Ich finde es gut, dass die Situation um unser Rentensystem endlich die Aufmerksamkeit erlangt, die ihr gebührt. Das war ja jahrzehntelang nicht der Fall, obwohl der demografische Wandel und die damit verbundene Dramatik nicht nur einigen wenigen bekannt war. Die Fakten lagen alle auf dem Tisch - und wurden weitestgehend ignoriert - nicht nur von der Politik.
Ich habe in den letzten Jahrzehnten mit einigen tausend Menschen (!) über das Thema "Altersversorgung" gesprochen und ihnen Möglichkeiten aufgezeigt, wie sie zumindest für sich selbst die Situation durch aktives Handeln mildern bzw. verbessern können. Ja, das war natürlich auch in meinem Geschäftsinteresse, das gehört zur Wahrheit dazu.
Was ich in den Gesprächen (meistens in der Altersgruppen 20-40 Jahre) da erlebt habe, ließ mich immer wieder verblüfft zurück. Ich beziehe mich jetzt nicht auf Menschen im Geringverdienerbereich (obwohl es die mindestens genauso betrifft), sondern auf Leute, die ein sehr auskömmliches Einkommen, ein normalen bis gehobenen Lebensstandard haben und vom Bildungsniveau her nicht unterdimensioniert sind: Die Bereitschaft, etwas für sich und seine Altersversorgung (ich rede nicht nur von klassischen Rentensparplänen, sondern auch von allen möglichen Sparformen bis hin zu den ETFs) zu tun, war immer sehr defensiv. Immer waren gerade andere Dinge wichtiger. Es kamen immer wieder abstruse Begründungen, warum sie nicht für ihr Alter vorsorgen können (wollen). Selbst relativ kleine Beträge (in Summe weniger als die Kosten für eine einzige Voll-Tankladung ihres Verbrenners) wären zu viel. Angebote der Arbeitgeber, eine betriebliche Altersvorsorge abzuschließen, wurden reihenweise abgelehnt, obwohl der Arbeitgeber sich immer mehr an den Beiträgen beteiligt hat. Es ist halt immer auf der Prioritätenskala weit hinten. Dazu passt auch, dass trotz erheblicher finanzieller Nachteile die "Durchhaltequote" sehr gering bei denjenigen, die doch eine Altersvorsorge aufbauen wollten, ist. Gekündigt wird nicht nur bei echten Problemen, sondern auch, weil der neue BMW einfach attraktiver ist, als eine Zusatzrente irgendwann in 35 Jahren. Von den 60,-- Euro Monatsbeitrag kann man sich ja auch ein SKY-Abo leisten, wo man jedes Wochenende schön Fußball gucken kann. "Mein neues I-phone kostet mich im Monat 75 EURO, da kann ich nicht zusätzlich etwas fürs Alter zurücklegen". "Eigentlich wollten wir schon seit Jahren mal eine Fernreise machen und mit dem Geld aus dem angesparten Rententopf ist das sofort und ohne Probleme möglich".
Allein bei der Frage im Beratungsgespräch: "Wie schnell komme ich an das Geld wieder ran, wenn ich es mal brauche?" zündet alle roten Lampen an. Und dann gibt es nicht wenige Kandidaten, die sagen: "Der Staat wird mich schon unterstützen, wenn meine Rente nicht ausreicht." "Mein Arbeitskollege macht auch nichts für die Rente - warum soll ich das dann machen?"
Auch schön: "Ihr wolllt ja nur einen Vertrag abschließen!". Meine Antwort: "Ja, stimmt. Ich arbeite hier nicht ehrenamtlich. Aber schauen Sie doch einmal auf ihre jährliche DRV-Renteninfo, Seite 1 ziemlich weit unten und lesen Sie, was die DRV zu dem Thema empfiehlt". Haben wir natürlich nicht gelesen, sondern wir schauen nur auf das rechte Kästchen mit den beiden Summen. Dann noch einen Blick auf die Hochrechnung weiter unten im Text. Passt schon. Eben nicht.
Ich könnte Bücher füllen und es wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Die jetzige Debatte öffnet hoffentlich die Augen und schafft ein höheres Problembewusstsein. Und sie zeigt, dass man sich, wenn es um die eigene Altersvorsorge geht, nicht unbedingt auf die Politik und ihre "Maßnahmen" verlassen kann. Das Bemühen der Politik wird jetzt sichtbar größer, aber wirkliche Lösungen sind noch weit entfernt. Auch weil viele unterschiedliche Interessen gegenüberstehen und viele nicht bereit sind, auch nur einen Jota von ihren Vorstellungen abzuweichen. Nur Jammern und Motzen bringt aber nichts. Und man kann als Bürger auch das System nicht wirklich verändern.
Am Rande: Die Situation bei der Pflege ist mindestens genauso schwierig. Das Problem und die Entwicklung ist lange bekannt, die Kosten steigen deutlich schneller als die Einnahmen und trotzdem habe nach meinen Erkenntnissen nur rd. 6 Prozent der Altersgruppe von 20 bis 50 Jahre eine Pflegezusatzversicherung. "Ach, der Saat wird uns schon irgendwie durchbringen". Und wenn dann doch die Einsicht mal kommt, sind die meisten entweder zu alt oder zu krank. Oder Beides. Dann hilft nur noch Pflege-Bahr, eine absolute Notlösung, der letzte, aber schlechte, Ausweg.
Oft wird ja insbesondere aus konservativen Kreisen kolportiert, dass die Hartz-IV-Empfänger nur auf Kosten der Allgemeinheit leben. Das ist nicht der Fall. Es sind auch die vielen Normalos, die von der Allgemeinheit erwarten, dass der Saat sie auffängt, wenn sie in Altersarmut fallen oder die Kosten für ihre Pflege übernehmen, weil sie es nicht nötig erachteten, rechtzeitig für sich selbst vorzusorgen und damit Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
Natürlich wäre es ideal, wenn sich der Bürger um nichts kümmern müsste, eine auskömmliche gute Rente und ein perfektes Krankensystem ihn vor finanziellen Katastrophen schützt. Und er all sein Geld nur für seinen kontinuierlich steigenden Lebensstandard ausgeben müsste. Das wären paradiesische Zustände, die jedoch nichts mit der Realität zu tun haben.