Trauer und der Umgang damit

  • Die Beerdigung wird am Samstag mittag sein. Eigentlich stünde nun für mich ja gar nicht zur Diskussion, wo ich dann sein würde. Natürlich würde ich dort sein um mich von meinem Freund zu verabschieden. Nun bin ich aber in das Dilemma geraten, dass ich nur Stunden vor der schrecklichen Nachricht meinen ersten Urlaub seit drei Jahren gebucht habe. Von Freitag auf Samstag nacht sollte es zusammen mit meinen Eltern losgehen. Natürlich könnte ich auch einfach erst zur Beerdigung und dann die 800 km gen Süden hinterher fahren, alleine dann allerdings und ein Tag weniger vom Urlaub als geplant. Ich weiß, es gibt da kein richtig oder falsch und ich habe so eine Ahnung, was mein Freund gewollt hätte. Aber egal welche Entscheidung ich abwäge, es fühlt sich nicht richtig an. Heute abend habe ich mit seinem Onkel telefoniert, der ebenfalls zu unserem 96-Zirkel gehört. Er hätte Verständnis dafür, wenn ich nur in Gedanken und nicht auch physisch dabei wäre. Er hat mir gar angeboten, mit ihm zusammen bei nächster Gelegenheit am Grab vorbeizuschauen. Vielleicht im Rahmen eines der nächsten Heimspiele. Ich gehe nochmal ein, zwei Tage in mich, was ich nun mache mit Samstag.

  • Die Entscheidung triffst Du für Dich. Nur Du mußt mit der Entscheidung klar kommen.

    Wenn ich sie treffen müßte, würde ich zum Hinterherfahren tendieren. Ich hätte einfach Angst, es später zu bereuen, wenn ich es nicht gemacht hätte. Es ist ja anscheinend mit vertretbarem Aufwand machbar. Ist ja nicht die AIDA, die Samstagmorgen ablegt und Du nicht hinterher kannst. Oder ein Flieger nach den Weihnachtsinseln, der nur einmal die Woche des Samstags fliegt. In solchen Fällen könnte es sein, daß ich die Beerdigung eventuell ausfallen lassen würde, wenn mir der Urlaub mit den Eltern sehr wichtig wäre.

  • Ich bin vielleicht ein wenig forsch. Unter diesem Aspekt bitte ich, das folgende Posting zu betrachten:

    Du bist derjenige, der weiterlebt.

    Du hast Trauerbedürfnisse, es betrifft den Samstag, vielleicht auch "Jahrestage", gemeinsame Erlebnisse, wir Menschen sind so geprägt, dass wir Stützpunkte für Trauer brauchen.


    Ich persönlich habe folgenden Eindruck,:

    Die Beerdigung ist ein einmaliges Ereignis.

    Verreisen nach drei Jahren Corona auch. Aber es tut keinen Abbruch, wenn deine Eltern nicht auf deine (körperliche) Unterstützung zum Reiseantritt angewiesen sind. Das machen die dann.


    Nimm Abschied. Von deinem Freund. Das ist nicht wiederholbar.


    Danach machst du mit deinen Eltern Urlaub.

  • Dem schließe ich mich an. Kümmer dich um dein Trauerbedürfnis und fahre dann hinterher.


    Also so als Richtung. Nicht als Anweisung.


    Viel Kraft dafür.

  • Ich vermute auch, dass du es dir sonst hinterher ewig vorwerfen wirst. Aber hör am Ende auf dein Herz und du wirst das richtige tun.

  • Ich wünsche dir die Kraft, die für dich richtige Entscheidung zu treffen.

    Und wenn du sie getroffen hast, ist es die richtige Entscheidung.

  • C96Brand


    Ich würde nicht den einen Tag Urlaub in das Zentrum Deiner Überlegungen stellen, sondern ob es Dir hilft, sich im Kreis von gemeinsamen Freunden von ihm zu verabschieden.

  • Entscheide nach deinem Gefühl C96Brand. Ich persönlich schaffe mir Freiräume für die Trauer und die fallen nicht immer mit Beerdigungen zusammen. Wenn dir danach ist, dann fahre in Urlaub, dein Freund fährt ohnehin mit.

  • Bedenke vor allem: Du bist niemandem Rechenschaft schuldig. Ob Du hingehst oder nicht - Du machst das Deinetwegen.
    Nicht wegen anderer Leute.

  • Vor einer Woche habe ich im Beschwerdefaden über den Schlaganfall meiner Mutter berichtet.

    Drei Tage später ist sie gestorben. Ich kann das alles noch gar nicht richtig fassen. Am Samstag fahre ich zu ihr, um ihren Geburtstag zu feiern, den 77. Am Sonntag kommt sie ins Krankenhaus und wird operiert. Am Mittwoch ist sie tot. Das ging alles zu schnell.

    Trotz Setzen eines Stents kam es zu weiteren Infarkten am Hirnstamm. Am Montag musste ich feststellen, dass sie intubiert wurde, wovon mich keiner in Kenntnis gesetzt hat. Ich hatte die Ärzte allerdings darüber informiert, dass meine Mutter jegliche lebenserhaltenen Maßnahmen ablehnt. So musste ich veranlassen, dass ihr der Schlauch gezogen wird. Ich.

    Anschließend sprach man immer nur davon, sie würde tief schlafen. Kein einziges Mal fiel das Wort "Koma". Trotz mehrfacher Nachfragen über eine Bildgebung bzw. das Ausmaß der Schädigung wurde mir nichts Genaues gesagt. Nur, dass ich mit ihr reden solle. Das würde sie ja vielleicht hören. Sie kam dann auf eine "normale" Station, ohne an Morphium angeschlossen zu werden. Ich habe zwar nachgehakt, mich aber auf die Aussage verlassen, man würde ja regelmäßig gucken, und es ginge ihr gut.


    Ich befand mich wohl im Schockzustand und ließ die Schlussfolgerungen nicht an mich ran. Was einfach ist, wenn keiner Klartext spricht.

    Am Dienstag wurde sie dann auf die Palliativstation verlegt und bekam jetzt endlich auch Morphium. Ich darf gar nicht daran denken, was vorher war...

    Abends bin ich dann zum ersten Mal wieder nach Hannover gefahren, weil ich nach Hause wollte, nicht mehr allein sein wollte. Das habe ich ihr genauso erzählt. Und dass ich morgen wieder käme. Diese Nacht hat sie genutzt. Vielleicht, weil sie wusste, dass ich nicht allein sein würde, wenn ich die Nachricht erhalte.


    Ich bin froh, dass ich da war, als es passiert ist. Ich mache mir Vorwürfe, dass ich nicht darauf gedrungen habe, sie ins Krankenhaus zu begleiten zu dürfen und darauf, dass sie Morphium erhält. Ich bin wütend auf das Krankenhaus, die schlechte Informationspolitik, das Missachten der Patientenverfügung. Aber ich denke, das gehört jetzt alles zum Trauerprozess dazu. Auch, es sich von der Seele zu schreiben.

    Ich möchte euch nochmal danken für eure Anteilnahme nach der ersten Nachricht. Dass hat mich sehr beeindruckt, da ich ja keinen von euch persönlich kenne. Ein tolles Forum seid ihr!

  • Och Mensch - mein herzliches Beileid.

    Mach dir nicht zuviel Vorwürfe, auf sowas ist keiner vorbereitet. Dem steht man hilflos gegenüber, und vertraut erstmal.