Radfahren in Hannover

  • Damit die Thematik des Radfahrens in Hannover im Thread zur allgemeinen Verkehrssituation nicht untergeht, erlaube ich mir mal, diese separate Diskussion hier zu eröffnen. Den Anfang machen will ich mit einer Meldung, die den Pokalheld erfreuen dürfte: http://www.haz.de/Hannover/Aus…er-auf-der-Strasse-fahren
    Ab dem Herbst sollen Radfahrer in Hannover demnach vermehrt auf die Straße dürfen. Ich bin gespannt, an welchen Stellen und wie sich dies praktisch dann tatsächlich auswirkt.

  • Toller Thread!


    Aber: Pokalheld ist dafür, daß seperate Radwege gebaut werden :besserwisser: :ja:


    Straße für Autos - Bordstein - Radweg (mindestens 2 Meter breit) - Bordstein - Fußweg.


    Auf der Straße geht der aufgepinselte Schutzstreifen nur gut, wenn das Verkehrsaufkommen niedrig ist und Tempo 30-40 gilt. Also praktisch nur in verkehrsberuhigten Wohngebieten. Ansonsten hat der Drahtesel auf der Straße nichts verloren, da braust der motorisierte Verkehr ohne hinreichend Abstand vorbei. Bei 1,50 Meter Überholabstand (mit Kinderanhänger 2 Meter imho) wäre jedes Überholmanöver mit einem kompletten Fahrspurwechsel verbunden, falls überhaupt möglich. Der Radfahrer soll ja auch 1 Meter Abstand zu parkenden Autos halten. Und das gleiche man mal mit seinen Alltagserfahrungen ab, wie oft der überholende Autofahrer 3 Meter Abstand zu den rechts parkenden Autos hält... :misstrauisch:


    Der Youtube-Kanal "bicycle dutch" erklärt das alles. Welche Funktionen eine Straße ausfüllen kann. Wie Radwege auszusehen haben (breit, eindeutig, einheitlich, eben, baulich abgetrennt, außerhalb der Autotürreichweite). Wie Kreuzungen auszusehen haben. Wie Kreisel auszusehen haben. Warum das jeweils so ist. Wie das mit Bushaltestellen geregelt wird. Wie man von LKW ferngehalten wird. Wie Wohngebiete verkehrsberuhigt werden. Wie Zebrastreifen sicherer werden. Wie das alles auch Fußgängern und Rollstuhlfahrern Sicherheit und Komfort bietet. Was es mit Vision Zero auf sich hat. Wie das Radfahren in den Niederlanden im Vergleich zu anderen Ländern ist. Manche Videos sind sogar auf deutsch (und andernfalls sind die deutschen Untertitel nicht allzu übel, falls man mit dem Englischen nicht klar kommt).


    copenhagenize.com ist die andere zentrale Anlaufstelle, wenn man sich für Radfahrinfrastruktur interessiert. Wie Baustellen radfahrgerecht aussehen können. Oder Kopfsteinpflasterstraßen in der malerischen Altstadt. Wie Radfahren und Bahnfahren zusammenkommt. Wie Radwege geplant werden. Wie der Radverkehr statistisch und die Meinung der Nutzer erfaßt wird, um die Planungen zu optimieren. Wie man Reklame für oder gegen ein Verkehrsmittel macht. Wie das Automobil vor knapp hundert Jahren die Städte eroberte. Warum die autogerechte Stadt eine Idee des 20. Jahrhunderts ist - wir aber schon im 21. Jahrhundert sind. Wie die Entwicklung in den verschiedensten Städten der Welt von Buenos Aires über Tokio bis Barcelona aussieht. Und vieles, vieles mehr.


    Es gibt auch ein paar deutschsprachige Radfahrblogs (hamburgize, it startet with a fight u.a.), die sich mit den Rahmenbedingungen auseinandersetzen (statt Fahrradtechnik und -mode). Aber das scheint viel Arbeit zu machen, manche Blogs sind reine Bildergeschichten ohne Text, die zugeparkte und sonstwie lächerliche Radwege zeigen. Deswegen sind die ersten beiden Tips ergiebiger.


    Letzte Woche habe ich vom "dutch reach" gelesen, was tatsächlich in der Süddeutschen aufgegriffen wurde: Mit dem niederländischen Griff können Unfälle vermieden werden, die durch das Aufmachen der Autotür entstehen können. Noch besser ist halt nur noch, den Radweg so zu planen, daß man gar nicht erst in die "dooring zone" gerät.


    Unfallursachen und -risiken systematisch senken. Radfahren angenehm machen. Eine angenehme und sichere Angelegenheit nicht nur für Fahrradfreaks, sondern für Jedermann zwischen 8 und 88.


    Die Königstraße war doch die Straße, die vom Hauptbahnhof grob Richtung Zoo ging, oder? Ich erkenne sie auf dem HAZ-Foto gar nicht wieder (die letzten Male bin ich da auch nur im Dunkeln rumgetorkelt). Das Foto zeigt aus Radfahrersicht nur einen Haufen Scheiße. Das ganze Fahrrad-Schutzstreifensystem ist eine Farce: Dooring Zone, schmalster Streifen mit gestrichelter Linie, Innenstadtverkehrsaufkommen und das vielleicht noch bei erlaubten 50 km/h. Wenn _das_ das Ergebnis hannöverscher Verkehrsplanung sein soll, dann müßte man sie "Clockwork Orange"-mäßig ins Kino zwingen, damit sie sich bei Bicycle Dutch und Copenhagenize ansehen, wie es richtig geht. Solange bis sie es begriffen haben. Eine Beleidigung für jeden Radfahrer ist das. Epic Fail. Hinsetzen, sechs. Wenn sich sogar der ADFC dafür eingesetzt hat, dann sind Hopfen und Malz verloren. Dann wird es auch noch die nächsten zwanzig Jahre falsch gemacht werden. Wie oft wird denn eine Straße umgebaut? Wenn die Versuche jetzt nicht sitzen, bleibt es für Ewigkeiten scheiße :hölle:


    In meiner Stadt machen sie übrigens genauso falsch. Hier pinseln sie jetzt ein Fahrrad-Piktogramm auf den Asphalt einer ähnlichen Straße ("sharrows"), damit der autofahrende Pöbel nicht mehr hupt, wenn er hinter einem Radfahrer festhängt. Mehr als die 1,99€ für Farbe sind nicht drin. Toi toi toi, viel Glück mit der Möchtegernlösung :krank: (Ja, es gibt eine Fahrradstraße (die im Nichts anfängt und im Nichts endet, aber dazwischen wirklich fein ist), die parallel dazu läuft. Aber auf der anderen Straße sind halt die vielen kleinen Geschäfte, nech... da muß man ja nun irgendwie hinkommen... was wieder zu Bicycle Dutch führt und den Funktionen, die eine Straße ausfüllen kann...).

  • :daumen:


    Wobei ich sehr für Fahrräder auf dem City-Ring bin, den nutze ich oft mit Fahrrad und auch Kinderanhänger.


    Wenn die Ratio sagt, dass wir da dafür Tempo 30 einführen sollen -- dafür!

  • Zum Käffchen empfehle ich ein 8 Minuten langes Video: Vision Zero von Bicycle Dutch


    Da wird sehr sehr viel verständlich erklärt.


    Ein sechs- oder achtspuriger City-Ring und Tempo 30 gehen nicht Hand in Hand. Da wäre es ideal, den abgetrennten Radweg zu installieren. Wegen des höheren Radfahreraufkommens in der Innenstadt dann nicht mehr mindestens 2 Meter breit, sondern 3 oder 4 Meter. Denn dann kann man sich gegenseitig überholen, ohne auf Straße oder Bürgersteig zu geraten.


    Und bitte keinen Zweirichtungsfahrradweg auf dem City-Ring, denn dieser ist in Kreuzungen wieder gefährlich (...und der Autofahrer so: mit einem Radfahrer aus _der_ Richtung hatte ich nicht gerechnet gehabt...), weshalb er nur da was was taugt, wo es keine/kaum Kreuzungen gibt (Maschsee, Stadtpark, Landstraße).


    Optional ist das kurze Urteil von Colville-Andersen über Hannover: https://www.youtube.com/watch?v=quFuV9lbBJ0 (ebenfalls 8 Minuten). Verglichen mit anderen Städten dieser Erde hat Hannover bereits relativ viele Radfahrer (19%). Aber das Radwegenetz ist lückenhaft und uneinheitlich. Die Datenerhebung steckt noch in den Kinderschuhen. Er nutzt die Metapher, das Haus stehe schon, die Hannoveraner müßten es nur noch zu einem schnuckeligen Heim machen.

  • Ganz nett, aber mir gefällt dieser Ansatz hier, nachdem Fahrradfahrer betrunken und unvorhersehbar sein dürfen, während der Autofahrer an Unfällen grundsätzlich Schuld ist. (Und ja, ich meine das ernst.)


  • Treffender wäre eher: Das Hochhaus ist längst voll bewohnt, leider ist das Treppenhaus zu eng, was sich nun nichtmehr ändern lässt. Oder so.
    Bezieht sich auf die Metapher in Pokalsieger ihm sein Post.

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  • Ich denke, dafür greifst Du auf Satanisten zurück?


    EDIT: Das Prinzip ist ganz einfach. 1. Verkehrsregeln dienen der Verkehrssicherheit. 2. Weil der Radfahrer keine Menschen tötet, der Autofahrer aber schon, steht das Prinzip, dass bei "Fahrrad - Auto"-Unfällen der Radfahrer immer Recht hat, für Verkehrssicherheit. 3. Es wirkt, weil der Autofahrer besser aufpasst.


    Ergo: Wir brauchen einen Radler-Schwarzen Block.


    Das alles ist nur halb so absurd, wie es sich für reaktionäre Deutsche vielleicht anhört, wenn man regelmäßig mit Kindern auf dem Fahrrad in der Stadt unterwegs ist.


    Frage an die Juristen: Darf man eigentlich sagen: "Alle Autofahrer sind Mörder"?


    *Popcorn*

    2 Mal editiert, zuletzt von ExilRoter ()

  • Er: Darfst du heute was trinken ?
    Der andere er:Jupp, ich bin extra mit dem Rad da ! Dann brauch ich nicht mehr Autofahren.
    Der 1. er: Achso, dann können wir ja sprit-technisch Gas geben

  • Fun fact: In der ganzen Stadt sind die Straßen breit genug, um da 2-Meter-Radwege in beide Richtungen draufzubauen.

  • Königsstraße ist ein gutes Stichwort. Fahre ich jeden Morgen von der Oper kommend in Richtung Zoo. Im Normalfall fahren die Autos zur Hälfte auf dem 'Radweg' (der natürlich nicht den Namen verdient), und ich warte dazu noch jeden Tag darauf, dass einer der Parker die Tür aufreißt und ich den Salto darüber drehe.
    Heute Morgen dann wieder ein anderer Klassiker: Ich radel vor mich hin, normales Tempo (~ 25 km/h), da parkt der SUV rechts vor mir spontan aus. Kein Blinker, kein Block in den Rückspiegel (oder zumindest dann ohne Konsequenz). Vollbremsung von mir, sonst wäre es böse ausgegangen. Meinen dezenten Wutanfall hat die fette Schlampe am Steuer mit Kopfschütteln bedacht.


    Schade, dass unsere Politik der Autolobby so tief im Arsch steckt. Es muss doch jedem ersichtlich sein, dass das Konzept, immer mehr Autos in die Städte zu stopfen, nicht gut gehen kann. Aus diversen Gründen, und beileibe nicht nur aus Radfahrersicht.

  • Und der besoffene Radfahrer wird plötzlich nüchtern, wenn er auf andere Radfahrer/Fußgänger/spielende Kinder trifft.


    Und natürlich töten auch Radfahrer Menschen. Sich selber und andere.


    Funfact: Satanisten fahren Auto. Und zwar aus der Volkswagen-Gruppe (VW, Audi, Porsche).

  • Und natürlich töten auch Radfahrer Menschen. Sich selber und andere.


    Der Tag kann kommen, wenn einer der selbstgerechten Autofahrer eines meiner Kinder erwischt.


    Not-so-fun-fact: Zwei meiner drei Kinder wären schon beinahe überfahren worden. Als Fußgänger. An einer grünen Fußgänger-Ampel und auf einem einem Zebrastreifen.


    Kinder in der Stadt großzuziehen hat mich fraglos radikalisiert. Man sieht den Autoverkehr und überhaupt die ganze städtische Verkehrsplanung mit anderen Augen.

  • Ich verstehe, was Du meinst, Giftzwerg. Und da würde ich gerne (ernsthaft!) eine Übersicht sehen, wie viele Menschen von Radfahrern letztes Jahr getötet wurden. Aber bitte nicht die, die sich selber totgeradelt haben. das ist deren persönliches Pech.


    //edit:
    Ein erster Check bringt übrigens keine Toten durch Radfahrer zutage... :lookaround:

  • Guter Thread das!


    Habe bis zur Hinüberstraße den gleichen Weg wie Prickel, den ich ebenfalls mit dem Rad fahre. Auch ich warte auf der Königstraße entweder auf die offene Autotür (hier fahre ich aber auch oftmals so weit auf der Straße, dass ich den Radweg eigentlich nicht wirklich benutze) oder auf dem Heimweg, dass ich am Thielenplatz kurz vor der Ampel in dem leichten Rechtsknick weg gemangelt werde, weil die Autospur sich an einer echt ungünstigen Stelle teilt: rechte Spur geradeaus oder rechts zum HBF, links Richtung Prinzenstraße.


    Zudem wäre ich für eine Fahrradspur zwischen Donna und Sportscheck in der Fußgängerzone, die man auch tagsüber benutzen kann.


    Und warum man ein Vorfahrt-Achten-Schild bei dem Teslaladen (Ecke Luisenstr) für die Autofahrer hingebaut hat, damit sie den Fahrradfahrern, die aus Richtung Peek & Cloppenburg kommend in die Luisenstraße einbiegen, eben Vorfahrt gewährt, erschließt sich mir auch nicht... Das Schild sieht nämlich keiner!


    Und by the way: dass Radfahrer andere töten... gut, ich bin auch manchmal kurz davor, mit meinem Rad Amok zu fahren, wenn ich so durch die Stadt radele, aber das ist wohl nicht gemeint.
    Aber Scherz beiseite: die Statistik würde mich wirklich mal interessieren.

  • Zitat

    Fun fact: In der ganzen Stadt sind die Straßen breit genug, um da 2-Meter-Radwege in beide Richtungen draufzubauen.


    Oh, erzähl mal, in welcher Stadt du wohnst. In Hannover funktioniert das jedenfalls nicht.
    Naja, natürlich schon. Wenn keine Autos mehr auf den Straßen fahren dürfen.


    Edit: Zu den Statistiken: In Berlin wurden 2016 3,66% aller Verkehrsunfälle durch Radfahrer verursacht. Außerdem waren an ca. 50% der Fahrradunfälle die Radfahrer (mit) Schuld. Von Toten habe ich nichts gefunden.

    Einmal editiert, zuletzt von sasa ()