung zwischen einer V- und U-Formation. Vielleicht ändert es sich noch in eine L-Formation in einer länger dauernder Coronakriese.

    Zu Beachten ist auf jeden Fall, dass der Anlagemarkt seit Öffnung der Geldschleusen der weltweiten Zentralbanken extremen externen Markteingriffen unterworfen ist. Dies äußert sich schon seit Jahren in immer niedrigen Zinsen für Sichteinlage oder Rentenpapieren ( ja, es gibt auch neben der Währungsunion / Währungskrise andere Gründe) und stabilisiert Sachwerte. Kein Wunder das Ausweichhandlungen auf den Immobilienmarkt und in Aktien stattfinden. Das bedeutet aber speziell auch bei Aktien, dass die Akteure risikoaffin werden, da sie wissen, dass andere Anleger auch weniger Anlagemöglichkeiten haben. Das ist für mich auch ein Grund warum die Indizes so schnell hochgegangen sind. Im Artikel hat der Freitag die Ausweitung der Geldmenge nicht angesprochen. Was meint die Zeitung mit der Überschrift: " Sie pumpen wieder" ?, Ohne Bezug auf das Thema zu nehmen.

    Einmal editiert, zuletzt von finky ()

  • finky: Deine Argumentation kann ich sehr gut nachvollziehen, wenn ich mich in der Logik des Finanzkapitalismus bewege. Wechsele ich allerdings die Perspektive und betrachte die Entwicklung der Börse und deren Auswirkung auf die Realwirtschaft und die Gesellschaft, dann stellen sich Fragen.


    Sicherlich ist derFreitag kein Börsenblatt, dennoch wird in dem von mir verlinkten Artikel das Auseinanderdriften der Finanzwirtschaft und der Realwirtschaft recht anschaulich und kritisch aufgezeigt.


    derFreitag:

    „Seit ihrem Absturz im März sind die Aktienindizes der USA und Europas wieder um etwa 40 Prozent gestiegen. Gleichzeitig geht es mit der Wirtschaftsleistung noch immer bergab.

    ...

    In Frankreich sieht das Statistikamt INSEE eine „Erholung im Mai“, die allerdings lediglich dazu führt, dass das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal um 17 Prozent sinkt statt um die zuvor erwarteten 20 Prozent. Die Allianz schätzt, dass in Europa neun Millionen Menschen ihren Job verlieren könnten, wenn Kurzarbeiter-Regelungen und andere staatliche Stützungen auslaufen.“


    Auch im Artikel der Zeit wird darauf hingewiesen, dass die Entwicklung der Börsen unvorhersehbar geworden ist.


    Zeit Online:

    „Auch wenn Kritiker in den Börsen nichts als professionellere Casinos sehen, bleibt die fundamentale Aufgabe der Finanzmärkte, Kapital in der Wirtschaft dorthin zu steuern, wo es den meisten Nutzen bringt. Doch angesichts der Verwerfungen durch die Covid-19-Pandemie kommen selbst an der Wall Street Zweifel auf, ob das in einer Zeit, in der es mehr Fragen als Antworten gibt, überhaupt stattfinden kann. Eine solche fundamentale Sinnkrise gab es in der Branche nicht einmal in der Finanzkatastrophe 2008. Jeder Versuch, einen Kurs für Aktien zu bestimmen, sei derzeit nur ein Ratespiel, argumentierte kürzlich etwa John Authers, ein Kommentator des Finanznachrichtendienstes Bloomberg.“


    Das Kapital wird irgendwo hingetragen, aber nicht dort, wo es gebraucht wird. Diese Gegenläufigkeit der Entwicklung von Finanz- und Realwirtschaft wird auch in folgendem Artikel thematisiert.


    https://m.focus.de/finanzen/bo…on-kommt_id_11970356.html


    Wie schon in einem anderen Zusammenhang erwähnt, gibt es durchaus Profiteure dieser Entwicklung. Aber sollen sie in Zukunft unsere Geschicke lenken?

    https://app.handelsblatt.com/f…-milliarden/25684690.html

    Wohin uns derartige Entwicklungen bringen, haben wir erst 2008 erlebt.


    https://www.spiegel.de/wirtsch…kollabierte-a-648261.html

    Ganz traurig finde ich, dass wir offensichtlich nicht mehr in der Lage sind, Alternativen zu unserem Wachstumsparadigma zu denken.


    https://www.tagesschau.de/wirt…ewrolandzieschank100.html

  • Auch im Artikel der Zeit wird darauf hingewiesen, dass die Entwicklung der Börsen unvorhersehbar geworden ist.

    Wenn du (und die Zeit) davon ausgehst, dass die Entwicklung der Börsen (um welche Notierungen geht es eigentlich genau?) jemals (für viele/alle Maktbeteiligten) korrekt vorhersehbar war, hast du das Prinzip einer Börse tatsächlich nicht verstanden.

  • Du musst schon den ganzen Artikel lesen. Das die Entwicklungen von Aktienkursen nie korrekt vorhersehbar waren und sind hat niemand bestritten. Die Gesamtentwicklung der Finanzwirtschaft wird problematisch.

  • Ich erstmal mit der Hälfte raus.

    Das sind mir zu viele schlechte Nachrichten rund um den Globus und die Wirtschaft.

    Hab Angst vor einem neuen Crash.


    Warum nicht gleich ganz raus? - weiß ich nicht. :kichern:

  • Naja, wie soll ich das erklären?

    Ich verstehe die Instrumente nicht, wie man auf fallende Kurse setzt, und auch Optionsscheine nicht. Ich kaufe Firmenanteile.


    Und trotz allem, was da gerade an Geld gedruckt wird, denke ich, dass es noch einen Rücksetzer gibt.

    Den werde ich nicht am obersten Punkt erwischen, und vielleicht geht es noch 3 Monate hoch...

    Aber genauso wie es jetzt noch 13,04% hoch gehen kann, kann es auch nochmal 18,02% runter gehen.


    Und ich bin ja ein gebranntes Kind, und war einmal nicht pessimistisch. Mein Verlustvortrag reicht wohl ewig - deshalb macht "hin und her in meinem Leben nicht mehr die Taschen leer". :kopf:


    Nein, es soll alles nochmal absacken (wie nach jeder großen Krise), und dann steig ich wieder ein.


    Es trifft alle, wenn es nochmal richtig fällt, und ich sehe keinen Grund, warum es diesmal nicht auch so kommen sollte.

  • Ich verstehe die Instrumente nicht, wie man auf fallende Kurse setzt,

    Ich könnte dir ein paar ITM Power verleihen, die du dann zu den aktuellen Kursen verkaufst. In 12 Monaten gibst du sie mir +Gebühr zurück! (Scherz)

  • klar, aber mach den Gedanken „auf fallende Kurse wetten“ mal konkreter. Ich halte das für super extrem riskant! Totalverlust ist wahrscheinlich!

  • mustermann

    M.e. Ist die Sorge vor Krisen an der Börse berechtigt, aber nicht beherrschbar. Das führt nur zum hin und her und man hängt den Entwicklungen immer ein Stück hinterher. Außer vielleicht bei Daytradern , aber die sitzen bestimmt den ganzen Tag vor dem Monitor und nicht im Garten.
    Meine Idee ist eher auf sehr langfristiges Wachstum orientiert. Da interessieren die „kleinen“ Krisen und Rücksetzer nicht. Gelegentlich führen sie sogar zu einer Beschleunigung von erwarteten Entwicklungen. So hat Corvid19 m.e. dazu geführt, dass der Kampf gegen den Klimawandel noch ernsthafter als bisher angenommen wird. Die Politik hat verstanden, wie verletzlich das ganze Gebilde ist.
    Wenn ich jetzt Geld langfristig anlegen würde, würde ich nicht nur auf die Wasserstoffwirtschaft setzen, sondern auch auf Wind und Solar Energie, da fließen demnächst ein Vielfaches der Milliarden hin.